Schüss Chef

Die Chefs sind an allem Schuld. Immer. Sei es Politik, Wirtschaft, öffentlicher Dienst – geht es schief ist der Chef Schuld. Also der Chef an sich. Denn das Konzept “Chef” ist heute falsch. Ein Chef ist jemand, der anderen sagen darf, was sie zu tun und zu lassen haben. Und ein Chef ist folgerichtig für alles Tun und Lassen seiner Untergebenen verantwortlich.

Ich habe das in der Einleitung dieses Artikels schon erörtert und werde das im Detail hier nicht wiederholen: Der “Chef” ist ein zivilisatorischer Atavismus. Ich habe das in jenem Artikel in Bezug auf Hierarchien erörtert und die gesamte Arbeitsorganisation behandelt. Hier geht es nun speziell um die Rolle des Chefs. Diese Rolle ist grundsätzlich sinnvoll, oft sogar notwendig, doch ihre Ausgestaltung, ja schon ihre grundsätzliche Definition ist heute kaum mehr tragbar.

Der Chef ist unqualifiziert

Die moderne Arbeitswelt ist zunehmend durch die Kooperation hochgradiger Spezialisten gekennzeichnet. Kein Mitglied des Teams deckt alle Qualifikationen des gesamten Teams ab, schon gar nicht der Chef. Denn jener sollte idealer Weise ein Spezialist in seinem eigenen Fachgebiet, dem Führen von Mitarbeitern, sein. Dennoch ist der Chef für alle Aktivitäten seines Teams verantwortlich.

Um dem gerecht zu werden, müsste der Chef seinen Team-Mitgliedern fachlich überlegen sein, er müsste die beste Taktik und die beste Strategie haben (was nicht das Gleiche ist!), er müsste über die besten Kommunikationsfähigkeiten verfügen, die größte Empathie besitzen … der Mensch, der den Anforderungen an einen “Chef” gerecht wird, existiert in der modernen Arbeitswelt nicht.

Führer, vielleicht folgen wir

Der “Chef” ist durch seine Weisungsbefugnis definiert. Hier liegt der Systemfehler. Wir brauchen Menschen, die Entscheidungen für andere treffen. Das ist nicht nur sinnvoll sondern unerlässlich. Doch wir haben das falsche Leitbild. Wir sollten nicht an Generäle denken sondern an Führer. Bitte alle Assoziationen an den Führer ausblenden!

Ein Führer ist jemand, der den Weg kennt. Er zeigt dem Team fortwährend in welche Richtung das Ziel liegt, welche Abkürzung man nehmen sollte, wo verborgene Hindernisse oder Fallen liegen. Andere Team-Mitglieder lösen alle möglichen Probleme auf dem Weg. Niemand ist gezwungen, einem Führer in diesem Sinn zu folgen. Er überzeugt durch Kompetenz in seinem Fachgebiet.

Doch ein Führer steht nicht über der Gruppe, die er führt. Ein Bergführer ist in der Regel Angestellter, Untergebener seiner Gruppe. Es gibt keinen prinzipiellen Grund, wieso das in der Arbeitswelt anders sein sollte. Meist ist es ja richtig, wenn den Anweisungen des Chefs folge geleistet wird. Aber die Definition des “Chefs” – Weisungsbefugnis – untegräbt gerade die Kernkompetenz desselben: Führen.

Führen auf dem Drahtseil

Das Führen hoch qualifizierter Mitarbeiter ist ein delikater Balanceakt. Die hohe Qualifikation des Personals in der Informationsökonomie sorgt dafür, dass kaum ein Chef mehr eine wirklich signifikante Überlegenheit über seine Kollegen besitzt. Die Arbeitsabläufe erfordern eine hohe Motivation des Personals und diese wird durch unsensible den Vorstellungen des Personals zuwiderlaufende Anordnungen gestört. Diese Störung kann größere Schäden anrichten, als kleinere Fehler – zumal es meist viele Wege zum Ziel gibt.

Es gilt also, stets eine Balance zu finden, möglichst nur die Anordnungen zu geben, die das Team auf einem Weg zum Ziel halten und so weit möglich, das Team machen zu lassen. Wenn Korrekturen nötig sind, sollte dies nicht in Form von Befehlen geschehen. Der Führer sagt, welchen Weg er warum für den richtigen hält und wo er Probleme beim eingeschlagenen Weg sieht. Das Team kann das diskutieren und evtl. andere Lösungen vorschlagen. Ein Chef, der sein Handwerk versteht, muss praktisch nie Befehle erteilen.

Den Weg zeigen

Muss er es doch einmal, sagt er dem Team, ausdrücklich, dass er glaubt einen gewissen Weg einschlagen zu müssen. Das Team wird einem bewährten Führer folgen, auch ohne dass er unbedingte Macht über seine Gefolgschaft besitzt – auch dann, wenn der Führer, wie jeder Kollege, mal Fehler macht.

Darüber hinaus trifft ein Chef natürlich zahlreiche Entscheidungen in seiner täglichen Arbeit. Auch seine Kollegen tun dies ja dauernd. Oft benötigen seine Kollegen Entscheidungen, die nicht allein ihren Bereich betreffen und fragen den Chef, der dies dann für sie tut. Dies bedeutet aber nicht, dass der Chef über seinen Kollegen steht. Dieses Entscheidungen treffen lässt sich auch als Service für seine Kollegen begreifen.

Bis hierhin habe ich “lediglich” eine Umdefinition der Rolle des Chefs vorgenommen. Dies ist nötig doch erst der halbe Weg. Ich habe die für einen Chef erforderlichen Qualifikationen in der Einleitung kurz anklingen lassen: Fachkompetenz, Strategie, Taktik, Kommunikation, Empathie und vieles mehr. Kein Mensch kann all das, was ein Chef braucht, wirklich gut. Daher sollte die Rolle des Chefs nicht nur umdefiniert sondern auch verteilt werden.

Crowd-Cheffing

In Ansätzen geschieht dies heute schon. Es gibt Personalchefs, Produktmanager, technische Leiter und so weiter. Hier werden verteilte Führungsrollen nach Fachkompetenzen geschaffen. Doch ist es immer noch so, dass diese Partialführer jeweils ihr Team haben, dem gegenüber sie weisungsbefugt sind. Dies ist falsch und das nicht nur wegen der Weisungsbefugnis.

Es gibt Menschen, die visionäre Ideen haben, die eine Firma oder ein Team weit bringen können. Es gibt Menschen, die die analytischen Fähigkeiten besitzen, die nötig sind, um visionäre Ideen in Produkte zu verwandeln. Es gibt Menschen, die den ökonomischen Verstand besitzen, dies bezahlbar umzusetzen. Es gibt Menschen, die die Moderationsfähigkeiten besitzen, all diesen Aspekten und mehr den nötigen Raum zu verschaffen.

All diese Menschen – und mehr! – sollten als “Führer” betrachtet werden. Sie führen gemeinsam mit allen anderen das Team oder die Teams zum Erfolg. Warum hat man das nicht schon immer so gemacht? Weil es zu Kompetenzgerangel und hohen Reibungsverlusten führt.

Eine disfunktionale Kultur

Dies ist ein kulturelles Problem. Solange es die Rolle des Chefs gibt, gibt es Menschen, die diese Rolle anstreben, die keine Rücksicht auf den Erfolg des Teams nehmen, sondern ihren eigenen Vorteil über alles stellen. Diese Menschen, zerstören diesen Ansatz. Doch wenn es die Rolle des Chefs nicht mehr gibt, funktioniert diese egoistische Strategie nicht mehr. Wer führt tut dies allein aus dem Grund, dass die anderem ihm folgen, weil die anderem ihm vertrauen. So funktioniert menschliche Gesellschaft natürlicher Weise und genau so sollte sie in der Wirtschaft funktionieren.

In vielen Situationen funktioniert das aber heute nicht ad hoc. Eine komplexe vertrauensbasierte Arbeitsverteilung erfordert ein eingespieltes Team. Es ist schwer zu beurteilen, wer am besten welche Aufgaben übernehmen kann. Doch dieses Problem wird gelöst werden. Wir erleben heute die sich entwickelnde Vernetzung von Information. Wir werden die Vernetzung von Vertrauen erleben und dies wird völlig andere Arbeitsorganisationsformen erlauben. Ich habe mich damit z.B. hier und hier beschäftigt (hier ist eine Übersicht relevanter Artikel von mir).

Wer Menschen institutionelle Macht gibt, überfordert die meisten, tut den Machtbefugten wie ihren Untergebenen Unrecht. Chefs sollten die Diener ihrer Kollegen sein. Sie stehen nicht über ihnen sondern erfüllen – wie alle anderen auch – spezielle Aufgaben für das Team. Hierarchien – auch flache – sind nicht nötig sondern kontraproduktiv. Auf der untersten Organisationsstufe moderner Software-Entwicklung setzt sich hierarchielose Arbeitsorganisation zunehmend durch. Man benötigt, damit das funktioniert, spezielle Arbeitsprozesse.

Doch Hierarchielosigkeit sollte das Leitbild für die gesamte Arbeitswelt sein. Natürlich werden die meisten Chefs ihre komfortable, weitgehend unangreifbare Positionen nicht einfach aufgeben. Die Macht der Chefs wurde über Jahrtausende zu Ungunsten ihrer Untergebenen durchgesetzt. Doch letztlich wird sich das überlegene System durchsetzen.

Dieser Artikel (Englisch) verfolgt sehr ähnliche Ideen aus einer etwas anderen Perspektive.

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The Schildau formerly known as Bielefeld

Es gibt hier in Bielefeld eine etwas längere Wohnstraße. Die ist so untere Mittelklasse, Reihenhäuser, viel grün, Kinder spielen an der Straße. “Auf dem langen Kampe” heißt sie. Aber “Auf dem Langen Kampe” hat eine Eigenheit, die sie zu etwas ein klein wenig Besonderem macht: Die Straße ist eine Kirschbaum-Allee. Und in jedem Frühjahr bekommt sie einen zart-rosanen Horizont. Echt! So eine Kirschblüten-Allee ist ein echter Kitsch-Hammer. Aber hat auch was.

Nachdem sich die Bielefelder Bevölkerung nun dagegen ausgesprochen hat, durch unsere Kirschblüten-Allee eine Straßenbahn zu pflügen – die Bürgerabstimmung über die Erweiterung des Stadtbahnnetze um die Linie 5 entschied gegen den Bau der 5 für deren Trassenführung “Auf dem Langen Kampe” eine mögliche Option war – nachdem sich der Bielefelder Souverän da also gegen-entschieden hat, stürzen sich die Evil Geniusses aus dem Bielefelder Rathaus nun wieder auf ihren zweitgenialsten Plan:  Die Verlängerung der Linie 4 durch die Schrebergärten auf der “Langen Lage”.

Die Schrebergärten sind natürlich schon Geschichte, sie mussten weichen. Es gibt dort, wo die Linie 4 hinverlängert werden soll, jetzt also gar nichts mehr. Das war natürlich anders geplant, aber hey: kann ja mal passieren, so etwas hindert einen doch nicht am weiter bauen. Eigentlich sollte die Straßenbahn ja die Fachhochschule anbinden, die da geplant war, aber die steht nun an der heutigen vorletzten Station der Linie 4.

Denn die Fachhochschule musste ganz, ganz schnell fertig werden, damit sie letztes Jahr den dreifachen Jahrgang aus G8-gegängelten Abiturienten, den letzten G9-Absolventen und den nun nicht mehr wehrpflichtigen jungen Männern aufnehmen konnte. Und wenns schnell gehen soll, kann mit der Planung auch mal was schief gehen. Die FH ist also zu einem der größten Bauskandale der letzten Jahre in NRW geworden und immer noch nicht im Einsatz.

Zurück zur Verlängerung der Linie 4: Diese Verlängerung ist einfach zu schön, um nicht gebaut zu werden. Sie zieht im Halbkreis um ein Wohngebiet. Halbkreis bedeutet, wie der eine oder andere vielleicht schon gemutmaßt hat, dass die Bahn ein Stück zurück fährt in die Richtung aus der sie heute kommt. Oops, da ist wohl schon früher mal was in der Planung schief gegangen. Kann halt passieren. Also im Halbkreis um ein Wohngebiet, so dicht wie rechtlich möglich an einem Kindergarten vorbei und dann ab durchs Landschaftsschutzgebiet: da muss auch nur so ein ganz kleines Eckchen abgeknappst werden, halb so wild. Dann noch unter den Hofeichen des alten Hofes durch, der dort mal stand, und ab auf die “Lange Lage”, die nachdem die Schrebergärten weg sind, nun nur noch ein großer, windiger Acker ist.

Schildau anyone?

DISCLAIMER: Ich bin Vorsitzender des Vereins “Bürgerinitiative Lange Lage”, der die Verlängerung zu verhindern versucht.

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Wir sind die Kultur

Ich glaube, das ist mehr als hervorragende Kunst. Das ist der Beginn einer neuen Kunstart. Kutiman mixt mehr oder weniger kleine YouTube Fragmente zu neuer, faszinierender Musik. Das sind Fragmente von Normalos wie Dir und mir, wohlgemerkt. Irgendein Freak mit einer Kamera singt ins YouTube. Stolze Eltern nehmen ihre Kinder am Instrument auf. Beim Jahresaubschlusskonzert der Musikschule spielen Leute ihre Instrumente vor und landen von irgendeinem Handy eingefangen auf YouTube. Und Kutiman schneidet all das zu überzeugender Kunst zusammen.

Wir brauchen uns nicht vor den Stars zu verstecken. Jeder von uns kann nur einen ganz kleinen Teil beisteuern, denn wir sind halt nicht solche Profis, wie die Stars. Aber zusammen, können wir da durchaus mithalten. Und es gibt nur einen Kutiman. Wenn es viele, sehr viele Kutimans gäbe, gäbe es keine Stars mehr. Denn wir alle zusammen, wir sind die Kultur. Die Stars sind nur Leuchttürme. Ohne uns gäbe es ihre Leistung nicht. Ein Höhlenmensch kann kein E-Gitarrist werden. Wir sind die Kultur.

Noch Utopie, aber bald vielleicht schon Wirklichkeit: Viele Musiker – Normalo-Musik-Lehrer und ihre Normalo-Schüler – bringen gezielt und in guter Qualität (die Aufnahmen, die Kutiman heute verwendet sind mehrheitlich von erschütternder Sound-Qualität) einzelne Instrumentalstimmen und Gesangs-Parts auf YouTube (oder andere Plattformen). Ein Heer von Kutimans durchkämmt diesen riesigen Fundus nach Perlen und mixt daraus neue Musik.

In einem nicht abreißenden Strom schwappen kleine Normalo-Starlet Kutimans, -Sänger und -Instrumentalisten durch die sozialen Netze. Die Kommerzialisierung unserer Musik wird durch diese riesige Flut hervorragender Musik zurückgedrängt. Unsere Kultur selbst entreißt die kulturelle Deutungshoheit dem Kommerz.

Ach ja, natürlich ist Kutiman entartete Kunst. Jeder Song ist eine solche Ansammlung von Copyright-Verletzungen, man könnte seine Kunst leicht verschwinden lassen.

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We are the Culture

I believe this is more than excellent art. This is the beginning of a new artistic movement. Kutiman mixes smallish fragments of YouTube videos into new and fascinating music. These are fragments of normal people like you and me, mind you. Some freak with a camera singing into YouTube. Proud parents film their offspring at the instruments. At the year’s end gig of the music school people play their instruments and end up captured on YouTube by some cell phone. And Kutiman mixes it all into convincing art.

We do not need to hide from the Stars. Each of us can only contribute a very small part, because we are just not as professional as the stars. But together, we can well keep up. And there is only one Kutiman. If there were many, lots of Kutimen, there would be no more stars. Because all of us together, we are the culture. The stars are lighthouses. Without us their performance would not exist. A cave man can be no electric guitarist. We are the culture.

Still utopia , but may soon become reality: Many musicians – Joe and Jane music teachers and their average students – for right this pupose load individual instrumental and vocal parts up to YouTube (or other platforms) in good quality – currently much of the material used by Kutiman has abysmal sound quality. An army of Kutimen comb through this huge pile for pearls and mix new music from it.

In a steady stream of average starlet Kutimen, -singers, and -instrumentalists slosh through the social networks. The commercialization of our musical culture is embanked by this huge flood of excellent music. Our culture itself snatches the sovereignty of interpreting itself from commerce.

Oh and, yes, of course Kutiman is “degenerate art”. Each song is such a collection of copyright infringements: it would be quite easy to disappear it.

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Beardytron 5000

Man muss seine Musik nicht mögen. Um sie zu mögen braucht man immerhin eine erhebliche Affinität zu elektronischer Musik. Denn trotz der enormen Fortschritte, die er erreicht hat, steht die Entwicklung noch ziemlich am Anfang. Aber diese Fortschritte machen Beardyman zu einem der wichtigsten Musiker unserer Zeit. Er ist offensichtlich besessen und hat mit seiner Besessenheit einen musikalischen Quantensprung gemacht, der Musik für sehr lange Zeit prägen wird.

Unsere Schlagzeugerin will uns verlassen. Sie zieht leider weg. Da brachte unser Gitarrist die Idee auf, das Schlagzeug mit Technik zu ersetzen. Da ich der Technik-Nerd in der Band bin, sollte ich mich mal umsehen, was da so geht und was man letztendlich anschaffen müsste. Einen Bass haben wir übrigens auch nicht, das macht unser Keyboarder mit der linken Hand. Also habe ich geforscht, wie man beides mit einer Lösung erschlagen könnte.

State of the Art

Es gibt zwei technische Ansätze für so etwas. Das erste ist der Looper/die Loop-Engine. Damit nimmt an eine kurze musikalische Phrase auf – ein Bass-Riff, ein Schlagzeug-Pattern – und der Looper spielt sie dann immer im Kreis. Musiker machen meist auch nichts anderes, als eine Phrase (oft mit kleinen Variationen) immer im Kreis zu spielen, wenn sie nicht gerade ein Solo spielen.

Looper können live eingesetzt werden. Man muss nur einen Knopf (oft ein Fußpedal) betätigen und die Aufnahme startet und nimmt z.B. automatisch die nächsten 4 Takte auf. Danach kann man die nächste “Schicht” Musik in den nächsten 4 Takten auftragen. So lassen sich mit einem Livelooper faszinierende komplexe Kompositionen live erzeugen und es gibt zahlreiche Musiker, die das tun. Doch mit mehreren Musikern mit mehreren Loopern zu arbeiten ist problematisch, da sich das Tempo mehrerer Looper nicht immer synchronisieren lässt.

Der zweite technische Ansatz ist der Sequenzer. Damit kann man Sequenzen von Tönen erzeugen. Mit solchen Teilen können komplette Orchester-Stücke für Filmmusik erstellt werden oder auch Schlagzeugmuster. Ein orchestrales Arrangement zu erzeugen bedeutet zunächst, den kompletten Satz (die Noten) für dreißig (oder so) Stimmen des Orchesters einzugeben. Dazu kann man ein Keyboard verwenden, was den Vorgang erheblich beschleunigt, aber man muss jede Spur (jede einzelne Stimme des Orchesters) einzeln eingeben und nachher noch die Mischung und Dynamik mühselig einstellen. Live geht da nichts.

Beat It

Aber ein Schlagzeug besteht nur aus einer sehr begrenzten Zahl einzelner Noten (jede Trommel ist quasi eine eigene Note) mit einer fixen Länge. So etwas kann man durchaus live sequenzieren. Dazu gibt es wieder zwei Ansätze. Der erste teilt eine Phrase in separate (meist 16) Segmente auf. Der Musiker gibt live ein ob und auf welchem der 16 Segmente welcher Ton erzeugt werden soll. Diese Technik wird meist von Beatprogrammierern in der elektronischen Musik eingesetzt.

Diese Technik erlaubt es, sehr schnell Beats zu erzeugen, die kein menschlicher Schlagzeuger spielen könnte, weil sie zu schnell und komplex sind. Doch die Arbeitsweise hat kaum etwas mit der Arbeitsweise klassischen Musizierens zu tun. Es ist eher ein sehr schneller Programmiervorgang.

Die andere Möglichkeit zur Erzeugung von Rhythmen ist, sie so einzugeben, wie es ein Schlagzeuger tun würde. Es gibt elektronische Schlagzeuge mit denen das auf klassische Weise möglich ist. Solche Schlagzeuge wurden auf die Größe einer Handfläche verkleinert, so dass man komplette Schlagzeugsätze mit den fünf Fingern einer Hand einspielen kann. Diese “Schlagzeuge” bestehen meist aus c.a. 16 anschlag-dynamischen “Pads” die dann auch für die Eingabe nach dem ersten Ansatz, der Step-Sequencer-Programmierung, verwendet werden können.

Die auf die eine oder andere Art erzeugten Schlagzeugmuster werden dann wieder geloopt (im Kreis gespielt) und es können in mehreren Schichten übereinander aufgetragen werden. Man erkennt schon eine Verwandtschaft zum Live-Looping-Ansatz.

The Sound of Sound

Auf die eben beschriebene Art legt man die Reihenfolge der Töne fest. Doch welche Töne da gespielt werden, ist wieder eine andere Frage. Meist kann man die Töne aus einem riesigen Arsenal von Schlagzeug-Sets (auch elektronischen) auswählen oder direkt mit eingebauten oder angeschlossenen Synthesizern erzeugen. Die Töne kann man oft beliebig kombinieren und wieder mit komplexen Filtern verfremden und bearbeiten. Es gibt eine Reihe von Produkten, mit denen sich auch live einigermaßen so arbeiten lässt.

Im Prinzip könnte man die Töne und Phrasen auch live aufnehmen (also samplen) und dann auf die beschriebene Art neu sequenzieren und verfremden. Das geht auch, doch dazu sind die technischen Möglichkeiten heute sehr begrenzt, einfach weil es bisher keine Produkte gibt, die das so erlauben, dass man es live gut einsetzen könnte.

Ich habe genau nach so einer Technik gesucht. Denn damit wäre man nicht auf rein elektronische Musik begrenzt. Damit könnten wir Basslinien mit Keys oder Gitarre einspielen und diese dann loopen, so dass die beiden Instrumente sich auf anderes konzentrieren können. Ich will Anschlag-dynamische Trigger-Pads um Rhythmen aus “natürliche musikalische” Art spielen zu können anstatt einen Step-Sequencer zu programmieren. Ich will einzelne Stimmen und Phrasen jederzeit zu- und weg-schalten um das Arrangement live an die das Stück anzupassen, an Strophe, Refrain, Bridge. Und ich will schnell den Sound verändern können. All das geht. Aber nicht in Kombination und nicht so einfach live.

Geht nicht? Geht doch!

Darren Foreman, aka Beardyman, ist zunächst als Beatboxer aufgetreten. In der Tat war er 2006 und 2007 Beatboxing Champion von Großbritannien. Er ist einer der besten Beatboxer der Welt. Das heißt, er erzeugt Rhythmen und mehr nur mit Hilfe seines Körpers – vor allen dem Mund – einem Mikrofon und den Händen, mit denen er um Mund und Mikro einen Resonanzraum schafft, der den Ton beeinflusst, formt. Und singen kann er auch.

Damit verfügt Beardyman schon nackt über ungewöhnliche Tonerzeugungs-Möglichkeiten. Doch nackt ist nicht sein Ding. Er hat versucht, mit Technik von der Stange so etwas zu erreichen, wie ich oben beschriebe habe. Er ist damit auch ziemlich weit gekommen, wie man z.B. hier sehen kann:

Doch das genügte ihm nicht. Also hat er sich daran gemacht, das, was er wollte, selbst zu entwickeln. Er hat sich mit Programmierern zusammengetan um ein System zu entwickeln, das seinen Ansprüchen genügt. Die Geschichte dieser Entwicklung ist hier nachzulesen. Und er hat es geschafft.

Tron?

Mit seiner Erfindung, der Beardytron 5000 sind seine Auftritte nach heutigen Maßstäben unfassbar. Er kommt ohne vorbereitetes Material (ohne fertige Basslinien, Beats, oder auch nur Sounds) auf die Bühne. Er singt und Beatboxt, loopt seine Livesamples, und dreht alles durch die digitale Mangel bis geniale elektronische Sound-Wände den staunenden Höher umgeben und mit reißen. Beardyman erschafft ganz alleine auf der Bühne live neue Stücke nach vorgaben des Publikums und es klingt als hätte eine Armada von Produzenten wochenlang mit einer Band gearbeitet um diese Soundskulpturen aus den Computern zu meißeln. Dies eine eine ganz besonders gelungene Show:

Wie gesagt: man muss seine Musik nicht mögen. Epochal ist sie dennoch. Aber das epochale ist nicht die Musik selbst sondern ihr Entstehungsprozess. Erst seit den 90er Jahren des 20sten Jahrhunderts sind die Möglichkeiten der Musik unbegrenzt. Seitdem lassen sich mit Computer-Hilfe absolut beliebige Töne erzeugen und beliebig kombinieren. Vorher war die Tonqualität, der Sound, durch die Tonerzeugungs-Technik (z.B. die bekannten Musikinstrumente) begrenzt und die Tonkombination durch die begrenzten Fähigkeiten von menschlichen Musikern. Doch Computer können alle physikalisch überhaupt möglichen Sounds erzeugen und sie beliebig Kombinieren.

Von Musikinstrumenten, Schnittstellen

Aber die Nutzung dieser unbegrenzten Möglichkeiten hatte praktisch nichts mit dem zu tun, was Musiker sich klassischer Weise als Musik machen vorstellen. Die Nutzung dieser Möglichkeiten bedeutete eine Form von Programmierung durchzuführen.

Die Beardytron 5000 ist der Durchbruch auf diesem Gebiet. Sie ist das erste Musikinstrument, das es dem Musiker erlaubt, einen wichtigen Teil der endlosen Möglichkeiten moderner Tonerzeugung live zu nutzen. Viele Arbeitsabläufe an der Beardytron 5000 haben sogar einen ausgesprochen musikalischen statt eines programmierenden Charakters.

Dennoch ist die Beardytron 5000 erst der Anfang. Ihre Bedienung scheint noch sehr komplex zu sein und die Nutzerschnittstellen sind noch sehr primitiv. Musiker erzielen subtile Effekte mit winzigen Bewegungen ihrer Finger, Lippen, Zungen, ihres Zwerchfells und so weiter. Die Beardytron 5000 ist ein Keyboard, eine Gruppe von anschlag-dynamischen Trigger-Pads, drei IPads auf denen man rumwischt und einige weitere Dreh- und andere Knöpfe. Die Virtuosität, die Beardyman darauf zeigt, ist atemberaubend. Aber da geht noch was. Und Subtilität ist nicht gerade eine hervorstechendes Merkmal von Beardymans Musik.

Ironie der Geschichte

Und dann stellt die Beardytron 5000 aus europäischer Sicht noch eine besondere Ironie der Musikgeschichte dar. Das hervorstechende Merkmal europäischer Musik ist die harmonische Komplexität. In der Melodik waren arabische und indische Musik der europäischen schon immer voraus. In der Rhythmik war afrikanische und südamerikanische Musik Spitze. Nur in der Harmonie, dem Vielklang unterschiedlicher Noten, tat sich das alte Europa hervor.

Die Beardytron 5000 scheint keine harmonische Progression zu erlauben, zumindest kommt sie in Beardymans Musik nicht hörbar vor. Die harmonische Progression ist der Wechsel unterschiedlicher Vielklänge und essentiell z.B. für klassische (europäische) Musik und Jazz. Auch Pop-Musik kommt seltenst ohne aus. Dass die harmonische Progression in der Beardytron 5000 fehlt ist verständlich, handelt es sich doch um ein mathematisch sehr komplexes Thema, das hohe Anforderungen an die computerisierte Tonverarbeitung und die Benutzerschnittstellen stellt.

Doch besondere Leistungen vollbringt die Beardytron 5000 bei der Soundmanipulation. Sound ist die jüngste Dimension musikalische Schaffens. Erst seit c.a. den 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts können Musiker über die Auswahl der Instrumente und subtile Effekte hinaus überhaupt signifikanten Einfluss auf den Sound nehmen. Und Beardyman meißelt den Sound live scheinbar wie er will und das in Bruchteilen von Sekunden.

Auf zu neuen Ufern

Beardyman ist ein epochaler Durchbruch gelungen. Und nur dank seines musikalischen Genies kann er diesen Durchbruch auch demonstrieren indem er alleine live komplexe Sound-Kunstwerke erschafft. Er stößt damit eine Tür auf, durch die ihm bald Musiker aller Genres folgen werden. Denn das Instrument, das er erschaffen hat, ist nicht auf die Erzeugung elektronischer Musik begrenzt.

Es spricht nichts dagegen, Geigen, Gitarren oder Glockenspiele live zu samplen, zu loopen und neu zu sequenzieren. Es spricht nichts dagegen, mit einem Trio komplexe Orchester-Werke live zu erschaffen. Es ist vorstellbar, dass Musiker sich völlig neu aufteilen. Einer macht Rhythmen, einer Harmonien, einer Melodien und einer Gefühle. Das war bisher auch schon ein Stück weit so, aber die Technik lässt völlig neue, willkürliche Aufteilungen zu.

Und die Nutzerschnittstellen werden alle möglichen Muskeln nutzen. Vielleicht wird es Virtuosen geben, die nur mit Bauch- und Brustmuskeln anrührende Streichquartette darbieten. Doch sicher wird es “Instrumente” geben, die mit Lunge, Lippen, Zunge, Händen und/oder Füßen bedient werden, die aber beliebige Klänge erzeugen. Die Zukunft des Musizierens hat begonnen.

Ach ja, unsere Kultur wäre nicht unsere Kultur, wenn wir solch epochale Durchbrüche nicht nach Kräften zur besseren wirtschaftlichen Ausbeutung bremsen würden. Beardyman hat Angst, dass ihm seine Erfindung “gestohlen” wird, weshalb er maximale Geheimniskrämerei darum betreibt.

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Vetternwirtschaft 2.0

Das soziale Netz ist alles. Egal, worum es geht, Marketing, höheres Management, Politik, Militär, auch die meisten Privat-Leben – immer ist es unerlässlich im Aufgabengebiet Leute zu kennen von denen man weiß woran man ist, und die mit einem zusammenarbeiten. Beziehungen, Vetternwirtschaft, Seilschaften, Vitamin B: alles Wörter für die gleiche Sache. Es gibt keinen Faktor, der eine ähnlich große Bedeutung für den Erfolg hat. Die größten Versager können mit Beziehungen Präsident der USA werden und die größten Genies können ohne Beziehung kaum großen Erfolg haben.

Man mag das beklagen, doch genau so kann man die Schwerkraft beklagen. Wäre es nicht schön, wenn wir alle fliegen könnten? Weiß nicht. Wäre es nicht schön, wenn wir keine Menschen wären? Weiß nicht. Wir sind Menschen und sollten das Beste daraus machen. Wir sind soziale Tiere. Das ist gut. Und wir sind auf Kooperation angewiesen. Auch gut. Vetternwirtschaft ist teils menschlicher Makel, teils aus der Not geborene Strategie um mit einem ganz speziellen Engpass umzugehen: dem allgemeinen Mangel an Vertrauen.

Der Mangel an Vertrauen

Vertrauen ist heute wahrscheinlich der begrenzende Faktor der Wirtschaft. Riesige Kapital-Mengen marodieren auf der Suche nach lohnenden Investitionsmöglichkeit um den Globus. Riesige Arbeitslosenheere verstopfen viele große Volkswirtschaften. Kapital und Arbeitskraft sind im Überfluss vorhanden. Doch wenn eine neue wirtschaftliche Unternehmung gegründet wird – vulgo: ein Startup – ist zunächst das Kapital das existentielle Problem und dann, die richtigen Leute für den Job zu finden.

Und beide Probleme haben die gleiche Wurzel: den Mangel an Vertrauen.

Vertrauen ist eine einzigartige Ressource. Es ist schwer zu verdienen, sehr leicht zu verspielen und nur sehr eingeschränkt übertragbar. Letzteres geschieht durch eine Empfehlung. Diese kann einen Vertrauensvorschuss – Vertrauen auf Kredit! – vermitteln, welcher es erlaubt, sich das Vertrauen auf neuer Position viel schneller zu erarbeiten.

Die Grenzen der Vertrauens-Übertragung

Dieser Vorgang der Empfehlung zeigt, dass Vertrauen durchaus übertragbar ist, wenn auch mit Einschränkungen. Die Einschränkung besteht darin, dass die Übertragung des Vertrauens durch den Mangel an Vertrauen dem Empfehlenden gegenüber beschränkt ist. Der Vorgang der Empfehlung ist so alt wie die Menschheit – für X lege ich meine Hände ins Feuer – und heute durch Arbeitszeugnisse und Empfehlungen formalisiert.

Doch diese Formalisierung stammt noch aus der Ära der Holzmedien. Sie ist enorm umständlich, bürokratisch, ineffizient (Arbeitszeugnisse verwenden z.B. einen speziellen Sprach-Code) und skaliert schlecht bis garnicht. Letzteres bedeutet, dass sie nur für Einzelfallprüfung taugt und sich nicht beschleunigen lässt.

Netzwerke

Wir leben heute in einer Utopie. Der überwiegende Teil der Menschheit ist heute zumindest eingeschränkt Teil des globalen Informationsnetzes und es wird nicht lange dauern, bis fast jeder Mensch uneingeschränkten Zugang zum Informationsnetz haben wird (siehe hier). Das war vor dreißig Jahren völlig unvorstellbar. Und es hat die Welt für die Teilnehmer des Informationsnetzes grundlegend verändert.

Nun stellen Sie sich bitte eine andere Utopie vor: Wir alle seien Teilnehmer eines globalen Vertrauensnetzes. Das Vertrauensnetz unterscheidet sich grundlegend vom Informationsnetz. Ich könnte mir Information theoretisch auch aus einer einzigen Quelle abrufen und es wird gerade versucht, die Netzstruktur des Informationsnetzes genau in diese Richtung um zubauen. Doch das Vertrauensnetz kann ausschließlich als Netzstruktur funktionieren – und es setzt das Informationsnetz voraus.

Ich kann die Vertrauenswürdigkeit einer Person nur beurteilen, wenn ich sehe, welches Vertrauen dieser Person von anderen entgegengebracht wird, welches Vertrauen diesen anderen entgegen gebracht wird und so weiter. Das Vertrauensnetz erfordert also eine netzförmige Informationsübertragung zwischen seinen Teilnehmern.

Vertrauensnetz

Es ist keine Utopie. Das Vertrauensnetz existiert. Doch wir leben in seiner Steinzeit. Wenn Sie alt genug sind, wissen Sie vielleicht noch, wie sich das WWW vor Google angefühlt hat. Information zu finden war furchtbar umständlich. Ein Internetsuche hat meist viel Zeit in Anspruch genommen und man hat bergeweise Information gefunden, die man überhaupt nicht gesucht hat.

Erinnern Sie sich vielleicht auch noch an die Zeit vor den großen Suchmaschinen wie Lycos, Altavista und Metager? Anfang der Neunziger gab es schon große Informationsmengen im Netz, aber sie waren nur sehr schwer zugänglich. Surfen mit Mosaic machte Spaß und war total spannend, hatte aber noch kaum praktische Bedeutung. Es war jenseits der Universitäten eine Spielerei.

Das Vertrauensnetz befindet sich heute irgendwo zwischen diesen ersten Anfängen mit Mosaic und dem Auftauchen von Googles Page-Rank Algorithmus. Doch das Problem des Vertrauensnetzes ist nicht nur das Fehlen einer Suchmaschiene sondern vor allem das Fehlen der tieferen Vernetzung.

Vertrauensnetz-Tools schießen wie Pilze aus dem Boden. Immer mehr Dienste bieten Bewertungs-Möglichkeiten für alles Mögliche. Kunden-Reviews von Amazon-Produkten, Bewertungen von Verkäufern auf Ebay, von Handwerkern auf Myhammer, Bewertungen von Geschäften auf Yelp, Bewertungen von Bars, Restaurants und Shops auf Foursquare, Bewertung von Arbeitgebern auf Kununu, Bewertung von Arbeitnehmern auf Dutzenden Freelancer-Plattformen und geschäftlichen sozialen Netzen wie LinkedIn, die Bewertung des persönlichen Wohnumfeldes auf airbnb – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Es gibt heute nur noch wenige Lebensbereiche, für die keine Bewertungsplattformen existieren.

Und dann gibt es noch die großen sozialen Netze, allen voran Facebook. Auch hier finden mit “Freundschaften” und “likes” dauernd Bewertungen statt, auch wenn die Bewertungsmöglichkeiten hier um des sozialen Friedens willen sehr eingeschränkt sind. Es existiert ein riesiges Netz von Bewertungen. Und diese Bewertungen drücken oft Vertrauen aus: ich vertraue diesem Produkt (oder auch nicht), diesem Handwerker und so weiter.

Kein Vertrauen ohne Netz

Doch insbesondere von Amazon ist das Kernproblem bekannt: ausgesprochenes Vertrauen nutzt genau gar nichts, wenn man dem nicht trauen kann, der das Vertrauen ausgesprochen hat. Interessanter Weise funktioniert es anders herum schon einigermaßen: wer brauchbare Produkte bei Amazon sucht, muss Produkte mit vielen Bewertungen suchen und kann sich dann ein brauchbares Urteil aus Zahl und Inhalt der negativen Bewertungen bilden. Die positiven sind irrelevant, da sie oft gefälscht sind.

Denn was fehlt ist die Vernetzung: wüsste ich, dass ich den Bewertern trauen kann, wären die Bewertungen viel hilfreicher.  Natürlich versucht Amazon dieses Problem mit dem Top-Rezensenten-Programm zu adressieren, stellt sich dabei aber gleich wieder selbst ein Bein.

Dasselbe gilt auf allen Bewertungsportalen: Sie sind nicht völlig nutzlos. Doch da meist nur eine einzelne Ebene des Vertrauens abgebildet und nicht tiefer vernetzt wird, ist der Nutzen extrem eingeschränkt. Das Vertrauensnetz steckt noch in seiner Steinzeit.

Aber wird es hier denn eine dem WWW und Informationsnetz vergleichbare Entwicklung überhaupt geben? Handelt es sich nicht um ein Randphänomen? Oh, ja, diese Entwicklung wird es geben. Oh nein, das ist kein Randphänomen. Das soziale Netz ist alles. Das Vertrauensnetz ist eine Killerapplikation. Eine Killerappliation ist eine Anwendung, die zum Selbstläufer wird und ganzen Technologie-Familien zum gesellschaftlichen Durchbruch verhelfen, weil sie so ungemein nützlich sind. Beispiele? Technologie – Killerapplikation:

  • Elektrizität – elektrisches Licht

  • Computervernetzung – Email

  • Internet – WWW

Ein funktionierendes Vertrauensnetz bedeutet, dass ich genau weiß, welchen Bewertungen, welchen Kommentaren, welchen Artikeln ich trauen kann. Dadurch wird der Wert der Information enorm gesteigert; und unsere Gesellschaft mit einer Radikalität transformiert, die die Anfänge der Vernetzung bis heute recht beschaulich aussehen lässt.

Denn der Mangel an Vertrauen hat unsere Gesellschaft geprägt wie kein anderer Faktor. Menschen organisieren sich auf allen Ebenen zu Gruppen, die meist eine gewisse Zeit bestehen. Von der Familie zur Abteilung, vom Fußballverein zu den Bilderbergern: egal, was man erreichen möchte, man benötigt eine Gruppe von Menschen und diese funktioniert nur mit Vertrauen.

Disruption Reloaded

Wenn nun Vertrauen überall reichlich vorhanden ist, ändert das vieles. Natürlich werden die traditionellen Gruppen fortbestehen, sie sind Teil unserer menschlichen Natur. Doch das Vertrauensnetz erlaubt es, unmittelbar Ad-Hoc-Gruppen zu bilden, die sofort effizient arbeiten können. Jedes Mitglied, weiß, was es von den anderen erwarten kann und was nicht, auch wenn sich alle Mitglieder noch nie vorher begegnet sind. Wenn ich irgendeine Aufgabe zu erledigen habe, kann ich mit Hilfe des Vertrauensnetzes sofort die ideale Person zur Lösung der Aufgabe finden.

Es ist möglich, dass sich feste Arbeitsverhältnisse langfristig weitgehend auflösen. Voraussetzung ist das Vertrauensnetz und die Freelancer-Platformen arbeiten genau daran. Doch es sind nicht nur feste Arbeitsverhältnisse betroffen. Die potentielle Änderung der Organisationsform betrifft alle Bereiche der Gesellschaft.

Man mag das beklagen, doch genau so kann man die Schwerkraft beklagen. Es hat (auch?) Vorteile. Es wird zum Beispiel kein Problem sein, einen guten Handwerker zu finden. Und viele meiner utopischen Ideen setzen das Vertrauensnetz voraus.

Jedenfalls wird es sich kaum aufhalten lassen. Denn der wirtschaftliche Vorteil ist enorm. Es lässt sich beobachten, wie die Wirtschaft zunehmend Projekt-orientiert wird. In Teilen der IT-Wirtschaft gibt es einen Trend, nur mit einer Kernbelegschaft zu arbeiten und die Hauptarbeit von Projekt-bezogenen Ab-Hoc-Teams aus Freelancern erledigen zu lassen. Somit haben solche Unternehmen immer die perfekte Mannschaft für die Projekte und müssen keinen Leerlauf bezahlen, wenn die Auftragslage mal mau ist.

Mit zunehmender Automation wird die Projekt-Bezogenheit zunehmen. Denn die eigentliche Produktion, Dienstleistung und so weiter nimmt immer weniger Arbeitskraft in Anspruch. Was mindestens noch eine Weile bleiben wird ist die Markt-Exploration und der Aufbau neuer Produkte, Dienstleistungen, Produktionsabläufe usw. Alls dies ist Projekt-Arbeit. Und es wird in all diesen Bereichen und mehr immer wichtiger für einen recht begrenzten Zeitraum ein Team auch hoch spezialisierten Experten zusammen zu stellen.

Es ist fraglich, ob die starren Strukturen der traditionellen Wirtschaft den immer schnelleren Innovationszyklen gewachsen sein werden. Der Freelancer-Markt wächst stetig und das trotz gering ausgebildetem Vertrauensnetz und obwohl bisher nur spezielle Persönlichkeiten zu Freelancern werden, da die sozialen Sicherungs-Systeme nicht mit diesem radikalen Wandel mithalten.

An anderer Stelle zeigen sich die Auswirkungen des frühen Vertrauensnetzes noch deutlicher: Airbnb und anderen Plattformen ist es gelungen, den Vertrauensmangel in einem speziellen Marktsegment soweit zu sättigen, dass die Branche der vorübergehenden Unterbringung gerade revolutioniert wird. Nebenwirkungen sind niedrigere Kosten und ein erheblich besserer Service für die Kunden. Dieser Artikel bietet eine interessante Diskussion zu dem Thema und geht explizit und ausführlich darauf ein, was das mit Vertrauen zu tun hat.

Echte Markwirtschaft braucht Vertrauen

Abstrakter lässt sich feststellen, dass mit zunehmender Ausbildung des Vertrauensnetzes die Transaktionskosten auf breiter Front einbrechen. Das Vorhandensein und die Höhe der Transaktionskosten bei der Benutzung des Marktes sind überhaupt dafür verantwortlich, dass es Firmen und andere wirtschaftliche Institutionen gibt. Wenn die Transaktionskosten sinken, sollte das dazu führen, das der Markt kleinteiliger wird. Das heißt es gibt viel mehr kleine Anbieter und viel weniger große.

Genau das lässt sich im Unterbringungsmarkt beobachten, womit wir wieder bei obigem Beispiel Airbnb sind. Auch Ebay, Amazon Marketplace und viele andere Angebote, die die Transaktionskosten senken, haben genau den gleichen Effekt.

Für mich ist das ein Grund zum jubeln. Ich glaube, dass der Markt funktionieren würde und die beste Organisationsform der Wirtschaft wäre, wenn man ihm denn eine Chance gäbe. Doch statt vom Markt ist unsere Wirtschaft von Monopolen und Kartellen geprägt. Mit zunehmender reife neigt jeder Markt zu starker Konzentration auf Anbieter-Seite. Das heißt, der Markt schafft sich stets selbst ab. Ein wichtiger Grund für diese Konzentration sind die hohen Transaktionskosten, die durch das Vertrauensnetz massiv gesenkt werden. Ein anderer ist übrigens die Werbung, wie ich hier erörtere.

Wir sehen also Zeiten entgegen, die meinen Idealen deutlich näher kommen. Dieser Artikel stellt das ganz ähnlich dar. Auch hier werden Grenzkosten, Transaktionskosten und der Vertrauensfaktor betrachtet.

Rückkopplung auf die Menschen

Das Vertrauensnetz wirkt natürlich auch auf die Menschen zurück. Wenn ich Mist baue, kann sich das auf das mir entgegen gebrachte Vertrauen auswirken. Und “Mist” kann sowohl fachliche als auch menschliche Dimensionen haben. In einer Welt schnell wechselnder Kooperationen kann es sich z.B. ein Chef nicht leisten, seine Mitarbeiter schlecht zu behandeln – mit ihm würde schlicht niemand arbeiten wollen. Gleiches gilt möglicherweise, für moralisch fragwürdige Unternehmungen: wenn ich z.B. an einem ausbeuterischen Projekt mitarbeite verbaue ich mir damit möglicher Weise meine berufliche Zukunft.

Doch das ist nicht auf den Beruf beschränkt. Wir werden eine Demokratisierung der Wirtschaft erleben. Jemand, der beispielsweise persönlich für die Lieferung von Waffen in Krisengebiete verantwortlich ist, bekommt möglicherweise kein Bier mehr in einer Kneipe. Grund dafür ist der Arschlochdetektor. Man mag den beklagen, aber verhindern wird man ihn kaum. Auch hier wird das z.B. anhand der kaum aufzuhaltenden automatischen Gesichtserkennung erläutert.

Das Vertrauensnetz wird die Welt radikal verändern. Etwas, das so wichtig für unsere Zukunft ist, sollten wir nicht allein zunehmen monopolisierten privatwirtschaftlichen Interessen überlassen. Doch genau das geschieht gerade. Wir brauchen Gesetze, die allgemeinen Zugang zu diesen essentiellen Informationen sichern und Initiativen, die diese Informationen auf öffentlichen Plattformen, ähnlich Wikipedia, zugänglich machen – siehe z.B. KiIsWhoWi.

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Kunstspiel

Kunst ist … für mich. Kunst braucht eine Botschaft, selbst wenn die darin besteht, dass es keine Botschaft gibt. Kunst muss mich ansprechen, mir etwas sagen. Tut sie es nicht, sagt sie mir nichts, und funktioniert für mich persönlich nicht. “Persönlich” ist wichtig. Ein Kunstwerk muss nicht jedem etwas sagen und niemandem sagt jedes Kunstwerk etwas. Die Botschaft ist in fast allen Genres non-verbal und lässt sich auch verbal nicht fassen. Könnte ich das, was ein Kunstwerk auslöst, mit Worten fassen, wären es keine Kunst. Das gilt übrigens selbst für Literatur: die Kunst steht zwischen den Zeilen. Und noch etwas: Die Art, wie das Kunstwerk seine Botschaft vermittelt muss originell sein oder meisterlich. Kunst ist … für mich … eine originelle und/oder meisterliche Informationsübertragung.

Ich gehöre zur ersten Generation der Daddelkinder. Anfang der 80er bekam ich die erste populäre Video-Spielkonsole, das Atari 2600. Ich habe die Entwicklung der Computerspiele seit ihren Anfängen 20 Jahre lang aktiv verfolgt und registriere seit 10 Jahren noch als eher Außenstehender die Entwicklung. Mir ist nie der Gedanke gekommen, dass ein Computerspiel Kunst sein könnte.

Es gibt zahlreiche Spiele mit anspruchsvoller Grafik, fantastischem Level-Design, meisterlicher Ausführung. Doch selbst, wenn manche Spieleschöpfer offensichtlich mit künstlerischem Anspruch und durchaus respektablem Erfolg an ihre Spiele gehen, kommt dabei bestenfalls Gebrauchskunst heraus. Es gibt sicherlich auch Künstler, die versuchen Spielekunstwerke zu schaffen. Ich habe aber keins gesehen, das als Spiel überzeugt. Und dann ist es kein Spiel, sondern Kunst, die sich einer speziellen Sprache bedient.

Super Hexagon macht Spaß und nicht zu knapp. Er wird verschiedentlich als Suchtspiel bezeichnet. Es reflektiert Sprache und Funktionsweise von Computerspielen auf mehreren Ebenen. Die Grafik sieht auf den ersten Blick sehr nach den ersten Videospielen vor 30 Jahren aus – große eckige Klötze fliegen durchs Bild. Der Sound erinnert ebenfalls stark an die Begleitmusik der frühen Klassiker.

Doch die Grafik bewegt sich anders als vor 30 Jahren hundert prozentig flüssig und ist 3D, was aber sehr subtil eingesetzt wird: das ganze Spielfeld kippt dauernd leicht um verschiedene Achsen und dreht sich kontinuierlich in verschiedenen Richtungen und Geschwindigkeiten um den Mittelpunkt. Die groben Klötze einer vergangenen Computerspielära fliegen aus allen (6 – Hexagon!) Richtungen auf diesen Mittelpunkt zu, und es gilt, ihnen auszuweichen.

Der Sound ist ein moderner Tecno-Beat, der sich der Sounds aus der Computerspielarchäologie bedient und das Herannahen der Klötze in seinem Beat pulsieren lässt. Zusätzlichen wabern noch die – wenigen – Farben des Spiels in der sich verändernden Musik.

Alles bewegt sich in verschieden zeitlichen, räumlichen, farblichen und soundlichen Dimensionen. Der Spieler bewegt eine Art Cursor im Kreis um den Mittelpunkt des Spielfelds und muss den herannahenden Klötzen ausweichen. Dazu kann er zu jedem Zeitpunkt eins von drei Dingen tun: Taste “links-rum” drücken, Taste “rechts-rum” drücken, gar nichts tun. Primitivere Interaktionsmöglichkeiten bieten wenige Spiele, selbst in der guten alten Zeit. Dennoch ist das Spielprinzip erstaunlich immersiv.

Und das ist einer der Aspekte, die aus einem scheints simplen Spiel ein Kunstwerk machen. Das Spiel besteht aus lauter 30 Jahre alten Elementen – Grafik, Sound, Spielprinzip, Interaktion – die leicht variiert sind und moderne Technik und Gestaltung subtil einsetzen und erreicht so einen verblüffenden Effekt.

Schon das Zuschauen hat eine erstaunlich hypnotische Wirkung. Für einen reinen Zuschauer ist es ein animiertes Kunstwerk, das die Ästhetik der moderne mit Mitteln der Postmoderne reflektiert. Doch für den Spieler ist es noch mehr.

Es ist lange üblich, dass der Spieler im Laufe des Spiels stärker wird, bessere Mittel erhält um Herausforderungen zu bestehen, die am Anfang unmöglich erscheinen. Nur die allererste Spiele-Generation (und wenige Spiele, wie z.B. Tetris) enthielt dieses Element nicht. Super Hexagon enthält dieses Element ebenfalls nicht. Dennoch lässt es den Spieler nach einiger Zeit Herausforderungen bestehen, die zunächst völlig unmöglich erscheinen. Und das ist in dieser Ausprägung einzigartig.

Super Hexagon ist schwer. Um die leichteste Spielstufe auch nur 10 Sekunden zu überleben muss man schon eine Weile üben. Folgerichtig ist die Schwierigkeitseinstufung der leichtesten Spielstufe “Hard” (schwer). Die folgenden Stufen sind eingestuft als “Harder” (schwerer), “Hardest” (am schwersten), “Hardester” (am schwerstener), “Hardestest” (am schwerstenen) und Hardestestest (am schwerstenenen). Um eine Stufe zu bestehen, muss man 60 Sekunden durchhalten. Wenn man das Spiel zum ersten mal spielt, scheint die Möglichkeit, das auf höheren Stufen zu schaffen, absurd. Tatsächlich dachte ich auch diverse Male, dass ich wohl zu alt dafür bin. Aber mit Übung kommt man überraschend weit.

Super Hexagon reprogrammiert das Gehirn des Spielers, wie dieser Artikel sehr gut darlegt. Super Hexagon gibt einem doch die Mittel es zu bestehen. Aber man muss diese Mittel alle in sich selbst finden. Es erfordert hohe Konzentration. Auf den höheren Schwierigkeiten kann man oft nicht einmal die überstandene Zeit ablesen ohne das Spiel unfreiwillig zu beenden. Es ist so schnell, dass es nicht mehr als ein Zwinkern verzeiht. Doch diese Geschwindigkeit lässt sich nur mit antrainierten Reflexen meistern. Deshalb und wegen der hypnotischen Umsetzung versetzt das Spiel den Spieler schnell in einen Flow-State.

Dadurch, dass es keinerlei ablenkende Elemente hat, zeigt es dem Spieler in ungewöhnlicher Deutlichkeit, wie es ihn verändert. So ist es nicht nur grafisch und musikalisch ein Kunstwerk sondern auch was das Spielprinzip betrifft. Alle diese Elemente – auditive, visuelle, spielerische – spielen auf komplexe Weise zusammen und ergeben ein äußert simples und doch faszinierendes Spiel. Und ein meisterliches Gesamtkunstwerk.

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Eine gewisse surreal gravitätische Erhabenheit

Ein sehr geschätzter Bekannter (hey, was ist mit Deinem Buch, hast Du es schon draußen?) hat mir mal geschrieben, dass er den Titel “Extreme Governing” blöd findet. Er hat das nicht besonders tief begründet, aber er schrieb, “extrem” sei auf jeden Fall falsch für einen Titel.

Verdammt! Da hatte er natürlich recht. Ich habe da nie groß drüber nachgedacht, es war zu offensichtlich. “Extrem” ist falsch. Irgendwie konnte ich mich nicht so recht von dem Titel trennen. Doch ich habe ihn nie wieder verwendet.

Jetzt ist mir plötzlich wieder klar geworden, wieso ich den Titel vor einer kleinen Ewigkeit gewählt hatte. Weil er perfekt ist. Meinen Bekannten habe ich auf “Extreme Programming” hingewiesen, welches ein kleines bisschen Inspiration für die Ideen hinter “Extreme Governing” lieferte, und welches dafür eine Referenz im Titel bekam. Doch “Extreme Programming” ist natürlich nicht der Grund, aus dem “Extreme Governing” “Extreme Governing” heißt. Das hatte sich in meiner Erinnerung verklärt.

“Extreme Governing” ist ein englischer Begriff, kein deutscher. Es ist der Titel eines englischen Büchleins. Ich hatte damals Englisch geschrieben, weil ich glaubte, so mehr Menschen erreichen zu können. Doch später ist mir klar geworden, dass meine Ideen über Kultur und Gesellschaft sehr tief von meiner Kultur und Gesellschaft geprägt sind. Das ist natürlich offensichtlich. Doch ich glaube nun, dass das was ich schreibe wahrscheinlich am ehesten von Deutschen verstanden werden kann, auch wenn meine abartige Form von extremem Liberalismus nicht so gut in meine Kultur passt. Denn was ich schreibe ist so fremd, dass ich Zweifel habe, dass ich meine Ideen überhaupt meinen persönlichen Bekannten verständlich machen kann. Wenn jemand, der meinen kulturellen Hintergrund nicht teilt, dies liest, dann habe ich keine Ahnung, was von dem, das ich eigentlich vermitteln möchte, noch bei ihm ankommt.

“Extreme Governing” ist also Englisch. Die meisten kennen Begriffe wie “Extreme Skiing”, “Extreme Climbing”, “Extreme Chillen” oder ähnliches. “Extreme Governing” klingt nach einer Extremsportart, es klingt wie ein billiger Witz, und hat doch, durch das enhaltene “Governing”, eine gewisse surreal gravitätische Erhabenheit. Und es ist nun mal extrem. Die meisten Ideen sind so weit auf ihr satirisches Extrem zugespitzt, dass sie einzeln betrachtet mehr oder weniger grotesk wirken. “Extrem Governing” klingt je nach (muttersprachlichem) Zuhörer blöd bis selbstironisch, doch auf keinen Fall ernst.

Und aus diesen Gründen ist der Name perfekt. Nun, wo ich hauptsächlich Deutsch schreibe, hätte ich mir ja mal einen vernünftigen Deutschen Namen ausdenken können. Doch im Deutschen ist “Regierung” oder “Gesellschaft” nur schlecht mit Selbstironie zusammen zu bringen. Das wird dann schnell arg platt. Und besser als der perfekte Name würde es kaum. Also bleibt es “Extreme Governing”.

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Die Kunst des Malens

Nur um Missverständnissen vorzubeugen: ich bin ein miserabler Maler. Und das ist sehr geschmeichelt. Denn tatsächlich bin ich überhaupt kein Maler. Ich bin vielleicht ein miserabler Musiker, aber zu malen versuche ich nicht mal. Und ich versuche so einiges. So Schreiben zum Beispiel.

Das Licht ist der einzige Meister des Malens. Eine Wand, roher Putz, weiß angemalt. Ein Wandlicht wirft sein Licht genau entlang dieser Wand und meißelt so jedes Sandkorn im Putz in lange Schatten. Nah an der Lampe kommen noch viele Sandkörner ins Licht und es zeichnet feine Linien um alles. Doch je weiter die Lampe es entlang der Wand wirft, desto mehr überwiegen die Schatten. Die weißen Gipfel des Sandes erheben sich deutlicher aus dem Meer des Schattens doch dazwischen erkennt man immer weniger. Die Mauerer haben zehntel Millimeter tiefe Unebenheiten hinterlassen. Was man Tags nie sieht erscheint im tangentialen Licht der Wandlampe als kleine Pfützen an der Wand.

Und dieses Kunstwerk ist grau-weiß, zweidimensional und unbewegt. Das Licht hat auch ein bisschen mehr drauf. Im November ist es früh dunkel, nass und bunt – so lange noch nicht alle Blätter unten sind. Im nassen Asphalt spiegeln sich die Scheinwerfer des Gegenverkehrs. Für einen kleinen Moment passt der Winkel genau, so dass das Licht direkt vom Scheinwerfer gegenüber ins Auge gespiegelt wird. Ein Augenblick gleißender Blindheit bis die Augen wieder erste Schatten aus der Überdosis Licht schälen. In der Allee regnen gelbe, rote und braune Blätter, die bunt im Scheinwerferlicht erstrahlen. Eine Böe biegt ihren Fall zur Seite während die Augen im Auto unter ihnen wegfahren.

Und all das sind nur Reflektionen, nur Schatten des Lichtes selbst. Wird es selbst lebendig kann es zum Beispiel in einem einfachen Holzfeuer manchen Betrachter für Stunden fesseln.

Maler sind erstaunliche Zeitgenossen, die sich ein Leben Zeit nehmen, um das Licht zu studieren – und es dann mit Farben in zwei zeitlosen Dimensionen festzuhalten.

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Wir sind der Staat

Wir sind der Staat. Sollte man meinen. Das ist zumindest die treibende Idee der “Republik”, der “Res Publica”: der “Sache des Volkes”. Doch nach Jahrtausenden der Gegnerschaft von Herrschenden und Beherrschten, ist es letzteren bislang lediglich gelungen, sich eine etwas bessere Position in diesem vormals aussichtslosen Kampf zu verschaffen. Doch die Gegnerschaft ist geblieben.

Staat gegen Volk

Es gibt nicht viele Völker auf der Welt, die sich so mit ihrem Staat identifizieren, wie wir obrigkeitsgläubigen Deutschen. Doch selbst hier wird z.B. Steuerhinterziehung von den meisten Menschen eher als Sport gesehen denn als ernstes Vergehen. In den USA wird der Staat als potentieller Feind gesehen, gegen den man sich bewaffnen sollte und rund die Hälfte der Bürger sähe den Staat lieber auf wenige Tätigkeitsfelder begrenzt, wie Überwachung und Law und Order. Ein wichtiger Grund für die griechische Misere ist der Antagonismus zwischen dem griechischem Staat und seinem Volk.

Selbst in den fortschrittlichen westlichen Demokratien empfindet sich die Bevölkerung also meist nicht als Teil des Staates sondern mehr oder weniger als sein Gegner. Unter den zahlreichen monokratischen Präsidenten und korrupten Oligarchien dürfte das nicht besser aussehen.

Ich habe an anderer Stelle vorgeschlagen, dass man sich seinen Staat unabhängig vom Wohnort aussuchen können sollte. Dies allein würde auf Dauer sicherlich schon von allein zu bürgernäheren Staatsformen führen. Doch wie könnte so ein bürgernaher Staat aussehen? In “”Regierung mal anders” habe ich mich mit dem legislativen Aspekt dieses Problems auseinander gesetzt, hier geht es nun um die Exekutive.

Mitmachen, Mitentscheiden

Es gibt zwei Faktoren, die mehr alles andere die Identifikation von Menschen mit ihren Institutionen bestimmen. Der eine Faktor ist die Möglichkeit der Einflussnahme. Wenn Menschen nicht die geringste Einflussmöglichkeit auf etwas haben, werden sie sich kaum damit identifizieren. Wenn sie hingegen fast alles bestimmen, wird es schnell zu ihrem „Baby“. Der andere Faktor ist das Mitmachen, das Einbringen der eigenen Arbeit, der eigenen Ideen, der eigenen Person. Es ist kaum möglich, sich mit etwas zu identifizieren, das nichts mit einem zu tun hat und kaum möglich, sich nicht mit etwas zu identifizieren, das man allein geschaffen hat.

In einem Staat ist es offensichtlich nicht möglich, dass alle alles bestimmen und alles selbst machen. Das könnte „bestenfalls“ einer tun – der in sich alle Rollen vom obersten Diktator zum untersten Diener des Volkes vereinen müsste. Wenn dies denn möglich wäre, würde es die Identifikationsmöglichkeit einzelner mit ihrem Staat maximieren, und die aller anderen minimieren.

Staat ohne Bürger

Und so weit das denn möglich ist, gehen wir heute diesen Weg, der der großen Mehrheit eine Identifikation mit ihrem Staat verwehrt. Wir schaffen – seit Jahrhunderten schon – eine bestimmte Klasse von Menschen, die Staat machen. Dies sind die Beamten. Es gibt auch andere Menschen, die letztendlich für den Staat arbeiten. Doch jene führen lediglich einzelne Aufträge aus und arbeiten nicht direkt für den Staat sondern werden von privaten Unternehmen bezahlt, die Aufträge für den Staat übernehmen. Solche Macher werden sich eher mit ihrem Unternehmen identifizieren als mit dem Staat.

Die Beamten sind die Macher. Bestimmen tun sie mit wenigen Ausnahmen kaum etwas, da sie stets streng nach Vorschrift verfahren. Die Entscheidungsmacht wird so stark wie möglich konzentriert. Zwar gibt es mittlere Entscheidungsebenen doch wird die Weisungsbefugnis und letztliche Verantwortung pyramidal nach oben konzentriert wie schon seit Jahrhunderten. Die letzte Entscheidungsbefugnis und Verantwortung trägt auf kommunaler Ebene der Bürgermeister (siehe z.B. Love Parade Debakel in Duisburg), auf Landesebene die Ministerpräsidentin (siehe z.B. Rücktritt Albertz wegen der Ausschreitungen und Benno Ohnesorgs Tod beim Schah-Besuch) und auf Bundesebene die Minister (siehe z.B. Rücktritt Jungs wegen Kunduz-Affaire), bzw. die Kanzlerin.

Ich habe dies schon bezüglicher der Legislative festgestellt und hier für die Exekutive gilt es ebenso: Wenn man bewusst versuchen würde, ein System zu schaffen, mit dem sich die Menschen nicht identifizieren können, könnte man es kaum besser machen: Die Macher sind die unsichtbaren Beamten, die aber nichts entscheiden und sich – wenn sie doch mal kurz sichtbar werden – hinter ihren regalfüllenden Vorschrifts-Gebirgen verstecken. Die Verantwortlichen sind von ihren grauen unsichtbaren Verwaltern kaum zu unterscheiden und sind zusätzlich entrückt in fernen Regierungsgebäuden oder -Kammern, zu denen der Normalsterbliche nie Zugang erhält.

Mitmachen

Die zwei Faktoren, die Identifikation bedingen, sind Mitmachen und Mitentscheiden. Der erste Faktor lässt sich prinzipiell leicht verwirklichen. Jeder Bürger könnte statt steuerpflichtig zu sein, verpflichtet werden, durch seine Arbeit und Qualifikation zum Gemeinwesen bei zu tragen. Jeder Bürger muss einfach einen gewissen Anteil seiner Lebensarbeitszeit für den Staat ableisten. Mit der Wehrpflicht gab es so etwas schon einmal. Man könnte jede Woche ein paar Stunden für den Staat arbeiten oder einige Jahre pro Dekade – das sollte flexibel gehandhabt werden.

Um so etwas umzusetzen braucht es noch ein Anreizsystem. Beamte haben heute eine nahezu perfekt gesicherte Existenz und erhalten regelmäßig Beförderungen. Die größte Schwäche des existierenden Anreizsystems ist, dass es offenbar dazu führt, dass die Bürokratisierung sich ständig ausdehnt, wenn nicht gerade versucht wird ausufernde Bürokratisierung gezielt einzudämmen. Dies liegt daran, dass Ansehen und teilweise auch Sold eines Beamten unter anderem davon abhängen, wieviele Untergebene er zählt. Also ist es mit das wichtigste Interesse der Beamten, ihren Zuständigkeitsbereich – ihre Verantwortung – auszudehnen.

Wenn hingegen alle gleichermaßen Staatsdienst leisten müssen, gibt es nur einen Parameter, den man beeinflussen kann – die Dauer dieses Dienstes. Staatsdiener, die ihren Dienst nicht vernünftig erfüllen müssen also Zusatzdienst leisten, am besten in Bereichen, wo sie der Öffentlichkeit keinen Schaden zufügen können.

Staatsdiener, die es schaffen, die staatlich zu leistende Arbeit zu verringern – durch Effizienzsteigerung oder sinnvolle Eingrenzung der Zuständigkeit – sollten ihrerseits mit Verringerung ihrer Dienstpflicht belohnt werden. Dies würde zu einer Bürokratie führen, die im Gegensatz zu unserer nicht zur Expansion sondern zur Kontraktion neigt.

Natürlich bedarf es weiterer Justierungs-Mechanismen, damit sich die Bürokratie nicht binnen kurzem selbst zur Gänze Abschafft. Und ordentliche Arbeit muss direkt mit hohem Ansehen verbunden werden, wie z.B. hier erläutert.

Entscheidend

Wenn nun jeder beim Staat mitmacht, bestimmt auch jeder automatisch ein Stück weit mit. Arbeiten, die völlig ohne jegliche Entscheidungsbefugnis der Ausführenden auskommen sind rar und stehen in der Regel kurz vor der maschinellen Automatisierung. Doch die Entscheidungsbefugnis heutiger Beamter wird schon sehr weitgehend durch ein enges Vorschriftenkorsett eingegrenzt. Aus verschiedenen Gründen – Effizienz, Identifikation von Bürgern mit ihrem Staat, Anpassung an lokale Gegebenheiten, Motivation der Dienstleistenden, Zufriedenheit der Bürger mit den Dienst Leistenden und vieles andere mehr – sollte jede Entscheidung statt dessen so weit wie irgend möglich in Richtung der Ausführenden verschoben werden.

Ob ein Individuum ein bestimmte Frage entscheiden darf oder vielmehr kann, hängt vom Vertrauen der Kollegen und der in dieser Sache betroffenen Bürger ab. Dieses Vertrauen in professionelle Fähigkeiten wird digital dokumentiert und ist allen zugänglich. Dieser Punkt erfordert eine einigermaßen Umfangreiche Erörterung, die ich hier beispielhaft für ein Krankenhaus geführt habe. Das gleiche System lässt auch auf den Staatsdienst und viele andere Bereiche übertragen.

Wenn Entscheidungen die Koordination unterschiedlicher Bereiche oder mehrerer Kollegen im gleichen Bereich erfordern, dann können sich die Betroffenen Kollegen entsprechend abstimmen oder auch vermittelt durch Koordinatoren (vergleichbar mit heutigen Managern doch nicht unbedingt mit Weisungsbefugnis) einigen. Solche Koordinatoren können auch bei Uneinigkeit eine Entscheidung fällen, oder auch Entscheidungen von einzelnen überstimmen wenn sie höhere oder gleichwertige Interessen gefährdet sehen.

Crowd-Staating

So ist also jeder bei der Umsetzung wie auch bei der Gestaltung des Gemeinwesens beteiligt, so weit es seine Fähigkeiten irgend erlauben. Dies sind optimale Bedingungen für einen bürgernahen Staat. Doch es hat noch andere Vorteile. Es hat wie gezeigt den Bürokratieabbau gleich eingebaut. Und es ist eine Organisationsform, die daraus ausgerichtet ist, aus kleinen Keimzellen dezentral zu wachsen.

Ein solcher Staat muss nicht gleich die komplette Souveränität übernehmen. Er kann mit kleinen Teilaufgaben heutiger Staaten beginnen oder sich auch zunächst andere Aufgaben suchen. Es hat sich gezeigt, dass viele Menschen bereit sind, einen Teil ihrer Freizeit in gemeinschaftliche Projekte zu investieren. Der vorgeschlagene Staat will nicht gleich über Steuern in die Brieftaschen der Menschen greifen sondern nimmt sie einfach soweit auf, wie sie sich einzubringen bereit sind. Gleichzeitig skaliert das System – hoffentlich, doch ich sehe hier zu Zeit keine begrenzenden Faktoren – auf ein großes transnationales Gemeinschaftswesen.

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