Wurzelbehandlung der Finanzkrise

Die aktuelle Finanzkrise ist Symptom mehrerer Fehler unseres Gesellschaftssystems. Durch Änderung dieses Systems könnte man auch diese Fehler beheben. Extreme Governing liefert dazu Denkanstöße.

Die Ideen, die zusammen Extreme Governing ausmachen wurden lange vor der Subprime-Krise/Lehmann-Pleite von 2008 entwickelt. Dennoch glaube ich, dass dieses System die fortgesetzten Finanzkrisen verhindern könnte, die wir heute erleben. Um das zu verstehen, muss man die Kette von Gründen verfolgen, die uns in die heutige Misere geführt haben.

Staatsschulden

Die heutige Krise – August 2011 – ist angeblich eine Krise der Überschuldung zahlreicher europäischer Länder und der USA. Glauben wir das erst mal. Extreme Governing ist so ausgelegt, dass der Staat überhaupt keine Finanzen benötigt. Das hat diverse Gründe, der wichtigste ist die Tatsache, dass eine Neugründung innerhalb einer postulierten Mosaikgesellschaft (Panarchie) ziemlich aussichtslos wäre, wenn neue Mitglieder gleich Steuern zusätzlich zu dem aufgebrummt bekämen, was sie noch an ihren siechen Altstaat (z.B. die Bundesrepublik Deutschland) zu zahlen haben.

Extreme Governing will zunächst eine neue transnationale Organisationsform innerhalb der alten nationalen Gebilde sein und sich nach und nach von diesen emanzipieren. Da es weitere Gründe gibt – z.B. halte ich die Erhebung von Steuern grundsätzlich für psychologisch und volkswirtschaftlich kontraproduktiv – macht Extreme Governing aus der Not eine Tugend und operiert komplett ohne Staatsfinanzen. Somit sollte es schon Prinzip-bedingt für einen solchen Staat keine Schuldenfalle geben.

Banken-Bailout

Das ist natürlich eine ziemlich naive Herangehensweise. Die Staatsfinanzen wurden ja nicht aus Prinzip ruiniert sondern durch konkrete Ausgaben, die teilweise als alternativlos verbrämt wurden. Da ist zuvorderst die Banken-“Rettung“ (bzw. Banken-Subvention durch Sozialisierung der Spielschulden) in Folge der Lehmann-Pleite zu nennen. Und auch die gegenwärtige „Rettung“ überschuldeter Euro-Länder ist ja zu wesentlichen Teilen wieder eine „Rettung“ derselben Banken, die diesmal nicht faule Immobilienkredite in ihren Bilanzen haben sonder faule Staatskredite.

Die Banken-“Rettung“ war damals durchgeführt worden, weil die Banken sich mit unsicheren (sogenannten sub-prime) Hypotheken verspekuliert hatten. Dazu konnte es kommen, weil diese Immobilien-Kredite mehrfach geschachtelt in komplexen intransparenten Finanzkonstrukten versteckt waren. In einigen bekannt gewordenen Fällen haben Investoren solche komplexen Derivate konstruiert, diese an ihre Kunden (darunter eben auch Banken, die dadurch von der Pleite bedroht waren) verhökert und dann selbst gegen eben diese Papiere gewettet.

Letzteres – doch auch schon intransparente Finanzkonstrukte an sich – wären unter Extreme Governing gar nicht möglich. Denn hier sind alle Unternehmen völlig transparent. Jeder (!) kann Einsicht in alle Unterlagen und elektronischen Daten jeden Unternehmens nehmen (siehe z.B. hier). Ähnlich, wie Fehler in quelloffenen Computer-Programmen meist von findigen Computerspezialisten aufgestöbert werden, würden die Fehler in solchen teils betrügerischen Finanzkonstrukten von findigen Finanzspezialisten aufgestöbert und veröffentlicht werden. Damit wäre durch Extreme Governing schon die letzte Finanzkrise im Keim erstickt worden, eine Banken-“Rettung“ wäre nicht nötig und die heute am stärksten von der Überschuldung betroffenen Staaten hätten diese Probleme heute (noch) nicht.

Arbeitsmarktförderung

Doch die Subprime-Krise war wohl nur der Tropfen, der das Fass ein wenig früher zum Überlaufen brachte als ohnehin erwartbar war. Denn bereits seit Ende der 70er Jahre steigen in den westlichen Industrienationen die Schulden massiv und ohne Unterbrechung. Immer, wirklich immer, wurde damit argumentiert, dass man die Staatsausgaben gerade jetzt nicht senken könne, weil dies je nach Wirtschaftslage den Boom abwürgen oder die Baisse verschärfen und so Arbeitsplätze kosten würde.

Und zu viele Arbeitslose ruinieren sowohl die Staatsfinanzen als auch die Wahlergebnisse. Gerade letzteres ist in repräsentativen Demokratien das Killerargument schlechthin. Abgesehen davon, dass es unter Extreme Governing keine Wahlergebnisse in diesem kontraproduktiven Sinn gibt – es gibt so etwas wie Wahlen, das läuft aber völlig anders – gibt es dort auch keine Arbeitsplatz-Problematik, wie hier ausführlich erörtert wird.

Der mit Abstand wichtigste Grund für das fortgesetzte Schuldenmachen fällt also weg, wie auch die weniger wichtige aber heute stärker disktutierte Banken-“Rettung“.  Extreme Governing bietet Lösungsansätze auch für die Probleme die uns in den letzten zehn Jahren immer schneller von Krise zu Krise führten.

12 Gedanken zu „Wurzelbehandlung der Finanzkrise“

  1. Das System ist bereits kollabiert. Seit mehr als drei Jahren wird gerettet und gerettet und gerettet. Aber nicht die Zukunft der Menschen, sondern ein System, das genau diese Zukunft mit sich in den Abgrund reißt. Wir sollen alles opfern für ein System, das unserer Jugend die Zukunft nimmt?! Das muß ein Ende haben. Heute.
    Anstatt die Rezepte immer und immer wieder anzuwenden, die uns nach mehr als drei Jahren Krise quasi wieder dahin gebracht haben, wo wir vorher waren, während wir in der Zwischenzeit so viel verloren haben, sollte man den Aufruf lesen und verbreiten, der gemeinsam von Lyndon LaRouche, Helga Zepp-LaRouche und dem französischen Präsidentschaftskandidaten Jacques Cheminade veröffentlicht wurde: Transatlantischer Aufruf für eine dringende Lösung der globalen Zusammenbruchskrise

    1. Dieser Kommentar hat nicht den geringsten Bezug zum Artikel, er fällt lediglich in den gleichen Themenbereich. Es handelt sich ausschließlich um eine Werbung für den verlinkten Aufruf. Ich habe daher überlegt, ob ich es als Spam löschen soll. Da es aber thematische Bezüge gibt, habe ich mich entschlossen, lieber zu antworten.

      Lyndon LaRouche ist Kopf und Gründer der LaRouche-Bewegung, Helga seine Frau, Jacque Cheminade ein Jünger von LaRouche. Die LaRouche-Bewegung, die auch schon als Polit-Sekte bezeichnet wurde, hat nach 40 Jahren eine Anhängerschaft von ein paar tausend Menschen weltweit.

      Der verlinkte Aufruf fordert die Absetzung Obamas als Hochverräter. Danach könnten angeblich mindesten 17 Billionen $ von den bösen Bankern zurück gefordert werden (kein Übersetzungsfehler, im Original steht „trillion“). Damit könnten dann, so der Aufruf, neue Schulden aufgenommen werden, um Arbeitsplätze zu schaffen.

      Ein bemerkenswerter Schwachsinn. 17 Bio. $ sind erheblich mehr als die Schulden der USA. Wieso man dann gleich neue Kredite aufnehmen sollte obwohl man erst mal ein paar Bio. im Plus ist …? Dass und wieso ich Schuldenmachen zum Schaffen von Arbeitsplätzen für verfehlt halte habe ich bereits umfassend dargelegt. Natürlich kann man dem Finanzsystem nicht mal eben ein paar Bio. entziehen, dann ginge am nächsten Tag die Welt unter … abgesehen davon, dieses Geld gar nicht in einer Form im System ist, in der es ihm in dieser Größenordnung entzogen werden könnten. Auf etwaige Fehler im System, die uns in die aktuelle Misere geführt haben wird gar nicht eingegangen. Der Systemfehler scheint Obama zu sein. Ich bin sicher kein Obama-Fan, aber dieser Aufruf ist schon bemerkenswert schräg. Mein Blutdruck steigt, ich belasse es hier mal dabei.

      1. Lyndon LaRouche ist rein zufällig auch derjenige, der die Krise sehr präzise prognostiziert hat. Da helfen auch keine bescheuerten Behauptungen wie „Politk-Sekte“ – so ein Schwachsinn!

        LaRouche vertritt in den USA die Politik im Geiste Franklin Roosevelts. Die Finanzkrise ist ja nicht das einzige: Gerade in den USA geht es um die physische Überlebensfähigkeit als zivilisierte Gesellschaft.

        Obama ist mit Sicherheit nicht der einzige, der absolut brutale Sparpolitik fordert, aber er ist der Präsident, der sie durchsetzt. Und Sparen inmitten einer Zusammenbruchskrise wird viele Menschenleben kosten. Da kann man ja nicht warten, bis es dann passiert ist, damit es endlich auch in andere Köpfe reingeht. Hier der Brief von State Sen. Perry Clark, der Obama ebenfalls zum Rücktritt auffordert: http://www.larouchepac.com/node/19028.

        Im übrigen werden die 17 Billionen nicht von den Banken zurückgefordert, sondern ihnen quasi überlassen. Es geht darum, die bail-outs, Rettungspakete, quantitative easing I+ II+III zu stoppen, die die Bevölkerung in den USA völlig ruinieren.

        1. „Polit-Sekte“ kommt nicht von mir sondern von der Bundesregierung 1996 (Kohl). Gemeint war auch nicht LaRouche direkt sonder die ihm nahestehende Europäische Arbeiterpartei. Die Quelle ist hier. Entschuldige die Verwechselung.
          Ansonsten: Wenn LaRouche tatsächlich einen Weg kennt, 17 Billionen wie auch immer um zu schichten und damit noch den Ruin der USA abwendet, dann würde ich gerne genau das Zeug Rauchen wie er auch. Kannst Du was davon besorgen?
          Wenn z.B. die quantitative easings (zu Deutsch: Geld-Drucken) zurück genommen würden, würde der Dollar massiv steigen, was wiederum das ohnehin katastrophale Handelsdefizit der USA noch extremer in die Höhe triebe. Die Chinesen wären dann ihren zukünftigen Lohnsklaven (hast sicher schon vom modernen Konzept der Sklaverei durch Überschuldung gehört) zwar sicher total dankbar, aber ob das wirklich der höchste Wunsch der US-Bevölkerung ist? Ihre Wirtschaft an die Wand zu fahren um den Chinesen zu gefallen? Die Bailouts sind vielfach schon zurück gezahlt, dafür hat die aktuelle Spekulationsblase gesorgt. Indessen gehen ja dauernd amerikanische Banken pleite. Gibts da noch große ausstehende Bailouts? Wenn dem so ist, könnte man durch Zurückfordern bestimmt prima die nächste Kreditklemme erzwingen. Dann läuft die Wirtschaft wie geschmiert. Also mit Sand geschmiert. Das sind echt großartige Ideen, Antiamerikanismus in Hochform und das direkt aus Amerika.
          Schau Dir mal eine Grafik der US-Staatsschulden an (z.B. hier): die Steigen seit Reagan massiv. Das sind Konjunkturpakete und Kriege, die die Amis reinhauen. Ja, das Finanzsystem ist außer Kontrolle. Aber nicht nur das, das ganze System ist außer Kontrolle. Natürlich führt Sparen ins Verderben. Doch nicht Sparen führt auch ins Verderben. Sowas heißt sich Dilemma und LaRouche’s Ideen führen da nicht raus. Meine übrigens auch nicht. Ich habe geschrieben, wie ein System die Probleme vermeiden könnte, die uns in das Dilemma geführt haben, nicht wie wir jetzt da raus kommen.

  2. Interessante Gedanken. Ist nicht so einfach, daß alles zu umfassen. Erstmal: Antiamerikanismus hab ich absolut nicht im Kopf und wollte solchen auch nicht ausdrücken. Mein Gedanke ist zuvorderst die reale physische Wirtschaft, denn man lebt ja schließlich nicht vom Geld, sondern von dem, was die Natur und die menschliche Arbeits- und Erfindungskraft uns zu schaffen ermöglichen.

    Der Bankenausschuß des US-Senats war 1932/33 damit beauftragt, die Ursachen der Krise von 1929 herauszufinden. Die Anhörungen leitete der New Yorker Bezirksstaatsanwalt Ferdiand Pecora. Ein solcher Ausschuß hat gerichtliche Gewalt in den USA und in Folge der Aufdeckungen sind eine Menge Leute im Gefängnis gelandet, u.a. J.P. Morgan. Pecora hat später ein Buch drüber geschrieben „Wall Street Under Oath“, wo er viele Details der Sache beschreibt. Es ist schwer zu bekommen (amazon.com bietet eins für $550!), aber ich habe vor einer Weile mal einen Scan gemacht. Würde aber ungern hier einen DL-Link posten, lieber via eMail oder anderweitig.

    Pecoras Aktion war aber vor allen Dingen sehr öffentlichkeitswirksam und Präsident Roosevelt (einer von Lyndon LaRouches wesentlichen Inspiratoren) konnte so die effektive Trennung der Spekulation vom restlichen Bankenwesen durchsetzen und dafür sorgen, daß realwirtschaftliche Entwicklung tatsächlich stattfand. Es war Franklin Roosevelt, der die USA zu der Wirtschaftsmacht machte, die man dann später im zweiten Weltkrieg und noch viel mehr in den 50er Jahren bewunderte und nachmachte.

    Zum Scylla- und Charybdis-Problem Sparen oder Nicht-Sparen: Die Realwirtschaft muß aufgebaut werden. Es ist dieser riesige Wasserkopf von Rettungspaketen und quantitative easings, der der realen Wirtschaft den Rest gibt. Vor Ausbruch der Krise gab es kein Geld für irgendein Wirtschaftsprojekt, das die Produktivkräfte wirklich angekurbelt hätte. Seit Ausbruch der Krise haben wir Billionen (und das ist wirklich nicht übertrieben) in schwarze Löcher geschossen, ohne daß dadurch der normale Mensch irgendeinen Vorteil errungen hätte. Und das Totschlagsargument, alles sei systemrelevant und der Kollaps der Megabanken würde alles mit sich reißen, ist einfach nicht richtig. Wenn wir diesen Irrsinn weiter füttern, dann werden wir das möglicherweise bald mit dem eigenen Leben bezahlen.

    Und genau da hat LaRouche eine Lösung – auch wenn das vielleicht in meinen kurzen Gedanken nicht so rüberkommt. Es gibt aber zwei sehr gute Filme dazu: 1. „The Takedown of Glass-Steagall“ [http://www.larouchepac.com/gsfilm] und 2. „1932: Speak Not of Parties But of Universal Principles“ [http://www.larouchepac.com/1932]. Hoffe, das macht ein paar Dinge klarer.

    1. Hi Stefan

      Ich bin erstaunt, dass Du nach meinen rüden Attacken immer noch antwortest. Respekt, Entschuldigung und danke für Deine ruhige Nachdrücklichkeit.
      Ich weiß natürlich, dass Du keinen Antiamerikanismus vorbringen willst, das ist reine Polemik von meiner Seite.
      Der Kollaps der Megabanken würde das Geld mit sich reißen. Unser Geld ist „Fiat Money“, das verschwindet leider mit den Banken. Und ohne funktionierendes Währungssystem würde die Wirtschaft in der Tat sofort zusammenbrechen. Währungsreformen sind natürlich denkbar, aber die muss man bis zu Umsetzung geheim halten und die Konsequenzen sind dann auch erschütternd. Schwer zu sagen, was für folgen eine Reform des Dollar oder Euro heute hätte. Von so einer Maßnahme sind wir sicher noch weit entfernt.
      Welchen Einfluss Roosevelts Maßnahmen hatten ist umstritten. Er musste am Ende einsehen, dass Amerika allein da auch nicht raus kommt und seine Maßnahmen zurück genommen. Wirtschaftliche Heilung brachte dann die Kriegs-Produktion. Das hat Reagan übrigens in Reinform betrieben und die republikanischen Präsidenten nach ihm ebenso: staatliche Konjunkturförderung durch massive Rüstungsnachfrage.
      Aber der wesentliche Punkt ist meiner Ansicht nach dieser: Wir stecken in der heutigen Misere, weil die westlichen Staaten – allesamt repräsentative Demokratien – in unfassbarem Maßstab versagt haben. Die Schuldenkrise ist da nur ein kleineres Versagen unter vielen schlimmeren. Wir lassen Millionen Menschen verhungern, weil wir zu viel Ressourcen verbrauchen und aus dem gleichem Grund zerstören wir die Biosphäre. Der Staat versagt. Dein Vorschlag ist dies mit mehr Staat zu lösen. Das halte ich für die falsche Richtung.
      Dieses Blog beschäftigt sich damit, wie man Staat anders organisieren kann, so dass dieses Elend in Zukunft vermieden werden kann.
      Natürlich ist es möglich, dass eine herausragende Persönlichkeit wie Roosevelt oder auch Willy Brandt das Ruder vorübergehend herumreißt. Aber langfristig versagt unser System vor der Übermacht der Wirtschaft.

  3. Hi Schrotie,

    ich muß Dir in einer Sache absolut zustimmen – und das hatte mich auch bei dem Blog zu Anfang interessiert: Die westlichen Demokratien haben tatsächlich absolut versagt. Als ich Deine Bemerkungen über Afrika (Das Sterben der anderen) las, wurde ich aufmerksam, denn es stimmt einfach.

    Aber der Punkt über Roosevelt ist nicht richtig. Das hab ich auch erst erkannt, als ich mich mehr mit der Geschichte der USA beschäftigt habe. Es ging dort von Anfang an um die Frage, wie man eine freiheitliche Ordnung errichten kann – wie Friedrich Schiller das mal sagte: Wahre politische Freiheit als das größte aller Kunstwerke.

    Mit Anfang meine ich Nicolaus von Kues (Cusanus), der im Europa des 15. Jahrhunderts begriff, daß gegen die vorherrschende Oligarchie und deren Macht über die Kultur der verschiedenen Teile Europas nicht direkt anzukommen war. Cusanus hatte die Vorstellung entwickelt, eine freiheitliche Gesellschaft in einem entfernten Teil der Welt zu errichten und dann deren Früchte zurück nach Europa zu bringen. Immerhin, daß imperiale Problem (die Oligarchie) hatte Europa schon viele Jahrhunderte fest im Griff. Erst Persien, dann der Zerfall Athens und ganz Griechenlands, der Aufstieg und Fall Roms, der byzantinische Reich und letztlich Venedig.

    Cusanus’ Ideen gingen an Paolo Toscanelli und von ihm zu Christoph Kolumbus. Mit Kolumbus hatte es nicht geklappt, wegen des habsburgischen Einflusses (der spanischen Krone). Aber anderthalb Jahrhunderte später gab es den nächsten ernsthaften Versuch, der zur Gründung der Massachussetts Bay Colony führte. (Das waren vor allem John Winthrop und auch Increase und Cotton Mather.)

    Der englische König hat die Entwicklungen dann unterbrochen als er 1688 die Charter für die Kolonie aufhob. In Amerika regte sich bereits intensiver Wiederstand gegen die Bevormundung und Unterdrückung durch die englische Krone. Aus den Kreisen der “Aufständischen” kam dann direkt Benjamin Franklin und etwas später George Washington, die absolute Gegner der Tyrannei waren. Zu den amerikanischen Revolutionären wurde dann u.a. Alexander Hamilton rekrutiert, der Washingtons Adjutant wurde – und später erster Finanzminister.

    Franklin sagte in Philadelphia, als die Verfassung der USA geschrieben worden war: “I gave you a republic, if you can keep it.”

    Und so stand dann die anti-imperiale junge Republik erstmal relativ allein da gegen einen sehr, sehr mächtigen Gegner, der auch durchaus Geduld hatte. In England hatte man die Geschichte von Imperien sehr gründlich studiert – und damit auch die Kunst, ein sehr großes Reich nicht durch brutale Übermacht, sondern vor allem durch Kontrolle von Handelsknotenpunkten und die Manipulation ganzer Kulturkreise zu beherrschen. Und diese Manipulation bestand auch oft darin, die Opfer-Nationen dazu zu bekommen, dumme und aussichtslose Kriege gegen andere zu führen, während England stets der lachende Dritte blieb.

    Franklin Roosevelt hatte das ganz klar begriffen und sich auch sehr deutlich auf der Seite der freiheitlich-republikanischen Kräfte in der Geschichte seines Landes eingeordnet. Paradoxerweise fiel diese Entscheidung erst, als er sich mit Polio infiziert hatte und begann, sich mit der Geschichte seiner Familie und seines Landes zu beschäftigen.

    Das Konzentrat seiner Entwicklungen findet sich wirklich gut dargestellt in dem Film 1932. Da geht es nicht um Information oder so, sondern um ein Drama und um die Leidenschaft, für die Menschheit zu kämpfen, an zukünftigen Generationen die Schuld abzutragen, die man den vergangenen nicht mehr entrichten kann.

    Stefan

    1. Hi Stefan,

      Dieser Kommentar verdient schon einen eigenen Blog-Artikel. Vielen Dank, dass Du ihn meinem Blog schenkst.
      Ich finde die amerikanische Verfassung in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, und vieles was ihre Väter und auch spätere Präsidenten gesagt haben großartig. Repräsentative Demokratie war ein unverzichtbarer Schritt auf unserem Weg und Roosevelts Visionen zu seiner Zeit absolut visionär.
      Repräsentative Demokratie stammt aus einer Zeit in der sich keine Information schneller als ein Pferd bewegte. Roosevelts New Deal stammt aus einer Zeit in der die Nationalökonomie durch starke Zollgrenzen geschützt war, in der Unternehmen noch nicht so massive Reserven hatten, mit denen sie Armeen von Anwälten, Lobbyisten und PR-Leuten loslassen konnten.
      Alle Demokratien haben zahlreiche Mechanismen von Checks & Balances. All diese Vorsichtsmaßnahmen haben heute komplett versagt. Die Macht der Wirtschaft über die Politik ist absolut, das brauche ich sicher nicht zu erklären. Wenn Du jetzt unter den heutigen Bedingungen für massive Konjunktur- und Sozialprogramme argumentierst, argumentierst Du für eine Mehrung dieser korrumpierten Macht.
      Es ist ein zentrales Anliegen von mir, politische Macht so zu konstruieren, dass sie noch viel schwerer von externen Machtinteressen zu steuern ist als heute. Darum konstruiere ich politische Macht quasi als bewegliches Ziel. Wenn ich Sozialgesetze vorschlage, geht es bei mir niemals um Geldströme, die an irgendwen fließen, und seien es auch „Bedürftige“, denn solche Geldströme wecken immer Begehrlichkeiten und diese Begehrlichkeiten werden nicht ruhen, bis sie die Geldströme unter Kontrolle bekommen.

  4. Nachtrag: Was diese Fragestellungen angeht, ist es wirklich tragisch, daß wir durch die Umerziehung und andere Maßnahmen nach dem Krieg vollkommen von der eigenen Geschichte abgeschnitten sind. Immerhin waren die Fragen nach der richtigen Staatsführung schon zu Zeiten Solons von Athen, und später Platons, ein ganz zentrales Thema. Ebenso die Macht der Imperien. Nachzulesen in Friedrich Schillers „Die Gesetzgebung des Solon und Lycurgus“ und seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“.

  5. Interessant wie sich Euer Blog entwickelt hat! Von der Finanzkrise zu einer Diskussion über die amerikanische Verfassung! Jetzt sollten nur noch die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden. Meine Idee ist da folgende: Die Banken sind nur vordergründig an der Finanzkrise schuld. Auch die amerikanische Verfassung löst es nicht direkt aus. Für mich liegt es daran, dass wir seit mehreren hundert Jahren unser Wirtschaftssystem nicht wirklich geändert haben. Der Reichtum der Reichen (ob nun reichen Länder oder Einzelpersonen oder Gruppen) beruht auf der Ausbeutung der Armen. Das Problem der letzten 50 (oder 100 ) Jahre ist nur, dass unsere Gesellschaft oder zumindest signifikante Teile davon, das moralisch nicht mehr in Ordnung findet. Im Mittelalter wurde die eigene Bevölkerung ausgebeutet. Das wurde später dann nach Afrika und Asien verlagert (etwas vereinfacht geschrieben). Heute „wollen“ wir das nicht mehr und es geht auch immer schlechter (Asien ist ja dabei sich zu emanzipieren). Nur wir haben keine Alternative. Jetzt wird getrickst und herumprobiert mit Schulden (schon etwas länger) oder Immobilienblasen. Da das Grundproblem bleibt kommen die Krisen in immer kürzeren Abständen…. Auch das ganze Kriegführen nützt nichts, da es zu mehr Schulden führt und keine neuen ausbeutbaren Gebiete liefert.

    Wir brauchen also ein neues Wirtschaftssystem. Ein Neues, kein Reformsystem. Leider habe ich auch nicht die Idee wie es wirklich gehen kann. Aber da müsste man wohl ansetzten.

    1. Vor dem zweiten Weltkrieg war das Volumen des Außenhandels generell gering (USA unter 5%). Die Kolonisation hat die Imperien vermutlich mehr gekostet, als es ihnen genutzt hat. Die massive wirtschaftiche Ausbeutung des globalen Südens ist ein relativ neues Phänomen. Ich glaube nicht, dass die Menschen die Ausbeutung so schrecklich finden. Immerhin ist eine Mehrheit entgegen den eigenen Interessen der Meinung, man sollte die Griechen – die immerhin einen Teil unseres Exportfinanzierten (parasitären) Wirtschaftswachstums ermöglicht haben – fallen lassen sollte wie eine heiße Kartoffel. Der neueste Artikel hier im Blog ist auch ein Zeugnis unseres so zynischen wie mehrheitsfähigen Ausbeutungssystems.

      Meiner Ansicht nach ist das Problem der Arbeitsmarkt (habe ich ja hinlänglich erläutert). Demokratie hat auch ein paar inhärente Probleme (Wahlgeschenke, kurzfristige Planung …).

      Ich schlage ein neues Wirtschaftssystem vor. Das Tarifsystem ist nur ein Aspekt. Habe gerade ein paar Stichpunkte bei G+ dazu gepostet (in den Kommentaren):

      – Marktwirtschaft für materielle Güter
      – Völlige Informationsfreiheit
      – Ausnahme: grundsätzlich neu gestaltetes Patentrecht („Infotags“)
      – Völlige Transparenz aller wirtschaftlichen Bereiche
      – Verbot von Werbung und Propaganda („Verbot jemanden dafür zu bezahlen, dritte von etwas zu überzeugen“)
      – Marktwirtschaftlich selbstorganisierte Verteilung der verbleibenden Arbeit durch spezielles Tarifrecht
      – Förderung von Hierarchielosigkeit durch selbiges Tarifrecht
      – Abschaffung von Steuern
      – Ausnahme: Erbschafts-, Schenkungs-, Vermögensübetragungs“steuer“ 100%
      – Gesellschaftlich tragbare Vermögensverteilung stattdessen durch Tarifrecht, politische „Steuerung“ durch andere Maßnahmen
      – Gesellschaftliche Anerkennung und Status nicht durch Geld sondern direkt (siehe KiIsWhoWi)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.