Kunstspiel

Kunst ist … für mich. Kunst braucht eine Botschaft, selbst wenn die darin besteht, dass es keine Botschaft gibt. Kunst muss mich ansprechen, mir etwas sagen. Tut sie es nicht, sagt sie mir nichts, und funktioniert für mich persönlich nicht. “Persönlich” ist wichtig. Ein Kunstwerk muss nicht jedem etwas sagen und niemandem sagt jedes Kunstwerk etwas. Die Botschaft ist in fast allen Genres non-verbal und lässt sich auch verbal nicht fassen. Könnte ich das, was ein Kunstwerk auslöst, mit Worten fassen, wären es keine Kunst. Das gilt übrigens selbst für Literatur: die Kunst steht zwischen den Zeilen. Und noch etwas: Die Art, wie das Kunstwerk seine Botschaft vermittelt muss originell sein oder meisterlich. Kunst ist … für mich … eine originelle und/oder meisterliche Informationsübertragung.

Ich gehöre zur ersten Generation der Daddelkinder. Anfang der 80er bekam ich die erste populäre Video-Spielkonsole, das Atari 2600. Ich habe die Entwicklung der Computerspiele seit ihren Anfängen 20 Jahre lang aktiv verfolgt und registriere seit 10 Jahren noch als eher Außenstehender die Entwicklung. Mir ist nie der Gedanke gekommen, dass ein Computerspiel Kunst sein könnte.

Es gibt zahlreiche Spiele mit anspruchsvoller Grafik, fantastischem Level-Design, meisterlicher Ausführung. Doch selbst, wenn manche Spieleschöpfer offensichtlich mit künstlerischem Anspruch und durchaus respektablem Erfolg an ihre Spiele gehen, kommt dabei bestenfalls Gebrauchskunst heraus. Es gibt sicherlich auch Künstler, die versuchen Spielekunstwerke zu schaffen. Ich habe aber keins gesehen, das als Spiel überzeugt. Und dann ist es kein Spiel, sondern Kunst, die sich einer speziellen Sprache bedient.

Super Hexagon macht Spaß und nicht zu knapp. Er wird verschiedentlich als Suchtspiel bezeichnet. Es reflektiert Sprache und Funktionsweise von Computerspielen auf mehreren Ebenen. Die Grafik sieht auf den ersten Blick sehr nach den ersten Videospielen vor 30 Jahren aus – große eckige Klötze fliegen durchs Bild. Der Sound erinnert ebenfalls stark an die Begleitmusik der frühen Klassiker.

Doch die Grafik bewegt sich anders als vor 30 Jahren hundert prozentig flüssig und ist 3D, was aber sehr subtil eingesetzt wird: das ganze Spielfeld kippt dauernd leicht um verschiedene Achsen und dreht sich kontinuierlich in verschiedenen Richtungen und Geschwindigkeiten um den Mittelpunkt. Die groben Klötze einer vergangenen Computerspielära fliegen aus allen (6 – Hexagon!) Richtungen auf diesen Mittelpunkt zu, und es gilt, ihnen auszuweichen.

Der Sound ist ein moderner Tecno-Beat, der sich der Sounds aus der Computerspielarchäologie bedient und das Herannahen der Klötze in seinem Beat pulsieren lässt. Zusätzlichen wabern noch die – wenigen – Farben des Spiels in der sich verändernden Musik.

Alles bewegt sich in verschieden zeitlichen, räumlichen, farblichen und soundlichen Dimensionen. Der Spieler bewegt eine Art Cursor im Kreis um den Mittelpunkt des Spielfelds und muss den herannahenden Klötzen ausweichen. Dazu kann er zu jedem Zeitpunkt eins von drei Dingen tun: Taste “links-rum” drücken, Taste “rechts-rum” drücken, gar nichts tun. Primitivere Interaktionsmöglichkeiten bieten wenige Spiele, selbst in der guten alten Zeit. Dennoch ist das Spielprinzip erstaunlich immersiv.

Und das ist einer der Aspekte, die aus einem scheints simplen Spiel ein Kunstwerk machen. Das Spiel besteht aus lauter 30 Jahre alten Elementen – Grafik, Sound, Spielprinzip, Interaktion – die leicht variiert sind und moderne Technik und Gestaltung subtil einsetzen und erreicht so einen verblüffenden Effekt.

Schon das Zuschauen hat eine erstaunlich hypnotische Wirkung. Für einen reinen Zuschauer ist es ein animiertes Kunstwerk, das die Ästhetik der moderne mit Mitteln der Postmoderne reflektiert. Doch für den Spieler ist es noch mehr.

Es ist lange üblich, dass der Spieler im Laufe des Spiels stärker wird, bessere Mittel erhält um Herausforderungen zu bestehen, die am Anfang unmöglich erscheinen. Nur die allererste Spiele-Generation (und wenige Spiele, wie z.B. Tetris) enthielt dieses Element nicht. Super Hexagon enthält dieses Element ebenfalls nicht. Dennoch lässt es den Spieler nach einiger Zeit Herausforderungen bestehen, die zunächst völlig unmöglich erscheinen. Und das ist in dieser Ausprägung einzigartig.

Super Hexagon ist schwer. Um die leichteste Spielstufe auch nur 10 Sekunden zu überleben muss man schon eine Weile üben. Folgerichtig ist die Schwierigkeitseinstufung der leichtesten Spielstufe “Hard” (schwer). Die folgenden Stufen sind eingestuft als “Harder” (schwerer), “Hardest” (am schwersten), “Hardester” (am schwerstener), “Hardestest” (am schwerstenen) und Hardestestest (am schwerstenenen). Um eine Stufe zu bestehen, muss man 60 Sekunden durchhalten. Wenn man das Spiel zum ersten mal spielt, scheint die Möglichkeit, das auf höheren Stufen zu schaffen, absurd. Tatsächlich dachte ich auch diverse Male, dass ich wohl zu alt dafür bin. Aber mit Übung kommt man überraschend weit.

Super Hexagon reprogrammiert das Gehirn des Spielers, wie dieser Artikel sehr gut darlegt. Super Hexagon gibt einem doch die Mittel es zu bestehen. Aber man muss diese Mittel alle in sich selbst finden. Es erfordert hohe Konzentration. Auf den höheren Schwierigkeiten kann man oft nicht einmal die überstandene Zeit ablesen ohne das Spiel unfreiwillig zu beenden. Es ist so schnell, dass es nicht mehr als ein Zwinkern verzeiht. Doch diese Geschwindigkeit lässt sich nur mit antrainierten Reflexen meistern. Deshalb und wegen der hypnotischen Umsetzung versetzt das Spiel den Spieler schnell in einen Flow-State.

Dadurch, dass es keinerlei ablenkende Elemente hat, zeigt es dem Spieler in ungewöhnlicher Deutlichkeit, wie es ihn verändert. So ist es nicht nur grafisch und musikalisch ein Kunstwerk sondern auch was das Spielprinzip betrifft. Alle diese Elemente – auditive, visuelle, spielerische – spielen auf komplexe Weise zusammen und ergeben ein äußert simples und doch faszinierendes Spiel. Und ein meisterliches Gesamtkunstwerk.

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Eine gewisse surreal gravitätische Erhabenheit

Ein sehr geschätzter Bekannter (hey, was ist mit Deinem Buch, hast Du es schon draußen?) hat mir mal geschrieben, dass er den Titel “Extreme Governing” blöd findet. Er hat das nicht besonders tief begründet, aber er schrieb, “extrem” sei auf jeden Fall falsch für einen Titel.

Verdammt! Da hatte er natürlich recht. Ich habe da nie groß drüber nachgedacht, es war zu offensichtlich. “Extrem” ist falsch. Irgendwie konnte ich mich nicht so recht von dem Titel trennen. Doch ich habe ihn nie wieder verwendet.

Jetzt ist mir plötzlich wieder klar geworden, wieso ich den Titel vor einer kleinen Ewigkeit gewählt hatte. Weil er perfekt ist. Meinen Bekannten habe ich auf “Extreme Programming” hingewiesen, welches ein kleines bisschen Inspiration für die Ideen hinter “Extreme Governing” lieferte, und welches dafür eine Referenz im Titel bekam. Doch “Extreme Programming” ist natürlich nicht der Grund, aus dem “Extreme Governing” “Extreme Governing” heißt. Das hatte sich in meiner Erinnerung verklärt.

“Extreme Governing” ist ein englischer Begriff, kein deutscher. Es ist der Titel eines englischen Büchleins. Ich hatte damals Englisch geschrieben, weil ich glaubte, so mehr Menschen erreichen zu können. Doch später ist mir klar geworden, dass meine Ideen über Kultur und Gesellschaft sehr tief von meiner Kultur und Gesellschaft geprägt sind. Das ist natürlich offensichtlich. Doch ich glaube nun, dass das was ich schreibe wahrscheinlich am ehesten von Deutschen verstanden werden kann, auch wenn meine abartige Form von extremem Liberalismus nicht so gut in meine Kultur passt. Denn was ich schreibe ist so fremd, dass ich Zweifel habe, dass ich meine Ideen überhaupt meinen persönlichen Bekannten verständlich machen kann. Wenn jemand, der meinen kulturellen Hintergrund nicht teilt, dies liest, dann habe ich keine Ahnung, was von dem, das ich eigentlich vermitteln möchte, noch bei ihm ankommt.

“Extreme Governing” ist also Englisch. Die meisten kennen Begriffe wie “Extreme Skiing”, “Extreme Climbing”, “Extreme Chillen” oder ähnliches. “Extreme Governing” klingt nach einer Extremsportart, es klingt wie ein billiger Witz, und hat doch, durch das enhaltene “Governing”, eine gewisse surreal gravitätische Erhabenheit. Und es ist nun mal extrem. Die meisten Ideen sind so weit auf ihr satirisches Extrem zugespitzt, dass sie einzeln betrachtet mehr oder weniger grotesk wirken. “Extrem Governing” klingt je nach (muttersprachlichem) Zuhörer blöd bis selbstironisch, doch auf keinen Fall ernst.

Und aus diesen Gründen ist der Name perfekt. Nun, wo ich hauptsächlich Deutsch schreibe, hätte ich mir ja mal einen vernünftigen Deutschen Namen ausdenken können. Doch im Deutschen ist “Regierung” oder “Gesellschaft” nur schlecht mit Selbstironie zusammen zu bringen. Das wird dann schnell arg platt. Und besser als der perfekte Name würde es kaum. Also bleibt es “Extreme Governing”.

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Die Kunst des Malens

Nur um Missverständnissen vorzubeugen: ich bin ein miserabler Maler. Und das ist sehr geschmeichelt. Denn tatsächlich bin ich überhaupt kein Maler. Ich bin vielleicht ein miserabler Musiker, aber zu malen versuche ich nicht mal. Und ich versuche so einiges. So Schreiben zum Beispiel.

Das Licht ist der einzige Meister des Malens. Eine Wand, roher Putz, weiß angemalt. Ein Wandlicht wirft sein Licht genau entlang dieser Wand und meißelt so jedes Sandkorn im Putz in lange Schatten. Nah an der Lampe kommen noch viele Sandkörner ins Licht und es zeichnet feine Linien um alles. Doch je weiter die Lampe es entlang der Wand wirft, desto mehr überwiegen die Schatten. Die weißen Gipfel des Sandes erheben sich deutlicher aus dem Meer des Schattens doch dazwischen erkennt man immer weniger. Die Mauerer haben zehntel Millimeter tiefe Unebenheiten hinterlassen. Was man Tags nie sieht erscheint im tangentialen Licht der Wandlampe als kleine Pfützen an der Wand.

Und dieses Kunstwerk ist grau-weiß, zweidimensional und unbewegt. Das Licht hat auch ein bisschen mehr drauf. Im November ist es früh dunkel, nass und bunt – so lange noch nicht alle Blätter unten sind. Im nassen Asphalt spiegeln sich die Scheinwerfer des Gegenverkehrs. Für einen kleinen Moment passt der Winkel genau, so dass das Licht direkt vom Scheinwerfer gegenüber ins Auge gespiegelt wird. Ein Augenblick gleißender Blindheit bis die Augen wieder erste Schatten aus der Überdosis Licht schälen. In der Allee regnen gelbe, rote und braune Blätter, die bunt im Scheinwerferlicht erstrahlen. Eine Böe biegt ihren Fall zur Seite während die Augen im Auto unter ihnen wegfahren.

Und all das sind nur Reflektionen, nur Schatten des Lichtes selbst. Wird es selbst lebendig kann es zum Beispiel in einem einfachen Holzfeuer manchen Betrachter für Stunden fesseln.

Maler sind erstaunliche Zeitgenossen, die sich ein Leben Zeit nehmen, um das Licht zu studieren – und es dann mit Farben in zwei zeitlosen Dimensionen festzuhalten.

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Wir sind der Staat

Wir sind der Staat. Sollte man meinen. Das ist zumindest die treibende Idee der “Republik”, der “Res Publica”: der “Sache des Volkes”. Doch nach Jahrtausenden der Gegnerschaft von Herrschenden und Beherrschten, ist es letzteren bislang lediglich gelungen, sich eine etwas bessere Position in diesem vormals aussichtslosen Kampf zu verschaffen. Doch die Gegnerschaft ist geblieben.

Staat gegen Volk

Es gibt nicht viele Völker auf der Welt, die sich so mit ihrem Staat identifizieren, wie wir obrigkeitsgläubigen Deutschen. Doch selbst hier wird z.B. Steuerhinterziehung von den meisten Menschen eher als Sport gesehen denn als ernstes Vergehen. In den USA wird der Staat als potentieller Feind gesehen, gegen den man sich bewaffnen sollte und rund die Hälfte der Bürger sähe den Staat lieber auf wenige Tätigkeitsfelder begrenzt, wie Überwachung und Law und Order. Ein wichtiger Grund für die griechische Misere ist der Antagonismus zwischen dem griechischem Staat und seinem Volk.

Selbst in den fortschrittlichen westlichen Demokratien empfindet sich die Bevölkerung also meist nicht als Teil des Staates sondern mehr oder weniger als sein Gegner. Unter den zahlreichen monokratischen Präsidenten und korrupten Oligarchien dürfte das nicht besser aussehen.

Ich habe an anderer Stelle vorgeschlagen, dass man sich seinen Staat unabhängig vom Wohnort aussuchen können sollte. Dies allein würde auf Dauer sicherlich schon von allein zu bürgernäheren Staatsformen führen. Doch wie könnte so ein bürgernaher Staat aussehen? In “”Regierung mal anders” habe ich mich mit dem legislativen Aspekt dieses Problems auseinander gesetzt, hier geht es nun um die Exekutive.

Mitmachen, Mitentscheiden

Es gibt zwei Faktoren, die mehr alles andere die Identifikation von Menschen mit ihren Institutionen bestimmen. Der eine Faktor ist die Möglichkeit der Einflussnahme. Wenn Menschen nicht die geringste Einflussmöglichkeit auf etwas haben, werden sie sich kaum damit identifizieren. Wenn sie hingegen fast alles bestimmen, wird es schnell zu ihrem „Baby“. Der andere Faktor ist das Mitmachen, das Einbringen der eigenen Arbeit, der eigenen Ideen, der eigenen Person. Es ist kaum möglich, sich mit etwas zu identifizieren, das nichts mit einem zu tun hat und kaum möglich, sich nicht mit etwas zu identifizieren, das man allein geschaffen hat.

In einem Staat ist es offensichtlich nicht möglich, dass alle alles bestimmen und alles selbst machen. Das könnte „bestenfalls“ einer tun – der in sich alle Rollen vom obersten Diktator zum untersten Diener des Volkes vereinen müsste. Wenn dies denn möglich wäre, würde es die Identifikationsmöglichkeit einzelner mit ihrem Staat maximieren, und die aller anderen minimieren.

Staat ohne Bürger

Und so weit das denn möglich ist, gehen wir heute diesen Weg, der der großen Mehrheit eine Identifikation mit ihrem Staat verwehrt. Wir schaffen – seit Jahrhunderten schon – eine bestimmte Klasse von Menschen, die Staat machen. Dies sind die Beamten. Es gibt auch andere Menschen, die letztendlich für den Staat arbeiten. Doch jene führen lediglich einzelne Aufträge aus und arbeiten nicht direkt für den Staat sondern werden von privaten Unternehmen bezahlt, die Aufträge für den Staat übernehmen. Solche Macher werden sich eher mit ihrem Unternehmen identifizieren als mit dem Staat.

Die Beamten sind die Macher. Bestimmen tun sie mit wenigen Ausnahmen kaum etwas, da sie stets streng nach Vorschrift verfahren. Die Entscheidungsmacht wird so stark wie möglich konzentriert. Zwar gibt es mittlere Entscheidungsebenen doch wird die Weisungsbefugnis und letztliche Verantwortung pyramidal nach oben konzentriert wie schon seit Jahrhunderten. Die letzte Entscheidungsbefugnis und Verantwortung trägt auf kommunaler Ebene der Bürgermeister (siehe z.B. Love Parade Debakel in Duisburg), auf Landesebene die Ministerpräsidentin (siehe z.B. Rücktritt Albertz wegen der Ausschreitungen und Benno Ohnesorgs Tod beim Schah-Besuch) und auf Bundesebene die Minister (siehe z.B. Rücktritt Jungs wegen Kunduz-Affaire), bzw. die Kanzlerin.

Ich habe dies schon bezüglicher der Legislative festgestellt und hier für die Exekutive gilt es ebenso: Wenn man bewusst versuchen würde, ein System zu schaffen, mit dem sich die Menschen nicht identifizieren können, könnte man es kaum besser machen: Die Macher sind die unsichtbaren Beamten, die aber nichts entscheiden und sich – wenn sie doch mal kurz sichtbar werden – hinter ihren regalfüllenden Vorschrifts-Gebirgen verstecken. Die Verantwortlichen sind von ihren grauen unsichtbaren Verwaltern kaum zu unterscheiden und sind zusätzlich entrückt in fernen Regierungsgebäuden oder -Kammern, zu denen der Normalsterbliche nie Zugang erhält.

Mitmachen

Die zwei Faktoren, die Identifikation bedingen, sind Mitmachen und Mitentscheiden. Der erste Faktor lässt sich prinzipiell leicht verwirklichen. Jeder Bürger könnte statt steuerpflichtig zu sein, verpflichtet werden, durch seine Arbeit und Qualifikation zum Gemeinwesen bei zu tragen. Jeder Bürger muss einfach einen gewissen Anteil seiner Lebensarbeitszeit für den Staat ableisten. Mit der Wehrpflicht gab es so etwas schon einmal. Man könnte jede Woche ein paar Stunden für den Staat arbeiten oder einige Jahre pro Dekade – das sollte flexibel gehandhabt werden.

Um so etwas umzusetzen braucht es noch ein Anreizsystem. Beamte haben heute eine nahezu perfekt gesicherte Existenz und erhalten regelmäßig Beförderungen. Die größte Schwäche des existierenden Anreizsystems ist, dass es offenbar dazu führt, dass die Bürokratisierung sich ständig ausdehnt, wenn nicht gerade versucht wird ausufernde Bürokratisierung gezielt einzudämmen. Dies liegt daran, dass Ansehen und teilweise auch Sold eines Beamten unter anderem davon abhängen, wieviele Untergebene er zählt. Also ist es mit das wichtigste Interesse der Beamten, ihren Zuständigkeitsbereich – ihre Verantwortung – auszudehnen.

Wenn hingegen alle gleichermaßen Staatsdienst leisten müssen, gibt es nur einen Parameter, den man beeinflussen kann – die Dauer dieses Dienstes. Staatsdiener, die ihren Dienst nicht vernünftig erfüllen müssen also Zusatzdienst leisten, am besten in Bereichen, wo sie der Öffentlichkeit keinen Schaden zufügen können.

Staatsdiener, die es schaffen, die staatlich zu leistende Arbeit zu verringern – durch Effizienzsteigerung oder sinnvolle Eingrenzung der Zuständigkeit – sollten ihrerseits mit Verringerung ihrer Dienstpflicht belohnt werden. Dies würde zu einer Bürokratie führen, die im Gegensatz zu unserer nicht zur Expansion sondern zur Kontraktion neigt.

Natürlich bedarf es weiterer Justierungs-Mechanismen, damit sich die Bürokratie nicht binnen kurzem selbst zur Gänze Abschafft. Und ordentliche Arbeit muss direkt mit hohem Ansehen verbunden werden, wie z.B. hier erläutert.

Entscheidend

Wenn nun jeder beim Staat mitmacht, bestimmt auch jeder automatisch ein Stück weit mit. Arbeiten, die völlig ohne jegliche Entscheidungsbefugnis der Ausführenden auskommen sind rar und stehen in der Regel kurz vor der maschinellen Automatisierung. Doch die Entscheidungsbefugnis heutiger Beamter wird schon sehr weitgehend durch ein enges Vorschriftenkorsett eingegrenzt. Aus verschiedenen Gründen – Effizienz, Identifikation von Bürgern mit ihrem Staat, Anpassung an lokale Gegebenheiten, Motivation der Dienstleistenden, Zufriedenheit der Bürger mit den Dienst Leistenden und vieles andere mehr – sollte jede Entscheidung statt dessen so weit wie irgend möglich in Richtung der Ausführenden verschoben werden.

Ob ein Individuum ein bestimmte Frage entscheiden darf oder vielmehr kann, hängt vom Vertrauen der Kollegen und der in dieser Sache betroffenen Bürger ab. Dieses Vertrauen in professionelle Fähigkeiten wird digital dokumentiert und ist allen zugänglich. Dieser Punkt erfordert eine einigermaßen Umfangreiche Erörterung, die ich hier beispielhaft für ein Krankenhaus geführt habe. Das gleiche System lässt auch auf den Staatsdienst und viele andere Bereiche übertragen.

Wenn Entscheidungen die Koordination unterschiedlicher Bereiche oder mehrerer Kollegen im gleichen Bereich erfordern, dann können sich die Betroffenen Kollegen entsprechend abstimmen oder auch vermittelt durch Koordinatoren (vergleichbar mit heutigen Managern doch nicht unbedingt mit Weisungsbefugnis) einigen. Solche Koordinatoren können auch bei Uneinigkeit eine Entscheidung fällen, oder auch Entscheidungen von einzelnen überstimmen wenn sie höhere oder gleichwertige Interessen gefährdet sehen.

Crowd-Staating

So ist also jeder bei der Umsetzung wie auch bei der Gestaltung des Gemeinwesens beteiligt, so weit es seine Fähigkeiten irgend erlauben. Dies sind optimale Bedingungen für einen bürgernahen Staat. Doch es hat noch andere Vorteile. Es hat wie gezeigt den Bürokratieabbau gleich eingebaut. Und es ist eine Organisationsform, die daraus ausgerichtet ist, aus kleinen Keimzellen dezentral zu wachsen.

Ein solcher Staat muss nicht gleich die komplette Souveränität übernehmen. Er kann mit kleinen Teilaufgaben heutiger Staaten beginnen oder sich auch zunächst andere Aufgaben suchen. Es hat sich gezeigt, dass viele Menschen bereit sind, einen Teil ihrer Freizeit in gemeinschaftliche Projekte zu investieren. Der vorgeschlagene Staat will nicht gleich über Steuern in die Brieftaschen der Menschen greifen sondern nimmt sie einfach soweit auf, wie sie sich einzubringen bereit sind. Gleichzeitig skaliert das System – hoffentlich, doch ich sehe hier zu Zeit keine begrenzenden Faktoren – auf ein großes transnationales Gemeinschaftswesen.

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Das Fest der Liebe

Wenn ich meine Lebenserwartung ungefähr erfülle, habe ich jetzt rund die Hälfte meiner Weihnachtsfeste erlebt.

Mein Vater starb als ich fünf war, davor kann ich mich an keine Weihnachten erinnern. Meine Mutter war nie religiös und konnte auch sonst nichts mit Weihnachten anfangen. Es gab bei uns keinen Weihnachtsschmuck. Es gab einen 50cm hohen “Baum” aus Holz mit geschwungenen Holz-Leisten als Äste – insgesamt in der typischen Tannenbaum-Form. Es gab Geschenke.

Ich habe in meiner Kindheit und Jugend nie gelernt, was das mit Weihnachten soll. Als junger erwachsener war ich Weihnachten manchmal allein, jedenfalls nie bei meiner Familie. Fast alle Menschen in meinem Alter waren mit ihren Geschwistern und Eltern zusammen. Ich war kein besonderer Weihnachtsfan.

Die Frau, mit der ich nun mein halbes Leben verbracht habe, kommt aus einer christlich-konservativen Kleinstadt-Familie. Die Hälfte meiner Weihnachtsfeste habe ich mindestens teilweise bei dieser Familie verbracht. Es gibt schlechtere Arten, Weihnachten zu verbringen.

Seit nun zehn Jahren haben wir Kinder. Die freuen sich natürlich hauptsächlich auf die Geschenke. Jetzt sind sie gerade in der völlig überfüllten Kirche während ich was noch zu erledigen war erledigt habe und wie so oft um diese Zeit über Weihnachten nachdenke.

Mein Verhältnis zu Weihnachten hat sich von deprimierend zu zwiespältig entwickelt. Langsam mache ich meinen Frieden mit dem Fest – hoffe ich.

Die Zeit “zwischen den Jahren” hat schon seit Jahrtausenden eine besondere Bedeutung, die ursprünglich auf die Differenz zwischen Sonnen- und Mond-Kalender zurück geht. Es sind ruhige Tage deren meist mieses Wetter mir zusammen mit der Tatsache, dass die meisten Menschen hier zeitlich verplant und die Geschäfte mehr oder weniger geschlossen sind, viel Zeit zum nachdenken lässt.

Ruhe und Kontemplation sind schon mal ein großes Plus dieser Zeit. Dann ist Weihnachten in Deutschland das Familienfest schlechthin. Das Klischee besagt, dass man sich dann folgerichtig streitet. Doch das ist mir fast immer erspart geblieben. Weihnachten heißt Zeit mit den Menschen, die mir am meisten bedeuten.

Natürlich sind da auch die Geschenke. Geschenke heißt, ich denke über die Beschenkten nach. Ich versetze mich in sie hinein und überlege, was ihnen Freude macht. Ich bin eine Null im Geschenke verpacken. Also brauche ich ewig dafür. Aber es ist dann auch meine Zeit, die ich schenke. Überhaupt wäre es besser, mehr Zeit zu schenken. Etwas zu machen, ein Gedicht zu verschenken, ein Lied, ein Bild oder das Versprechen an einem bestimmten Tag etwas bestimmtes mit dem Beschenkten zu unternehmen. Doch ich fühle mich genauso in Zeitnot wie die meisten meiner Mitmenschen. Also nutze ich unsere arbeitsteilige Gesellschaft und kaufe Geschenke.

Ja, Konsumterror ist furchtbar. Doch es ist nicht Weihnachten, das schlecht ist. Unsere Gesellschaft definiert Anerkennung über Besitz. Und Wert ist nur wer eine Arbeit hat, die so wichtig ist, dass er dafür seine Mitmenschen wenigstens ein bisschen vernachlässigt. Weihnachten zeigt uns dieses Arrangement dann schmerzhaft vergrößert im Hohlspiegel. Kein Wunder, dass viele Menschen Menschen sagen, sie hassen Weihnachten.

Aber wie wäre es, wenn wir den Rest unseres Lebens ein bisschen mehr so ausrichteten, dass Weihnachten nicht mehr ganz so furchtbar ist?

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0,5 Billion

0,5 Billion. Ich habe sie extra klein gemacht, 0,5 Billion. Das sieht als Ziffernfolge imposanter aus: 500.000.000.000. Aber sie entzieht sich als Zahlwort wie als Ziffernfolge dem menschlichen Verständnis. Kein halbwegs normaler Mensch kann sich auch “nur” eine Milliarde vorstellen. 0,5 Billion sind 500 Milliarden.

Ich hatte neulich ein interessantes Gespräch mit einem Kapitalismusverschwörungstheoretiker. Krasses Zeug! Ein Haupterzählstrang dieses Genres scheint es zu sein, dass den Rothschilds im wesentlichen die Welt gehört. Oder mindestens so die Hälfte.

Rothschild?

Ich finde Verschwörungstheorien meist ziemlich unterhaltsam. Blöd ist nur, wenn man versucht, hinter die Verschwörungstheorie zu schauen. Oft sieht es dahinter ziemlich löchrig aus. Andernfalls wär die Verschwörungstheorie wohl auch schon mal als gar zu dämlich aufgefallen. Also google ich mal ein bisschen Rothschild.

Ja, die gibt es noch, nach bald 200 Jahren. Und nicht zu knapp. Die untersten Schätzungen ihres Vermögens … halt. Um das schnell klar zu stellen, das sind jetzt keine Verschwörungstheoretiker “Fakten”. Das sind Schätzungen, die in diversen  allgemein  für seriös befundenen Medien standen (Focus, Yahoo Finance und Zeit). Und dann schreibt der Spiegel noch, dass die jetzt mit den Rockefellers unter einer Decke stecken. Lolwut?! Echt jetzt, lassen wir den Verschwörungsscheiß. Also, selbst die konservativsten Schätzungen kratzen an einer halben Billion. Sind eher so 0,4 Billion, aber jetzt seid mal nicht kleinlich. Damit sind sie Galaxien davon entfernt, die ganze Welt zu besitzen oder auch “nur” die Halbe. Pah! Verschwörungstheoretiker!

Staatsmacht

Allerdings. So was! Die Rothschilds gibts noch und die bestimmen so über eine halbe Billion. Vermögen. Nur um das mal einzuordnen: Das ist knapp das Doppelte des deutschen Staatshaushalts. Das eine ist zwar Kapital und das andere Umsatz, aber der Unterschied ist gar nicht so groß. Je nach Branche schätzt man einen Unternehmenswert in der Größenordnung des Unternehmensumsatzes. Eher macht man mit Vermögen mehr Umsatz als den Vermögenswert.

Man kann also wohl total konservativ sagen, die Rothschilds haben so rund doppelt so viel Macht wie die Bundesregierung. Die Rothschilds können natürlich keine Gesetze machen. Aber die könnten 3 Millionen Arbeitslose durch- und noch 6 Millionen Hungerlöhnern zufüttern. Und das ist erst die Hälfte der Macht. Die könnten noch Kriege führen, alle Lehrer, Richter und Polizisten in Deutschland befehligen, die Rente stützen, den öffentlichen Rundfunk betreiben und so weiter. Und das ganze dann mal zwei: 6 Millionen Arbeitslose, 12 Millionen Hungerlöhner, mehr Kriege, die Lehrer, Richter, Polizisten und Medien halb Westeuropas …

Dann wären sie natürlich nach einem Jahr pleite. Aber rückblickend muss man annehmen, dass sie ihr Geld etwas cleverer anlegen. Es geht ja nur darum, die Macht einzuordnen, wie vielen Menschen und Maschinen die letztlich irgendwie weisungsbefugt sind. Also zweimal die Bundesregierung. Eine Familie.

Wozu braucht man Verschwörungstheorien? Da gibt es eine Familie, denen gehört nicht die Welt, auch nicht die halbe sondern die Bundesregierung. Zwei mal. Macht das irgendwie Sinn, dass wir einzelnen unter uns erlauben, eine solch immense Macht auszuüben?

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Anonymi tät uns nicht gut

Das Leben ist kein Spiel. Und doch prägen uns die Spielregeln stärker, als wir gemeinhin glauben. Sie regeln nicht nur, welche Handlungsalternativen wir haben, sie beeinflussen auch teils erheblich wer wir sind. Unser Sein ist ganz oder teilweise bestimmt durch unser Tun. Und letzteres ist den Regeln unseres Zusammenlebens unterworfen.

Seins-Regeln

Die offensichtlichsten dieser Regeln sind unsere Gesetze. Doch wichtiger noch als diese sind subtilere Regeln, wie Benimmregeln. Ob wir reserviert, höflich oder gerade-heraus sind wird nicht zuletzt durch unsere Kultur geformt. Auch die subtileren Regeln sind ein Stück weit dem politischen System unterworfen, in dem wir zusammen leben. Das betrifft sicher nicht alle Menschen gleichermaßen, doch es genügt, Gesellschaften einen deutlichen Stempel aufzudrücken.

Es war mit Nichten so, dass um die Wende zum 20sten Jahrhundert eine abnorme Häufung böser Menschen in Deutschland geboren wurde, die dann die Mitte dieses Jahrhunderts zur Hölle auf Erden machten. Vielmehr lebte unsere Gesellschaft nach Regeln, die offensichtlich das Schlechteste in vielen Menschen heraus kehren. Gleiches lässt sich in geringerem Maße von den folgenden Regimen des Ostblocks und auch vom Neoliberalismus sagen.

Leitbilder

Es gibt einen universellen Antrieb der meisten Menschen, der herausragende Bedeutung für unser Zusammenleben hat. Es ist das Streben nach Anerkennung. Dementsprechend sind die Regeln nach denen sich diese Anerkennung erringen lässt von größter Bedeutung für unsere Gesellschaft. Noch vor hundert Jahren ging es um Ehre, dann um Blut und “Deutsche Tugenden”, heute um Geld.

All diese Leitbilder gegenseitiger Anerkennung sind nicht sonderlich angetan, unsere besten Seiten zum Vorschein zu bringen. Das liegt nicht daran, dass die Menschen schlecht sind. Wir sind, was wir sind. Doch unsere Regeln, die sind schlecht. Das Netz kennt ein hervorragendes Rezept, Schlechtes zu Tage zu fördern: Anonymität + Publikum. Das resultierende Phänomen wird liebevoll als Troll bezeichnet. Und Anonymität prägt unsere Gesellschaft zunehmend.

Spiel-Theorie

“Journey” ist ein Spiel. Es ist auch eine Reise zu unseren guten Seiten.  Hier wurde offenbar ein Regelsatz entworfen, der das Beste in uns zeigt. Leider lässt sich das nicht auf unsere Gesellschaft übertragen. Dennoch empfehle ich, den verlinkten Artikel über Journey zu lesen.

Journey hat für eine bestimmte Klasse von Spielen einen Regelsatz gefunden, der das Beste in uns zum Vorschein bringt. Es ist das Ziel, das ich mit diesem Blog Verfolge: Regeln zu finden, die das Beste in uns zum Vorschein bringen. Dies sind einige meiner Regeln: Universelle Transparenz, das Gegenteil von Anonymität. Verteilung von Macht so breit wie möglich. Konzentration von Macht, stark genug um die Gesellschaft zu formen, aber so kurfristig, dass Missbrauch kaum möglich ist. Persönliche Verantwortung. Soziale Kontrolle und gegenseitige Anerkennung. Gegenseitige Verantwortung füreinander. Freiheit der Wahl der persönlichen Mikro- und Makrogesellschaft.

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Fujitsu HandyDrive Data Edition

Über das Ding bin ich neulich im Keller gestolpert. Wieso hat ein Nerd wie ich so einen Nerd-Kram?

Ich konnte das Teil erst gar nicht einordnen. “Fujitsu HandyDrive Data Edition” – WTF? Das ist so ein dickes Kunstleder-Etui. Wenn man den Reißverschluss rundum öffnet, sieht man – präzise in zwei eingenähte Taschen eingefügt – :

  1. Eine USB-Festplatte in einem kunstvoll gestalteten Plastikgehäuse und

  2. ein fein säuberlich aufgewickeltes USB-Kabel um erstere an einen PC (das heißt “Personal Computer”, so graue Klötze, die früher neben Schreibtischen standen) anzuschließen.

Ich weiß nicht, von wann die ist und wie viel Speicherplatz sie bietet und es steht tatsächlich nirgendwo drauf. Es ist an dem Teil und seiner aufgepimpten Verpackung nicht herauszufinden. Amazing.

Eine Internetrecherche ergibt, dass das Ding wohl 40GB Speicherkapazität hat. Das steht auf Ebay und anderen Händler-Portalen. Diese poshe Platte hat offensichtlich noch Liebhaberwert bei Sammlernerds. Denn zur Verwendung würde die sicher keiner kaufen, der Okolyt hat mindestens 10 Jahre auf dem Buckel.

Warum also kaufte ein Nerd wie ich vor einer Dekade so eine Nerd-Platte? 40GB, der Wahnsinn! Kein normaler Mensch wollte damals solche Datenmengen rumschleppen!

Normale Menschen nicht … ich mache auch Musik. Und in der Frühzeit der Digitalisierung der Volksmusik hatte ich einen Linux-Rechner – damals musste man sich richtig, richtig auskennen um einen Linux-Rechner betreiben zu können – den ich mit Kernel-Patches und aufwändiger manueller Konfiguration in diversen Konfigurationsdateien zu einer damals sehr respektablen Multitrack-Recording-Maschiene aufgemotzt hatte. Der ist heute noch in Betrieb.

Da muss ich kurz abschweifen: “Volksmusik”, das ist es, was ich mit meiner Band mache. Der Begriff hat ja leider ein klein bisserl gelitten. Also Volksmusik ist die Musik, die das Volk so macht. Früher war das Volk zu arm um Instrumente zu besitzen. Darum kommen aus dieser Zeit nur Volkslieder zu uns. Als die Kommerzialisierung der Musik richtig los ging, gab es im Volk schon viele Instrumente. Also mischte das Volk traditionelle Volksmusik mit Rock & Roll und gebar den Schlager. Und mit der Kommerzialisierung blieb das Label Volksmusik daran kleben.

Heute macht das Volk ganz andere Musik. Punk ist sehr verbreitet, weil es relativ einfach zu spielen ist. Dann gibt es einen Haufen Zeug, das sehr laut ist. Da kann man sich wahrscheinlich prächtig abreagieren. Und dann gibt es noch viel Jazz, Elektro und alles mögliche Schräge Zeug. Wir machen ein paar eigene Lieder und sonst alte Volkslieder, die wir in verschiedenen mehr oder weniger modernen Stils neu interpretieren. Wir machen also Volksmusik über ältere Volksmusik.

Zurück zur gepimpten Platte. Also, Meta-Volksmusik mit aufgemotzem Musikaufnahme-Gerät aufnehmen macht viele Daten. Und die müssen ja nach hause getragen werden um dort am nicht minder aufgemotzten Multitrack-Mixer-PC abgemischt zu werden. Was läge da näher, als eine aufgepimpte Platte?

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Von der Unmöglichkeit, Gutes zu tun

Der Grünen Abgeordnete Hans-Christian Ströbele hat den NSA-Whitsleblower Edward Snowden in Russland getroffen. Ich finde, das ist eine sehr gute Sache. Ströbele kann als Mitglied des Bundestages Dinge tun, die den meisten Menschen unmöglich sind. Er kann nach Russland reisen und genießt dort eine gewisse diplomatische Immunität. Er kann den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages nutzen, um Rechtsgutachten zur Snowden-Frage erstellen zu lassen. So kann er klären, ob Snowden nach Deutschland kommen könnte, um als Zeuge auszusagen. Er kann die Einberufung einer parlamentarischen Untersuchungskommission zum NSA-Skandal betreiben (wobei das aufgrund der sehr kleinen Opposition im Falle einer großen Koalition vielleicht scheitert).

Ströbele setzt all diese besonderen Befugnisse für eine gute Sache ein. Er verschafft dem NSA-Skandal Aufmerksamkeit. Er entkriminalisiert Snowden indem er ihn als Zeugen statt als Angeklagten aufsucht. Vielleicht schafft er es sogar, die Regierung zu etwas genaueren Einlassungen zum NSA Skandal zu nötigen. Bisher waren diese Einlassungen von geradezu alberner Einfältigkeit und dokumentieren lediglich das völlige Versagen unserer Medien in dieser Sache. Zudem ist Ströbele von allen Bundestagsmidtgliedern jenes, dem ich am meisten moralische Integrität zutraue.

Tu Gutes; nicht um darüber zu reden

Und genau darum gruselte es mich ein bisschen, als ich die Bilder von Ströbeles Besuch bei Snowden sah. Edward Snowden braucht Aufmerksamkeit um seinen großen Mitteilungsdrang zu stillen (was ich nicht abwertend meine). Doch Snowdens Anwalt meint, Snowden könne auf keinen Fall nach Deutschland. Ströbele ist als Direktkandidat der Grünen beruflich völlig von der Medienaufmerksamkeit abhängig. Und darum kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser ganze Besuch in erster Linie eine Show für die Medien war, eine Show, die den Beteiligten die nötige Aufmerksamkeit liefert. Und die nebenbei den Wein der guten Sache gründlich verwässert.

Dabei glaube ich in diesem Fall, dass es Ströbele und Snowden um eine gute Sache geht und sie das Aufmerksamkeitsspiel um der Sache willen spielen. In anderen Fällen – wenn es z.B. Westerwelle statt Ströbele wäre – würde ich darauf eher nicht kommen. Unser ganzes politisches System ist so von Geld, Lobbyismus und der Aufmerksamkeitsökonomie korrumpiert, dass es den Akteuren immer schwerer wird, überhaupt noch etwas Gutes zu tun, das um seiner selbst willen als solches wahrgenommen wird.

Die allgemein verbreitete Meinung dazu ist, dass das egal ist – wenn denn letztlich das Richtige dabei herauskommt. “Tu Gutes und rede darüber”. Doch ich glaube, dass das falsch ist. Zwar ist es richtig, Gutes zu tun und darüber zu reden. Doch es ist falsch, Gutes zu tun, nur um darüber reden zu können.

Menschlich Mächtig

Wir sind darauf angewiesen, Entscheidungen zu delegieren. Die einzige Alternative zu Macht-Delegation ist Basisdemokratie in der einen oder anderen Form und bisher konnte kein basisdemokratisches System demonstriert werden, das skaliert. Das bedeutet, Basisdemokratie funktioniert bisher ausschließlich in kleinem Rahmen und bricht schon bei mittleren Organisationen zusammen.

Wenn Macht delegiert wird, entsteht automatisch eine Führungsperson, die für andere Entscheidungen trifft. Und hier kommt unsere Menschlichkeit ins Spiel. Ein menschlicher Führer kann Menschen nur auf eine ganz bestimmte Art führen. Er muss Entscheidungen treffen, die die anderen respektieren. Und er muss relativ durchgängig so handeln, dass die anderen das respektieren können. Tut er dies nicht, kann er zwar prinzipiell dennoch führen, doch wird er dann nie von den anderen akzeptiert. Er wird stattdessen als – überlegener – Gegner aufgefasst.

Mein Respekt für das mediale Kasperle-Theater hält sich in Grenzen. Wenn es bei uns mal jemand schafft, als politische Führungsperson menschlich respektiert zu werden, schafft er dass nicht wegen unseres Systems sondern trotzdem. Entsprechend selten geschieht dies. Wir haben ein unmenschliches Politik-System geschaffen, das seine Delegierten und Konstituenten fast zwangsläufig zu Gegnern macht.

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Wahre Liebe

Sie ist nicht nur das naive Ideal der Romantik. Im Grunde ist sie die naive Romantik und alles andere bestenfalls Kulisse für die wahre Liebe. Und in all seinem rosa umwölkten Kitsch ist dieses juvenilen Wachträumen entsprungene Hirngespinst der harte Kern des menschlichen “Wir”. Ohne die wahre Liebe wären wir allein. Sind wir allein.

Jenseits der Romantik ist sie schnöder Kitt. Sie erlaubt uns, anderen zugeneigt zu sein, ohne unmittelbar etwas davon zu haben. Durch sie können wir andere lieben obwohl sie voller menschlicher Makel sind, uns nerven, zuweilen gar bekämpfen.

Am klarsten zeigt sie sich in der Liebe von Eltern zu ihren Kindern. Meist ist dieses Band so stark, dass selbst das unliebenswürdigste Kind es nicht zu zerreißen vermag. Auch Eltern, die nur Ärger mit ihren Kindern haben, lieben diese meist bedingungslos. Tun sie es nicht, zerbricht nicht selten das Kind. Denn das wichtigste, was ein Mensch fürs Leben lernt, ist die wahre Liebe. Ohne sie ist er verdammt allein zu leben.

Die Bedingungslosigkeit ist ein – vielleicht ihr wichtigstes – Merkmal. Das heißt nicht, dass es keine wahre Liebe war, wenn sie zerbricht.  Weil einer glaubt, das Leben mit dem anderen nicht mehr leben zu können. Wahre Liebe ist nicht Selbstaufgabe. Nicht immer, nicht meist. Nur manchmal zerstört sie die Liebenden.

Zerbricht sie doch, kann sie in Hass umschlagen. Doch kann sie auch bleiben, eine tiefe Verbundenheit zum anderen, mit dem zu leben man nicht mehr vermag.

Sie muss nicht die eine sein. Wahre Liebe gibt es in der Familie, zwischen Freunden und Paaren. So banal wie mythisch ist sie das, was uns zusammenführt und zusammenhält.

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