Aus dem Ghetto

Es waren natürlich nicht nur – wie mancher immer noch gerne hinter vorgehaltener Hand zum Besten gibt – die Autobahnen. Nein auch die Ghettos waren offenbar Produkt einer bemerkenswerten Weitsicht. Hier kann man störende Elemente fein säuberlich von den erwünschten separieren, so dass die Unerwünschten die Gesellschaft nicht stören. Die alten Betonplatten-Autobahnen wurden mittlerweile erheblich verbessert. Doch die Ghettos sind gar nicht mehr wieder zu erkennen, so wurden sie verbessert.

Szene 1, In the Ghetto

Die erwünschten Elemente, das sind heute die produktiven. Und alles, was diese Produktivität stört, muss weg. Alte werden zur Kostenminimierung (also zur Senkung der Unproduktivität) möglichst sediert und in Altenheimen aufbewahrt. Behinderte werden in artgerechten Werkstätten gehalten. Akademiker-Kinder werden in Gymnasien auf maximale Produktivität gedrillt, Hauptschüler in ihren ganz eigenen Ghettos auf ihre Karrieren als Harz IV Empfänger oder Kriminelle vorbereitet und die Realschüler im Fegefeuer dazwischen genötigt, gute Mine zum bösen Spiel zu machen.

Kinder stören. Das kann sicher jeder bestätigen, der schon mal eins getroffen hat. Kinder stören so was von. Das Konzept der Ganztagsschule ist unbestritten ein wichtiger Schritt zu einer etwas weniger ungerechten Gesellschaft. Aber es ist auch echt praktisch, dass die kleinen Racker jetzt ganztags in ihrem Ghetto sitzen dürfen.

Da gibt es nur ein kleines Problem. Aus den kleinen Rackern werden irgendwann große, und die sollen dann das Feuer weiter tragen. Unsere freiheitliche Gesellschaft hat aber eine zu geringe Kohärenz, als dass zwei drei Stunden täglicher Kontakt zwischen der Kultur des Bildungsghettos und der des Mainstreams diese beiden Kulturen noch zusammenhalten könnten. Unsere Kultur zerfällt. Der soziale Zusammenhalt zerfällt. Die Gesellschaft zerfällt.

Schnitt, In Utopia

Nun hat die Produktivität, seit sie zum alleinigen Gott erklärt wurde, ja durchaus zugenommen. In der Tat hat sie bemerkenswerte Ausmaße angenommen. Es scheint auch nicht so, als sollte dieser Trend ein baldiges Ende nehmen. Extreme Governing macht zudem einige Vorschläge, die die volkswirtschaftliche Produktivität noch einmal erheblich steigern sollten. Was machen wir dann mit dieser ungeheuren Produktivität? Mehr Dinge aufhäufen? Teurere Dinge aufhäufen? Ich behaupte, genug ist genug. Heute haben auch in Deutschland viele Menschen nicht genug. Doch das ist ein Verteilungsproblem, und auch hier macht Extreme Governing Vorschläge.

Also nehmen wir mal an, wir hätten genug und auch die Verteilung stimmte einigermaßen. Nach der Logik der Werbung, die wohl einen nicht unwesentlichen Einfluss auf unser Streben hat, wäre damit unserem Leben der Sinn genommen. „Genug“ ist das Ende der Geschichte. Doch Werbung haben wir ja glücklicher Weise auch abgeschafft. Und auf dem Weg zu „genug“ haben wir wohl ein, zwei Dinge verloren. Unsere enorme Produktivität würde uns erlauben, diese wieder zu gewinnen. Von diesen verlorenen Dingen halte ich unsere Menschlichkeit für das Wichtigste.

Rückblende

Wir Menschen haben die paar hundert tausend Jahre, die es uns gibt, in kleinen bis mittelgroßen Gruppen zusammengelebt. Zusammen mit Kindern und Alten, nicht mal die Behinderten wurden abgesondert. Den größten Teil dieser Zeit war die Erde sehr dünn besiedelt. Daher war es kein Problem, sich bei Bedarf ab zu sondern. Denn erzwungene Gesellschaft ertragen wir offenbar auch nicht gut. Doch in den letzten paar hundert oder tausend Jahren hat die Besiedlung dramatisch zugenommen. Die Verhältnisse wurden beengt und die erzwungene Gesellschaft zu einem Problem.

Wir haben dieses Problem heute damit gelöst, dass wir die Teile der Gesellschaft absondern, die am meisten stören. Doch nun haben wir erstmals die Ressource, uns die notwendigen Freiräume auf andere Art und Weise zu schaffen. Ich glaube, dass selbst der produktive Teil der Gesellschaft profitieren würde, wenn wir wieder mehr gemeinsam lebten. Vor allem aber sind wir es den Ausgesonderten schuldig, sie wieder auf zu nehmen. Und unsere Gesellschaft könnte ein bisschen mehr Zusammenhalt auch sehr gut brauchen.

Flash-Foreward

Gesamtgesellschaftlich betrachtet sind der wichtigste Teil der Ausgesonderten unsere Kinder, unsere Zukunft. Daher habe ich in Extreme Governing vorgeschlagen, zunächst unsere Kinder wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Doch das gilt natürlich für alle Ausgesonderten. Kinder könnten mit ihren Lehrern in die Betriebe kommen. Die Menschen, die dort arbeiten, würden den Kindern erklären, was sie tun. Manches könnte den Kindern dort direkt beigebracht werden. Anderes könnte separat in Konferenz- bzw. Lehr-Räumen von den Lehrern vermittelt werden. Das würde unter anderem auch endlich die berechtigte immer wieder kehrende Frage der Kinder klären, warum sie bestimmte Sachen lernen sollen.

Dazu wären ein paar Dinge nötig. Das Betreuungsverhältnis müsste verbessert werden. Das ist evtl. schon durch die Beteiligung der in den Betrieben Beschäftigten möglich. In vielen Betrieben müssten die Sicherheitsvorkehrungen weiter erhöht werden. Es ist wohl nicht wünschenswert, dass beliebig kleine Kinder in beliebig gefährlichen Betrieben hospitieren. Doch grundsätzlich ist ein Arbeitsumfeld sehr wünschenswert, das selbst für Kinder weitgehend ungefährlich ist.

Vor allem jedoch müssten die in den Betrieben Beschäftigten einen Teil ihrer Zeit für die Kinder (und gegebenenfalls andere heute Ausgestoßene) opfern. Und das bringt augenscheinlich einen Verlust der Produktivität mit sich. Wenn man die Zeit, die die Beschäftigten sich mit anderen Dingen als ihrer Arbeit abgeben, als Arbeitszeit anrechnet, trifft das in der Tat zu. Doch das muss man ja nicht. Was die Produktivität allerdings tatsächlich etwas senkt sind die deutlich höheren Sicherheitsanforderungen an das Arbeitsumfeld.

Andere Voraussetzungen werden durch weitere Aspekte von Extreme Governing abgedeckt. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist die Transparenz der Betriebe. Die hier vorgetragene Vision würde heute schon an den Betriebsgeheimnissen scheitern. Doch die gibt es mit Extreme Governing nicht mehr. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Abschaffung der Werbung. Heute können sich große Unternehmen praktisch jede Schweinerei erlauben. Durch finanziell gut ausgestattetes Marketing lässt sich fast alles wieder gerade biegen. Doch ohne dieses, müssten Betriebe sehr auf ihr Ansehen achten. Da wäre eine soziale Vision, wie die hier vorgetragene, viel eher um zu setzen. Die Einbindung der Beschäftigten in die Bildung und Erziehung der Kinder, sowie in soziale Interaktion mit anderen heute Ausgesonderten, wäre unter Extreme Governing ganz einfach möglich. Denn Extreme Governing macht jeden zu einem Teil des Staates und so kann sich auch jeder einen kleinen Teil seiner Zeit als Lehrer oder Pfleger einsetzen.

Epilog

Es lässt sich heute schon beobachten, dass in bestimmten Berufen Privatleben und Beruf verschwimmen. Immer mehr Menschen arbeiten im Home Office. Noch viel mehr sind ständig an ihre Kommunikations-Kanäle angeschlossen und praktisch immer irgendwie im Einsatz. Ich finde diese Entwicklung offenbar eigentlich gar nicht so schlecht. Doch der fatale Fehler, den wir dabei machen, ist, dass wir der Arbeit in der Regel unbedingten Vorrang einräumen. Ich schlage vor, dem sozialen Vorrang einzuräumen.

Dies ist ein Plädoyer für eine noch viel weiter gehende Verschmelzung von Arbeit und sozialem Leben. Wir werden immer produktiver. Somit müssen wir für die Erfüllung unserer Bedürfnisse weniger Zeit aufwenden. Diese gewonnene Zeit sollten wir dafür einsetzen, wieder menschlicher zu werden. Das heißt vor allem, dass das Arbeitsumfeld menschlicher werden muss. Die vermeintliche Arbeitszeit könnte in etwa gleich bleiben, doch soziale Aspekte nehmen mehr und mehr Einzug in die Arbeitswelt. Wir sollten den ungeheuren Reichtum unserer Gesellschaft nicht nur in Dingen anlegen. Wir sollten auch bisschen für die Menschlichkeit abzweigen.

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