Wider die Werbung

Werbung ist einer der bedeutendsten einzelnen Faktoren unseres gesellschaftlichen Systems. Werbung ist wichtiger als Wahlen, wichtiger als der öffentlich rechtliche Rundfunk, wichtiger als der Föderalismus. Gleichzeitig ist Werbung wahrscheinlich das destruktivste einzelne Element unserer gesellschaftlichen Organisation.

Werbung ist einer der bedeutendsten einzelnen Faktoren unseres gesellschaftlichen Systems. Werbung ist wichtiger als Wahlen, wichtiger als der öffentlich rechtliche Rundfunk, wichtiger als der Föderalismus. Gleichzeitig ist Werbung wahrscheinlich das destruktivste einzelne Element unserer gesellschaftlichen Organisation.

Werbung ist eine allgegenwärtige Propagandamaschine. Das wäre nicht unbedingt schlimm, wenn sie nicht konsistent eine einzige Botschaft verbreiten würde. Doch genau das tut sie. Natürlich gibt es so viele Werbebotschaften wie Produkte. Doch jede Werbung sagt ausnahmslos „Kauf mich!“. Das hat selbstverständlich gravierende und tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Gesellschaft.

Teufelskreis

Gleichzeitig ist Werbung selbstverstärkend. Ein immer größerer Teil unserer Gesellschaft widmet sich der Erzeugung von Aufmerksamkeit, von Aufmerksamkeit für die Botschaft der Werbung und von Aufmerksamkeit für die Werbung selbst. Werbung für schriftliche Publikationen, für Hörfunk und Fernsehangebote und auch für Internetangebote ist letztendlich Werbung für Werbung. Und so wird unsere Gesellschaft immer und immer tiefer von diesem Virus durchdrungen.

Dies alleine ist schon mehr als bedenklich. Doch die unisono verbreitete Botschaft der Werbung stiftet kaum Nutzen und erheblichen Schaden. Dieser Schaden erstreckt sich über praktisch alle Aspekte unseres Zusammenlebens, vom Privatleben über Wirtschaft und Politik bis zur Kultur.

Ich werde im Folgenden eine ganze Reihe der destruktiven Folgen der Werbung erörtern. Ich tue dies jeweils so kurz, wie sinnvoll möglich. Es ist zu beachten, dass die meisten angesprochenen Probleme nicht monokausal sind. Vieles hat mehrere Ursachen, Werbung ist immer ein Faktor von vielen – wenn auch ein oft wichtiger.

Ich bin was ich kaufe

Werbung ist das zentrale Vehikel, das in unserer Gesellschaft sozialen Status primär mit Geld und zur Schau gestelltem Konsum verknüpft. Diese Umdeutung sozialer Anerkennung ist einerseits verantwortlich für zahlreiche soziale Schieflagen unserer Gesellschaft, da so sozial destruktives Verhalten durchaus sozial positiv sanktioniert wird, andererseits ist sie in hohem Maße mitverantwortlich für die Zerstörung unseres Planeten, der dem überbordenden Konsumerismus nicht gewachsen ist.
Der letztgenannte Aspekt hängt mit einem weiteren zentralen Übel der Werbung zusammen. Werbung suggeriert als Ganzes genommen, dass der Sinn des Lebens – was immer das ist – nur über Konsum erfüllt werden kann. Damit ist Werbung zentraler Teil der allgegenwärtigen Propagandamaschine, die letztlich den scheinbar verblüffenden Siegeszug des Neoliberalismus befördert hat. Werbung ist als ganzes Propaganda für eine anti-soziale konsumeristische Politik und stellt durch ihre große Wirksamkeit eine immense Gefahr für die Demokratie dar.

Werbung ist der alleinige Motor der medialen Aufmerksamkeitsökonomie. Werbung ist der Grund, dass in kommerziellen Medien ausschließlich zählt, was (die) Aufmerksamkeit (der Zielgruppe) erregt. Sie ist somit verantwortlich für die zunehmende Skandalisierung und Verflachung des öffentlichen Diskurses, sie ist verantwortlich für die groteske Überbewertung des Terrorismus und somit der Aushöhlung der freiheitlichen Grundordnung und sie ist Verantwortlich für die Trivialisierung der Mainstream-Kultur und Marginalisierung echter Kreativität, sofern sie nicht auf Skandal und Schockeffekte setzt.

Werbung wider Marktwirtschaft

Werbung ist ein wichtiger Faktor dafür, dass in einer Marktwirtschaft größere Unternehmen zusätzliche Vorteile haben. Diese positive Rückkopplung ist einer Gründe für die fatale Tendenz zur Marktkonzentration. Werbung höhlt somit die Grundidee der Marktwirtschaft aus. Werbung wirkt. Je größer ein Unternehmen (bei gleicher Produktpalette) desto größer das Marketing-Budget pro Produkt, desto größer der Vorteil des großen Unternehmens. Dies stellt eine massive Wettbewerbsverzerrung dar.

Marktwirtschaft bedeutet (auch) Wettbewerb, Qualität, Effizienz und Innovation. Wo passt da Werbung rein? Ich laufe zwar langsamer als die anderen, gewinne aber den 100-Meter Lauf, weil ich die Punkte-Richter von mir überzeugen lasse? Genau das ist Werbung in der Marktwirtschaft. Zum Ausgleich hat Werbung keinen volkswirtschaftlichen Nutzen, außer dass sie das Wirtschaftswachstum ankurbelt. Letzteres aber nicht genug, das Problem müssen wir ohnehin anders lösen.

Werbung ist der Grund, dass Unternehmen um jeden Preis versuchen, alles, aber auch alles über jeden herauszufinden, zu speichern und weiter zu verarbeiten. So ist Werbung verantwortlich für gefährliche Informations-Ungleichgewichte (Wissen ist Macht). Werbung ist die zentrale Ursache dafür, dass Datenschutz so ein wichtiges Thema ist, dass wir bereit sind, dafür einen erheblichen Teil der digitalen Dividende zu opfern.

Sex sells

Ich vermute, dass Werbung auch für einen strukturellen Sexismus in unserer Gesellschaft verantwortlich ist. Wer schon mal mit einer schönen Frau unterwegs war weiß: Sie erregt Aufmerksamkeit. Ich behaupte, das steckt tief in unserer Biologie, damit müssen wir leben. Wie ich oben dargelegt habe, ist Aufmerksamkeit das vordergründige Ziel der Werbetreibenden. Daher dominiert in der öffentlichen Darstellung ein Frauenbild, dass auf seine aufmerksamkeitserregenden Aspekte optimiert ist. Auch die Politik scheint massiv davon betroffen zu sein. Zumindest vermute ich, dass dieser Wirkzusammenhang ursächlich für Marina Weisbands Klage ist:

In der Politik sind wenig Frauen, „weil die Zeitungen über sie nur berichten, was sie an haben, oder Heldenstories mit ihnen machen, wie sie sich als Frau durchschlagen. Weil sie erst auf politischer Linie total versagen müssen, ehe man anfängt, über das Inhaltliche zu sprechen. Weil sie unweiblich sein müssen, weil man sonst über ihre Frisuren spricht.

Ausverkauf der Demokratie

Noch gravierender sind natürlich die direkten Auswirkungen der Werbung auf die Politik. Lobbyismus ist nichts anderes als eine besondere Form von Werbung. Besonders ist dabei nicht die Wirkungsweise – Versicherungen zum Beispiel werden oft auf nahezu identische Art und Weise vermarktet – sondern das Produkt. Und die Effizienz. Das Produkt ist die Berücksichtigung der Interessen der Auftraggeber in der Gesetzgebung. Lobbyismus hat mittlerweile Ausmaße angenommen, die unsere Demokratie selbst ad Absurdum führen. Der Einfluss der Lobbyisten ist sehr viel größer als der der Wähler. Der Einfluss der Wähler sollte hierbei nicht mit dem Einfluss der Mainstream-Medien verwechselt werden, die sicherlich einen ähnlichen Einfluss haben wie die Lobbys.

Werbeverbot

All diese gravierenden Nachteile legen es nahe, Werbung zu verbieten. Dies umzusetzen wäre simpel. Schon heute gelten Werbeverbote für Alkohol und Tabak in zahlreichen Medien (im Fernsehen, bei Formel 1 Rennen usw.). Wenn Bedenken bestehen, dies könnte mit der Meinungsfreiheit in Konflikt geraten, ließe sich auch eine Form wie diese wählen: Es ist verboten, jemanden dafür zu bezahlen, einen dritten von etwas zu überzeugen. Zur hundert prozentigen Durchsetzung des Werbeverbots bedürfte es evtl. auch einer umfassenden Transparenz der Wirtschaft, für die wiederum eigene Argumente sprechen. Wie auch immer, einem Verbot stehen keine prinzipiellen Probleme entgegen.

Ohne Werbung

Es sind eher die zu erwartenden Konsequenzen, die Bedenken auslösen werden. Einerseits hängt ein ganz erheblicher Teil unseres Kulturschaffens am Tropf der Werbung. Dieser Teil unserer Kultur wäre durch ein Werbeverbot bedroht. Wie ich oben dargelegt habe, hat diese Finanzierungsform für Kultur aber sehr einseitige, nachteilige Folgen. Wie eine freie, bessere Kultur funktionieren könnte, habe ich unter anderem hier erörtert.

Wenn man von öffentlich rechtlichen Medien absieht, hängt quasi unser gesamter Journalismus von der Werbung ab. Auch dies hat, wie oben dargelegt, massive negative Konsequenzen. Doch ohne Werbung, gäbe es da gar keinen Journalismus mehr? Ich habe unter anderem hier erläutert, wie ein freierer, besserer Journalismus und öffentlicher Diskurs aussehen könnte.

Interessanter Weise müssen wir diesen alternativen Diskurs vervollkommnen, bevor wir überhaupt über die Umsetzung eines Werbeverbotes nachdenken können. Denn wie bereits dargelegt, hängt die große Mehrzahl der Medienwirtschaft und die komplette nicht-öffentlich-rechtliche Journaille am Tropf der Werbung. Etwas gegen diese Mutter aller Lobbys auszurichten, dürfte unmöglich sein.

Noch tiefgreifender wären die Folgen eines Werbeverbots für den Arbeitsmarkt. Kurzfristig würde ein solches Verbot zahlreiche Arbeitskräfte freisetzen. Zudem ist zu erwarten, dass die Wirtschaft in Ermangelung der omnipräsenten Konsumpropaganda zunächst schrumpft, was mittelfristig noch mehr Arbeitskräfte freisetzte. Doch wenn wir nicht glauben, dass wir das gesamte Wohl und Wehe unserer Gesellschaft dem unendlichen und exponentiellen Wachstum unser kaum kontrollierbaren, chaotischen Wirtschaft ausliefern sollten, dann müssen wir dieses Problem ohnehin lösen. Wie man das angehen könnte, habe ich hier erläutert.

Das Notwendige mit dem Nützlichen verbinden

Werbung hat also zahlreiche, tiefgreifende negative Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Werbung lässt sich zwar abschaffen, doch ist sie so tief mit unserem gesellschaftlichen System verflochten, dass diese Abschaffung allein einen bedeutenden Umbau unserer Gesellschaft implizieren würde. Doch diesen Umbau müssen wir ohnehin in Angriff nehmen, wenn wir unseren immer weiter beschleunigten Lauf mit dem Kopf gegen die Mauern dieses Planeten verlangsamen wollen. Und wenn wir dies endlich angehen, winkt uns eine bessere, humanere Organisation unseres Zusammenlebens.

16 Gedanken zu „Wider die Werbung“

  1. hi schrotie,

    das war eine sehr interessante werbe- und konsumkritik. viele der von dir skizzierten probleme sehen ich ebenfalls, doch ich bin bzgl. der werbung einer völlig anderen ansicht.

    für mich ist werbung generell kein problem, da ich werbung als völlig natürlichen vorgang ansehe. das leben ist durchzogen von werbung. schon viele tiere werben um ihre partner. wir menschen verbringen unser ganzes leben damit für das ein oder andere zu werben. wir werben für unsere meinungen, für unseren geschmack, für unsere heimat, für unsere freunde, für unsere produkte, für unsere unternehmen, … – werbung ist kein problem unserer gesellschaft. sie wirkt lediglich wie ein problem, da sie ein teil der kultur und die kultur so etwas wie die haut der gesellschaft ist. unsere kultur ist das sichtbare, die oberfläche, an der wir den zustand und werdegang unserer gesellschaft verfolgen können.

    die probleme, die du zeichnest, wie z.b. die übermäßige manipulation durch werbung oder die einseitigen schönheitsideale, sexierung, etc. – werbung verursacht in unserer gesellschaft definitiv viele probleme, aber die ursache liegt nicht in der werbung. dass die werbung so aussieht, liegt in der art von marktwirtschaft, die wir leben. uns fehlt das moralische korrektiv. wir haben ein system, was einfach so vor sich hin wächst. das wachstum des systems ist der zweck des systems. das ist das problem. wir leben ziellos vor uns her, und uns fehlen gemeinsame werte, die wir verteidigen und einfordern. natürlich hat jeder so seine werte, die ihm wichtig sind, doch diese werte sind für unser überleben und unsere soziale stellung minder wichtig. viel wichtiger ist flexibilität in der auslegung und interpretation von werten, die fähigkeit kontexte und soziale rollen zu trennen. geld ist hier der einzige messbare erfolgsfaktor, auf den sich unsere gesamte zivilisation stützt. – das alleine ist der grund dafür, dass werbung so ist, wie sie ist. das ist der grund, warum wir zwar reicher aber unglücklicher werden. das ist der grund, warum politiker so undemokratisch agieren können wir aktuell in europa der fall. es ist der grund für unsere politikverdrossenheit.

    würden wir uns gesellschaftlich wieder stärker an unseren werten orientieren, statt an zielgrößen für beschäftigung, wirtschaftswachstum, BIP, …, könnten wir das durchbrechen. das problem ist, dass man die durchsetzung oder umsetzung von werten so schlecht messen kann. finden wir eine methode, die korrelation einer person, einer gruppe oder eines unternehmens mit seinen eigenen werten zu messen, könnten wir das ins verhältnis zu den eigenen werten, den werten der eigenen gruppe oder gesellschaft setzen. werte würden so eine größere bedeutung in der umsetzung von projekten, produkten, etc. erhalten, wodurch sich auch die werbung verändern würde.

    es gibt in meinen augen möglichkeiten dieses problem anzugehen. ich selbst würde dabei allerdings von verboten oder ähnlichen zentralistischen ansätzen absehen, weil zentralismus kontrolle benötigt, die wegen der machtkonzentration meist auch missbrauchspotenzial bringt. diese lösungsansätze zu finden uns zu diskutieren ist allerdings eine andere baustelle 🙂

    1. Hi Dave, vielen Dank für diesen tollen Kommentar. Der hat mehr Substanz, als die meisten Blog-Artikel.

      Für mich ist Werbung auch kein Problem und völlig natürlich. Ich habe an einer Stelle auch angedeutet, das sicher gestellt werden muss, dass jeder so viel Werben können muss, wie er will. Wenn ich ein Produkt toll finde, muss ich das sagen dürfen. Und wenn ich ein Lied darüber mache und mit einem Video darüber auf Youtube stelle, dann darf das kein Problem sein. Aber wenn einzelne ihre Meinung oder Interessen beliebig verstärken können, gefährdet das das Gleichgewicht unserer Gesellschaft – und hat sehr konkrete Nachteile, die ich im Einzelnen aufgeführt habe.

      Einen habe ich übrigens vergessen: wir leben in einer Informationsgesellschaft. Werbung arbeitet oft mit Fehlinformationen und versucht fast immer, Assoziationen herzustellen, die falsch oder nicht sinnvoll sind: der Kauf von Produkt x wird Dein Ansehen erhöhen. Das bedeutet, wir finanzieren einen ganz erheblichen Teil der (weichen) Infrastruktur unserer Informationsgesellschaft mit der massiven Verbreitung von Fehlinformationen. Das ist Irrsinn. Sollte ich vielleicht noch oben einbauen.

      Natürlichkeit ist dabei als Argument völlig wertlos. Mord ist auch natürlich, selbst Krieg gibt es bei unseren nächsten Verwandten. Dennoch ist die Natürlichkeit von (organisiertem wie unorganisiertem und affektivem) Mord absolut keine Rechtfertigung dafür.

      Ich habe nicht behauptet, dass Werbung die Ursache für irgendein Problem ist. Ich habe extra vorweggeschickt, dass es eine Ursache von mehreren ist, wenn auch oft eine wichtige. Beim Sexismus bin ich mir unsicher, es scheint mir aber plausibel. Die These ist auch recht neu (für mich). Aber dass z.B. die uns gebotene Unterhaltung ohne Werbung eine völlig andere wäre, ist kaum von der Hand zu weisen. Und dass Werbung erhebliche Teile unserer Kultur zum marktschreierischen heischen von Aufmerksamkeit einspannt ebensowenig. Bezweifelst Du, dass Werbung den Wettbewerb zugunsten der größeren Unternehmen verzerrt? Und dass Lobbyismus unsere Demokratie zur Farce macht, ist ein Punkt, den ich persönlich kaum noch zu diskutieren bereit bin – allenfalls ihn zu erläutern. Werbung und Lobbyismus sind aber das gleiche, auf unterschiedlichen Ebenen.

      Es ist auch nicht richtig, dass der Ansatz eines Werbeverbotes zentralistisch ist. Ein Mord-Verbot ist auch nicht weniger zentralistisch. In diesem Zusammenhang ist eher relevant, wie man Legislative, Judikative und Exekutive dezentralisiert. Auch dazu mache ich konkrete Vorschläge, das führt jetzt aber zu weit.

      Der Kern Deiner Kritik, soweit ich sie verstehe, ist, dass Werbung ein Symptom ist, und nicht die Ursache. Werbung gab es schon im viktorianischen Zeitalter. Besonders interessant finde ich aus heutiger Sicht Heroin-Werbung von Bayer, oder auch Kokain-Werbung. Wie auch immer, das war eine Zeit, die von höchsten moralischen Werten geprägt war. Vieles davon war sicher fehlgeleitet, aber Werte gab es reichlich. Ich behaupte, dass nicht der Werte-Verlust die Werbung verdorben hat, sondern tendenziell eher umgekehrt. Wir wissen, dass Werbung wirkt. Das steht außer Zweifel. Wenn dem so ist, wie kann man dann annehmen, dass die gemeinsame Botschaft aller Werbung nicht wirkt, wenn sie über Jahrhunderte mit dauernd zunehmender Verstärkung auf uns eintrommelt: „Du musst kaufen um glücklich zu sein, kaufen um etwas gelten!“? Werbung wirkt, aber gegen diese Botschaft sind wir immun?

      Ich glaube, wie Du weißt, genau wie Du, dass wir wieder mehr Werte brauchen und persönliche Verantwortung, um uns an diesen Werten messen zu lassen. Wenn das einer Deiner Hintergedanken bei Tagolution ist, stimme ich auch dem voll zu. Doch ich glaube halt, das reicht nicht. BP verursachte eine der schlimmsten Ölkatastrophen aller Zeiten. Das war Monate lang im Fernsehen. Aber BPs Werbung „Beyond Petroleum“ (bitte auf der Zunge zergehen lassen) ist über Jahre und Jahrzehnte im Fernsehen. Und die Katastrophe wird irgendwann vergessen sein. Hier heißen die meisten BP Tanken praktischer Weise ohnehin „Aral“. Ein Unternehmen mit genügend Marketing-Mitteln, kann sich ein Image nach belieben geben. Dagegen haben fragile Phänomene wie „Werte“ wenig auszurichten.

      Wie gesagt, ich stimme Deinen Ansichten über Werten zu, soweit Du sie hier dargelegt hast. Doch ich glaube, das allein greift zu kurz. Deine Argumentation scheint mir eine zu starke Fokussierung auf einen einzigen Faktor darzustellen. In den Abschnitten über die Konsequenzen eines Werbeverbotes deute ich an, für wie vielschichtig ich allein dieses halte. Schon ein Werbeverbot impliziert einen weitgehenden Umbau unserer Gesellschaft. Ich bestreite, dass Du Werte nehmen kannst, sie über unsere jetzige Gesellschaft stülpst, und dann erwarten darfst, etwas Grundlegendes zu ändern. Wir müssen meiner Meinung nach unser Zusammenleben in vielerlei Hinsicht umbauen. Eine meiner Grundannahmen dazu ist, dass wir einen weitgehend freien Informationsfluss brauchen, einen, der unter anderem unverfälscht ist von Werbung.

  2. Werbung war ja in den 60ern ja sehr in der Kritik. Packard – The hidden persuaders. Meine Kinder finden Werbung nicht schlimm – im Gegenteil. Die nehmen das als Unterhaltung. Manche Werbung ist ja auch witzig, wenn auch selten. Selbst die Unterbrechungen bei Filmen stören die nicht.

    Die Werbung auf ihre Informationsfunktion („auch wenn Du einen Dollar zu 90 Cent verkaufen willst, musst Du das den Leuten sagen“) zu beschränken ist wohl unmöglich – wer soll das kontrollieren? Aber eine Steuer wäre denkbar, meine ich. Damit könnte man die kritische Wahrnehmung in den Schulen fördern, zum Beispiel.

  3. Durch die Werbung hat sich die Wirtschaft von den Künstlern abhängig gemacht … Jede Firma braucht ein paar Clowns und Künstler, die ihre Idee so schön machen, dass jemand sagt: Das will ich haben!
    Die Leute, die Werbung machen oder die Leute, die von Werbung – Anzeigen – leben, wären ohne Werbung arbeitslose Künstler oder Schriftsteller … oder Fließbandarbeiter, Barkeeper, Manager, etc.
    Ist doch eine gar nicht so schlechte ABM in unserer Überflussgesellschaft. Sinn und Konsum verschmelzen.

    1. Das ist richtig. Ich finde es toll, das Werbung so unwahrscheinlich viel Kreativität auf höchstem Niveau in jedermanns Alltag bringt. Aber aus den oben dargelegten Gründen scheinen mir die Argumente dagegen stärker. Auch gegen die ABM spricht grundsätzlich nichts, aber wie gesagt, die Gründe dagegen halte ich für sehr viel wichtiger.
      Ich habe eine Vision (ich weiß, ich sollte damit zum Arzt): Wenn es keine Werbung gäbe und viele andere Dinge umgesetzt wären, die ich hier im Blog bespreche, dann würde die industrielle Produktivität unserer Gesellschaft so stark steigen, dass niemand mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten müsste. Da bleibt reichlich Zeit für kreative Betätigung. Und da die aufmerksamkeitsheischende Unterhaltungsmaschiene vermutlich stark gedrosselt wäre, wäre sehr viel Aufmerksamkeit für die überall existierende Kreativität frei. Eine lebendige Kultur voller Live-Musikabenden, Lesungen, Ausstellungen usw.

  4. Naja … das wäre dann eben Planwirtschaft: Einfach mal die Werbung abschaffen …
    Habe ich auch schon drüber nachgedacht, Werbeleute sind ein wenig wie Finanzjongleure: Für das nackte Produkt, das einer aus der Welt herstellt, um es anderen zu verkaufen, nicht direkt wichtig. Wir könnten locker drauf verzichten, Produkte wären billiger (und grauer), eine Menge Leute, die in den Werbeagenturen verheizt wären, würden ihre Kreativität freisetzen etc.
    Aber zum einen könnte nur ein Robert Mugabe die Werbung abschaffen, und zum anderen: Live-Abende, Ausstellungen, Musik, Kunst – das ist Werbung.
    Und die 20 Stunden-Woche wäre schön. Da könnten die Werbetreibenden 20 Stunden in einer Fabrik schuften und den Rest ihrer Zeit dazu verwenden, das zu tun, was sie tun wollen und was sie in der echten Welt sowieso tun: Kunst.
    Vielleicht ein Stück selbstbestimmter.
    Ach ja: Die 20 Stunden-Woche steht fast jedem offen, wenn er es will. Dass es sie nicht gibt, liegt leider daran, dass sich die meisten Menschen darin wohlfühlen, 30 bis 40 Stunden im Büro oder sonstwo zu sein; oder dass die anderen nicht das Rückrat haben, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen…
    wie auch immer… ach doch, noch ein Kommentar: „würde die industrielle Produktion so sehr steigen…“ – willst du das wirklich? Haben wir denn nicht schon genügend Fabriken etc.?

    1. Was wäre woran Planwirtschaft??? Planwirtschaft heißt, dass Produktion zentral geplant wird. Davon ist nirgends die Rede. Ein Verbot macht doch keine Planwirtschaft. Zigaretten- und Alkoholwerbung ist mittlerweile in den wichtigsten Medien verboten. Ist das deswegen planwirtschaftlicher? Haben wir Mugabe engagiert um das durchzusetzen?

      Ob Livemusik Werbung ist kommt auf die Definition an. Darum deutete ich oben eine Definition an, die Livemusik nicht erfasst (Es ist verboten, jemanden zu bezahlen, damit er einen Dritten von etwas überzeugt). Das ist natürlich nur ein Ansatz, eine Denkrichtung, keine Lösung.

      Ich schrieb nicht „Produktion“ sondern „Produktivität“. Letzteres kann auch heißen, dass wir mit weniger Aufwand dasselbe erreichen. Das ist ein Kerngedanke von mir. Wenn man unser System überwinden will, dann geht das nur, wenn man etwas schafft, das dieses System weit in den Schatten stellt. Eine Revolution ist eine absurde, selbstmörderische Idee. Man muss dieses System in seiner Kernkompetenz schlagen. Man muss es kaputt-konkurrieren. Und das ist glaube ich gar nicht so schwer.

  5. Ich finde deine Überlegungen absolut richtig, vor allem weil du zu erkennen gibst, dass es im eigentlichen Sinn nicht um Werbung an und für sich geht, sondern um die Tatsache, dass Werbung, wie sie heutzutage gehandhabt wird, nichts mehr mit Werbung für ein bestimmtes Produkt zu tun hat, sondern mit Selbstvermarktung und-darstellung aller (gesellschaftlicher, politischer, ökonomischer, menschlicher, privater) Bereiche. Ich bin in einer Gesellschaft groß geworden, in der Werbung keine Rolle gespielt hat, was im Endeffekt positiv bewirkt hat, dass ich z.B. als Individuum und Frau nicht in erster Linie daran gemessen wurde, ob ich dem gängigen Schönheitsideal entspreche, ob ich mich als Frau verhalte, wie sich Frau zu verhalten hat, ob ich die tollsten Markenklamotten trage etc. Den Druck zur Anpassung gab es auch da, aber er war anders (politisch) motiviert, hatte klar auch die Auswirkung, dass individuelle Kreativität und Leistung nicht gefördert und gefordert und belohnt wurde und gelogen wurde da auch ohne Ende, aber ich habe mich mehr als Mensch gefühlt als heute, wenn ich mich regelrecht verkaufen muss und dennoch nur dann Erfolg haben werde, wenn ich meine Arbeitskraft so billig wie möglich „an den Mann“ bringe und/oder lügen darf und muss, dass sich die Balken biegen, bzw. einem geforderten, durch Werbung und Mainstreem suggeriertem, „Ideal“ hinterherhechle (zur Not wird eben mal schnell mit dem Skalpell nachgehofen), damit überhaupt jemand auf mich aufmerksam wird, denn Aufmerksamkeit zu erregen, scheint doch die einzig erfolgsversprechende Strategie zu sein, ob nun durch Skurrilität, hervorstechende, zur Schau gestellte Dummheit, Schönheit oder Hässlichkeit, Zickenkrieg etc. – immer wird dabei gelogen, immer geht es dabei um Klischees, niemals um Qualität. Was als der Marktwirtschaft immaneter Wettbewerb bezeichnet wird, ist nichts weiter als PR im Sinne von (verlogener) Selbstvermarktung. Und das umfasst inzwischen wirklich alle Bereiche – Soziales, Bildung, ach und die leidigen Partnerschaftsforen, die dir die Möglichkeit geben, dich auf dem „Markt der Eitelkeiten“ zu beweisen…
    Werbung verbieten? Ich wäre dafür. Aber wer um alles in der Welt KANN das denn bewirken?

    1. Vielen Dank für diesen tollen Kommentar. Ich bin das Thema (das mich übrigens schon sehr lange umtreibt) sehr abstrakt angegangen. Du hast eine sehr persönliche Perspektive hinzugefügt, die vermutlich die meisten nachvollziehen können. Mich hat es jedenfalls berührt. Ich bin im Westen mit Werbung aufgewachsen. Ich hätte nicht gesagt/geglaubt, dass der Eingriff der Werbung in unser Leben so tief ist, wie Du es beschreibst. Ich habe das zwar abstrakt dargelegt, aber so wie Du es beschreibst, hat es eine Wucht, die mich überrascht.

      Was Du schreibst passt auch zu dem, was ich über Marktwirtschaft glaube. Ich halte nämlich sehr viel von Marktwirtschaft. Marktwirtschaft heißt für mich Gewaltenteilung und Selbstorganisation nach Regeln, die man ändern kann. Dass da heute sehr viel ganz übel läuft, steht dabei außer Frage.

      Wir können etwas bewirken. Wir sind Menschen. Menschen haben immer wieder unfassbares bewerkstelligt. Was auch immer man bewirken möchte, zunächst muss man andere überzeugen. Ich glaube, dass heute die einzige Chance auf fundamentale Veränderung darin besteht, etwas besseres zu schaffen, eine bessere Gemeinschaft innerhalb des bestehenden Systems zu erschaffen und jenes dann langsam zu verdrängen.

  6. Ein toller, sehr tief schürfender und radikaler Artikel!
    In vielem sprichst du mir aus der Seele, doch glaube ich nicht daran, dass man Werbung verbieten sollte/könnte. Die ABGRENZUNG ist ja kaum machbar: was ist noch als Information ok – und was ist „übertrieben konsum-orientierte“ Werbung?

    In medialen Umwelten mit arbeitsteiliger Wirtschaft kann auf Werbung als Information doch gar nicht verzichtet werden. Wie sollte ich sonst erfahren, was mir „der Markt“, aber auch alle ANDEREN, nicht kommerziell orientierten Gesellschaftsteilnehmer/innen anbieten?

    Du schreibst:

    „Ein immer größerer Teil unserer Gesellschaft widmet sich der Erzeugung von Aufmerksamkeit, von Aufmerksamkeit für die Botschaft der Werbung und von Aufmerksamkeit für die Werbung selbst. Werbung für schriftliche Publikationen, für Hörfunk und Fernsehangebote und auch für Internetangebote ist letztendlich Werbung für Werbung. „

    Erzeugung von Aufmerksamkeit – DAS ist der Kern. Auch ich könnte kein Einkommen erwirtschaften, würde ich nicht auf mich aufmerksam machen – mit den Mitteln, die mir heute dank des Netzes zur Verfügung stehen.

    Der „Kampf der Headlines“ lässt sich z.B. auf GoogleNews gut beobachten – aber der würde auch statt finden, wenn der Jpournalismus und das „freie Schreiben/Bloggen“ ohne Konsumwerbung stattfinden könnte. Denn es bliebe ja trotzdem das Problem: wie bekomme ich Aufmerksamkeit für meine Inhalte?

    Dass Headlines, die mit Gefahr und Verlusten, aber auch mit leistungslosen Gewinnen drohen und locken, mehr Leser anziehen als sachliche Überschriften, verdankt sich nicht der Konsumwerbung alleine, sondern basiert auf urtümlichen menschlichen Verfassungen: only bad news are good news – was uns schreckt (oder zu bereichern verspricht), das wollen wir wissen….

    Immerhin sehe ich durch die Präsenz der Unternehmen in den sozialen Medien die Chance, ihnen zunehmend auf die Füße zu treten, wenn sie zugunsten des Umsatzes Werte negieren, die uns wichtig sind. Dafür gibt es ja immer mehr Beispiele.

    Ich befürchte allerdings, dass sich substanzielle Änderungen der hirnlosen Wachstumsgesellschaften nur im Zuge chaotischer, katastrophaler Entwicklungen ergeben. Weil die meisten, auch bei „kritischem Bewusstsein“, doch sehr an all den Bequemlichkeiten hängen, die „das System“ uns hierzulande (DE) noch bietet.

    1. In dem Artikel schrieb ich ja schon, dass das Werbeverbot für Zigaretten offenbar kein großes Problem ist. Und wenn man das für sinnvoll hält (ich tue das) sollte man Werbung nicht direkt verbieten, sondern das Zahlen für Werbung. Dann bleibt private Eigenwerbung, Werbung für „die gute Sache“ usw. erlaubt. Die Abgrenzung ist vermutlich nicht trivial, aber für einen Show Stopper halte ich das Problem nicht. Da ist die Durchsetzung erheblich anspruchsvoller 🙂

      Ich stimme Dir voll zu, dass die Aufmerksamkeitsökonomie mit dem Ende der Werbung keineswegs abgeschafft wäre. Das ist ja auch gut so. Wenn 7 Milliarden Stimmen alle gleich laut zu hören wären, würde es schwierig, etwas zu verstehen … Auch Verflachung und Skandalisierung würden in einem werbelosen Netz weiterleben. Das finde ich auch OK. Wir sind Menschen und als solche allzu menschlich. Menschlich find ich gut. Aber in einem selbstverstärkenden System unsere „Fehlerlein“ (sind ja in „freier Wildbahn“ nicht mal unbedingt Fahler) maßlos aufzublasen und zum Maß aller Dinge zu machen ist eben nicht gut.

      Ich glaube, auch heute ist Werbung als Informationsquelle schon überflüssig. Produktinformationen verbreiten sich auch über soziale Netze und andere Webdienste. Allerdings glaube ich, dass ohne Werbung ein etwas größerer Markt für Dienste wie Warentest und Konsorten entstände. Außerdem bekämen Empfehlungssysteme wie das von Amazon eine noch größere Bedeutung. Für viele sind heute soziale Netze auch die primäre Quelle für Produktinformationen. Pinterest sieht über weite Strecken aus, wie die Mutter aller Produktkataloge.

      Das mit der Bequemlichkeit ist kaum zu überschätzen. Ich hoffe dennoch, dass es gelingt mit einer relativ kleinen Gruppe von Menschen zu beginnen, etwas zu ändern und von da aus zu wachsen ohne katastrophale Entwicklungen durchmachen zu müssen.

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