Wetten Dass wir uns besser kennen?

Dass “Wetten Dass ..?” abgesetzt wurde, ist eine Revolution. Oder besser: es ist Teil und sichtbarstes Symbol einer Revolution. Gleichzeitig war “Wetten Dass ..?” mit seiner Erstausstrahlung ihr Beginn sowie mit dem Absetzen ein wichtiger Meilenstein derselben.

TV Historie

Als “Wetten Dass ..?” vor 34 Jahren herauskam, war es schon eine TV-Revolution. Es war die Show von uns Normalos. Und mit Thomas Gottschalk sprach diese Show dann auch seit 27 Jahren in der Sprache der Normalos zu uns – in unserer Sprache. Beides gab es vorher nicht. Normalos kamen im Fernsehen nicht vor – außer als Opfer irgendwelcher Katastrophen oder als Kasper in einer altbackenen Spielshow. Und die Sprache, selbst in den großen Spielshows von Kuhlenkampf, Rosenthal und Heck, war nicht die Sprache des Volkes.

“Wetten Dass ..?” machte Normalos zu Stars. Sie spielten nun nicht mehr eine vorgesehen Rolle als Opfer oder Teilnehmer eines Spiels, dessen Regeln sie nicht bestimmen konnten, sonder sie spielten ihr eigenes Spiel nach ihren eigenen Regeln. Die Sendung gab uns einen kleinen Einblick in das Leben von anderen Normalos und ihre teils absurden Hobbies. “Wetten Dass..?” war damit der Anfang von dem, was heute 90% des Programm-Inhaltes der Privaten Sender (die es damals noch nicht gab!) ausmacht. Und was sich zuletzt bei Gottschalk sehr bemüht locker anfühlte, war 1987 eine Sensation. Gottschalk hatte schon mit anderen Sendungen für ein jüngeres Publikum Erfolge gehabt: weil er eine natürliche kodderige Sprache ins Fernsehen brachte. Als erster.

Und beides zusammen machte “Wetten Dass ..?” zu einem 34 Jahre währenden Mega-Erfolg, der bis zuletzt der Quotensieger seines Sendetermins war. Die größte und erfolgreichste Show Europas über drei Dekaden. Weil wir uns kennen lernen wollten, Liebe Mitbürger. Es war auch der Beginn des einen Megatrends der letzten Dekaden des seriellen TVs. Der Blick in unsere Wohnzimmer.

Das Ende vom Anfang einer neuen Epoche

Und jetzt wird “Wetten Dass ..?” abgesetzt, was zeigt, dass die Revolution in vollem Gange ist. Denn so langsam kennen wir unsere Wohnzimmer. Die Privaten Fernsehsender hatten uns da schon weit gebracht. Aber da sie fast ausschließlich auf Voyeurismus zielten, war ihr Blick letztlich doch verstellt. Doch mit YouTube haben wir auch dieses Problem gelöst. Wir sehen uns gegenseitig beim Leben zu. Klar, wir bekommen nur die kleinen Ausschnitte mit, die es zu kleiner Berühmtheit schaffen, Warhol’s 15 Minutes of Fame. Nur, dass es meist eher so 1 bis 3 Minuten sind und manchmal auch nur 15 Sekunden. Aber es genügt. Wir kennen unsere Wohnzimmer, wir kennen uns ein wenig. Das macht “Wetten Dass ..?” irrelevant und uns zu Revolutionären.

Erlauben Sie? Roggendorf

Denn sehen Sie: wir kennen uns. Darf ich mich vorstellen? Ich bin übrigens Thorsten Roggendorf. Wir sehen uns auf Youtube, wir lesen uns in den Kommentarspalten. Wir chatten und flirten, debattieren und streiten, Grüßen und flamen uns im Internet und teilen Bilder unserer Katzen. Wir brauchen keine Gatekeeper mehr, denn wir haben jetzt Katzenbilder. Und das ist keineswegs so trivial und lächerlich wie es oft gemacht wird.

Gatekeeper waren dass zentrale Element der Welt, aus der wir kommen. Wir kannten uns nicht gegenseitig, konnten uns nicht kontrollieren und wussten nicht, ob die anderen uns nicht ausnutzten oder ob wir auf ihre Kooperation vertrauen können. Um das Problem zu lösen, wurden die Gatekeeper eingeführt. Die Bürokratie, der abstrakte Gesetzgebungsprozess, die mächtige und seriöse Exekutive – wir brauchten all das, um dafür zu sorgen, dass wir einigermaßen fair zusammenleben können.

Der Mensch ist das sozialste Tier

Doch nun kennen wir uns oder können uns zumindest kennen. Und das brauchen wir nun mal. Sie können es als primitiven Voyeurismus sehen oder als liebevollen Blick auf unsere Nächsten, als seelisches, audio-visuelles Lausen. Wir Menschen stammen von Tieren ab. Wir sind soziale Tiere, die in Gruppen leben von der Größe der Kleinfamilie bis zu wenigen hundert. In Gruppen, wo wir es noch mental auf die Reihe kriegen, jeden irgendwie zu kennen, einordnen zu können. Millionen Jahre haben wir ganz überwiegend so gelebt. Seit höchstens wenigen hundert, probieren wir es nun auch anders.

Aber wir bleiben Menschen, wir müssen unser Rudel kennen. Das ist vielleicht auch ein wichtiger Grund für unsere Intelligenz. Unsere soziale Intelligenz ist beeindruckend. Wir bauen extrem komplexe Modelle vom Verhalten unserer Mitmenschen auf. Wenn wir jemanden gut kennen, erkennen wir schon an winzigen Details, wenn etwas nicht stimmt. Und wir können in ziemlich großen Gruppen leben. Vielleicht ist das der evolutionäre Schlüssel unseres Erfolges als Spezies. Wir können größere Gruppen bilden als alle andere soziale Tiere (wenn man mal die strunzen-dummen Herden außen vor lässt, die kaum kooperieren). Und der Rest ist ein Neben-Effekt unserer hohen sozialen Intelligenz.

Bleibt alles anders

Doch wir machen momentan recht wenig aus dieser hohen sozialen Intelligenz. Weil wir uns in unseren zu schnell zu groß werdenden Gruppen aus den Augen verloren haben. Doch nun können wir uns wieder sehen. Und brauchen darum die Gatekeeper nicht mehr.

Gatekeeper sind die “Torwächter”. Sie halten alle Schlüssel in der Hand für die Gewährung und den Entzug der gesellschaftlichen Teilhabe und damit die Schlüssel zu einem zentralen Teil unserer Menschlichkeit. Gatekeeper haben wir in der Wirtschaft wie im Staat. Wir mussten diese immense Macht in die Hände einzelner legen, um ihren allzu krassen Missbrauch zu unterbinden. Denn ohne soziale Kontrolle – und die verloren wir in unseren zu groß gewordenen Gruppen – war dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet und er fand auch nur zu umfangreich statt.

Nun wiederum können wir uns wieder kennen und wir können andere Lösungen für unser Zusammenleben finden. Das Internet und die Informationstechnik erlauben es uns, die Gruppen, in denen wir menschlich zusammenleben können, noch einmal drastisch zu vergrößern. Durch das knüpfen von individuellen Netzwerken innerhalb der Mega-Gruppe der globalen Gesellschaft können wir unsere nun vergrößerte Horde, unseren Stamm wiederherstellen, ohne ihn wie früher zu einer geschlossenen, isolierten Einheit zu machen. Wir können und müssen das Konzept der Ehre wieder herstellen und ihr diesmal mitgeben, was ihr früher fehlte und wessen Fehlen sie zu einer Geißel der Gesellschaft machte: die Toleranz.

Wetten dass wir das hin-bekommen? Versagen wir, verlieren wir alle nicht nur diese Wette, gewinnen wir, gewinnen alle.

3 Gedanken zu „Wetten Dass wir uns besser kennen?“

  1. Topp, die Wette gilt!

    Angenehm, Thorsten Roggendorf. Ich bin Meike Büttner. Freut mich, Dich kennenzulernen. Dein text passt großartig zu einer aktuellen Recherche von mir. Darf ich Dich darum fragen, welche Projekte Du mir empfehlen kannst, die Tür und Tor öffnen für Personen, die vielleicht noch nicht alltäglich in den Medien erscheinen? Also in diesem Sinne vorbildliche Blogs und youtube-Channels, die mir Menschen jenseits des Fernsehens vorstellen?!

    Liebe Grüße,
    von Meike (die heute veganen Rahmwirsing gekocht hat und mit ihrer Tochter bei einem Hockeytunier war. 3,2,1, fame vorbei!)

  2. Liebe Meike

    Danke für Deinen Kommentar. Ich persönlich interessiere mich nicht sooo für Katzenbilder, darum ist mein Medienkonsum eher Inhalts-schwer …

    Ich habe hier schon mal drüber geblogt: Kutiman ist ein israelischer Musiker, der aus dem Blick ins Wohnzimmer musikalische Kunst komponiert: http://thru-you-too.com/ (gibts auch in Kutimans Youtube Channel und von Youtube kommt das alles).
    Ich interessiere mich für Wissenschaft und da gefällt mir Michaels mitreißende Art in seinem Channel „Vsauce“: https://www.youtube.com/channel/UC6nSFpj9HTCZ5t-N3Rm3-HA Ähnlich ist Veritassium: https://www.youtube.com/channel/UCHnyfMqiRRG1u-2MsSQLbXA

    Ich bin 10 Jahre älter als Du und somit Teil der letzten Generation der Offliner und Internetausdrucker. Auf Youtube habe ich bisher nichts gefunden, was mich auf einer persönlichen Ebene anspricht. Aber ich sehe hin und wieder Videos, die meine Kinder gut finden. Ich bin da oft erstaunt, wie gut die sich vor einer Kamera geben, auch wenn es offensichtlich nicht für mich gemacht ist. Z.B. LeFloid (https://www.youtube.com/user/LeFloid), Frodoapperat (https://www.youtube.com/user/Frodoapparat), Marie Meimberg (https://www.youtube.com/user/mariemeimberg).

    Ich habe einige interessante Leute auf Google+ getroffen. Einige von denen betreiben auch lesenswerte Blogs, die dann dort auf ihren Profilen verlinkt sind:
    Martin Lindner https://plus.google.com/u/0/+MartinLindnerDigital/posts
    Stefan Münz https://plus.google.com/u/0/+StefanM%C3%BCnzSELF/posts
    Claudia Klinger: https://plus.google.com/u/0/115023284387629053061/posts
    Frank Nestel: https://plus.google.com/u/0/+FrankNestel/posts
    Michael Seemann: https://plus.google.com/u/0/105021561293211020643/posts

    Und noch ein paar Blogs. Ich lese relativ bekannte Blogs und die unbekannteren sind nicht so von allgemeinem Interesse außer vielleicht Marcel Weiß‘ http://www.neunetz.com/
    Privatere Blogs: Don Dahlmann http://www.dondahlmann.de/, Wondergirl http://wgirl.tumblr.com/

    Ich sollte mal die Blog-Roll updaten. Ich hoffe, es ist etwas für Dich dabei.

    Gruß
    Thorsten

  3. Wow! Danke für so wahnsinnig viel Input. Das werde ich mir alles in Ruhe ansehen. Außer vielleicht LeFloid. Wüsste nicht wie „Ruhe“ und „LeFloid“ zusammengehen sollten. 😉

    Ich danke Dir für die Mühe.
    Liebe Grüße,
    Meike

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