Das Fest der Liebe

Wenn ich meine Lebenserwartung ungefähr erfülle, habe ich jetzt rund die Hälfte meiner Weihnachtsfeste erlebt.

Mein Vater starb als ich fünf war, davor kann ich mich an keine Weihnachten erinnern. Meine Mutter war nie religiös und konnte auch sonst nichts mit Weihnachten anfangen. Es gab bei uns keinen Weihnachtsschmuck. Es gab einen 50cm hohen “Baum” aus Holz mit geschwungenen Holz-Leisten als Äste – insgesamt in der typischen Tannenbaum-Form. Es gab Geschenke.

Ich habe in meiner Kindheit und Jugend nie gelernt, was das mit Weihnachten soll. Als junger erwachsener war ich Weihnachten manchmal allein, jedenfalls nie bei meiner Familie. Fast alle Menschen in meinem Alter waren mit ihren Geschwistern und Eltern zusammen. Ich war kein besonderer Weihnachtsfan.

Die Frau, mit der ich nun mein halbes Leben verbracht habe, kommt aus einer christlich-konservativen Kleinstadt-Familie. Die Hälfte meiner Weihnachtsfeste habe ich mindestens teilweise bei dieser Familie verbracht. Es gibt schlechtere Arten, Weihnachten zu verbringen.

Seit nun zehn Jahren haben wir Kinder. Die freuen sich natürlich hauptsächlich auf die Geschenke. Jetzt sind sie gerade in der völlig überfüllten Kirche während ich was noch zu erledigen war erledigt habe und wie so oft um diese Zeit über Weihnachten nachdenke.

Mein Verhältnis zu Weihnachten hat sich von deprimierend zu zwiespältig entwickelt. Langsam mache ich meinen Frieden mit dem Fest – hoffe ich.

Die Zeit “zwischen den Jahren” hat schon seit Jahrtausenden eine besondere Bedeutung, die ursprünglich auf die Differenz zwischen Sonnen- und Mond-Kalender zurück geht. Es sind ruhige Tage deren meist mieses Wetter mir zusammen mit der Tatsache, dass die meisten Menschen hier zeitlich verplant und die Geschäfte mehr oder weniger geschlossen sind, viel Zeit zum nachdenken lässt.

Ruhe und Kontemplation sind schon mal ein großes Plus dieser Zeit. Dann ist Weihnachten in Deutschland das Familienfest schlechthin. Das Klischee besagt, dass man sich dann folgerichtig streitet. Doch das ist mir fast immer erspart geblieben. Weihnachten heißt Zeit mit den Menschen, die mir am meisten bedeuten.

Natürlich sind da auch die Geschenke. Geschenke heißt, ich denke über die Beschenkten nach. Ich versetze mich in sie hinein und überlege, was ihnen Freude macht. Ich bin eine Null im Geschenke verpacken. Also brauche ich ewig dafür. Aber es ist dann auch meine Zeit, die ich schenke. Überhaupt wäre es besser, mehr Zeit zu schenken. Etwas zu machen, ein Gedicht zu verschenken, ein Lied, ein Bild oder das Versprechen an einem bestimmten Tag etwas bestimmtes mit dem Beschenkten zu unternehmen. Doch ich fühle mich genauso in Zeitnot wie die meisten meiner Mitmenschen. Also nutze ich unsere arbeitsteilige Gesellschaft und kaufe Geschenke.

Ja, Konsumterror ist furchtbar. Doch es ist nicht Weihnachten, das schlecht ist. Unsere Gesellschaft definiert Anerkennung über Besitz. Und Wert ist nur wer eine Arbeit hat, die so wichtig ist, dass er dafür seine Mitmenschen wenigstens ein bisschen vernachlässigt. Weihnachten zeigt uns dieses Arrangement dann schmerzhaft vergrößert im Hohlspiegel. Kein Wunder, dass viele Menschen Menschen sagen, sie hassen Weihnachten.

Aber wie wäre es, wenn wir den Rest unseres Lebens ein bisschen mehr so ausrichteten, dass Weihnachten nicht mehr ganz so furchtbar ist?

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