Busch

Er hat sich zu uns verirrt. Und wir haben ihn einfach behalten und in die vorletzte Ecke gestellt. Da steht er noch und rächt sich indem er alles in den Schatten stellt. Dabei haben wir eine Menge spektakuläres Gebüsch.

Die Geschichte beginnt an einem nassen März-Tag. Kalter Wind weht um das Haus. Die Familie ist gerade ins neue Eigenheim gezogen und lebt sich ein. Der Neubau steht in einer 800m² großen lehmigen Schlammwüste. Heftige Regenfälle bergen noch die Gefahr, das Haus in seiner kleinen, sandigen Baugrube absaufen zu lassen, solange noch keine Vegetation – vulgus: Garten – das Haus wie ein großer Schwamm umgibt. Nur die Einfahrt ist durch Bauschutt-Aufschüttung einigermaßen wasserfest.

Sie steht am Fenster, viele Stunden am Tag. Sie blickt auf die 800m² und versucht sich den künftigen Garten vorzustellen. Die wichtigste Prämisse ist: Außen, zum Rest der Welt, der auf unseren 800m² höchstens zu Gast ist, gibt es eine grüne Mauer. Diese sollte möglichst das ganze Jahr Blick-dicht sein. Und nach innen soll es schön sein. Laut städtischem Bebauungsplan, dürfen wir nach Außen keine durchgehende Einfriedung haben, erlaubt ist lediglich eine “Blütenhecke”.

Einige Wochen später treffen die Gärtner ein und bringen die Büsche mit. Die werden heute gepflanzt. Sie läuft kreuz und quer durch den den Garten und zeigt den Gärtnern, wo welcher Busch eingepflanzt werden soll. Die Büsche sind zarte Pflanzen, höchstens 80cm durchmessendes Buschwerk, das später rund 3 Meter groß werden wird. Zwischen ihnen klaffen große Lücken, die sich für sie schmerzhaft langsam schließen werden.

Und bei diesen über hundert Pflanzen – 30m Hainbuchenhecke säumt die Einfahrt – ist er dabei, nicht bestellt und doch geliefert. Und weil er schon mit seinen 80cm eine hübscher Bursche ist, darf er bleiben. Rückblickend glaube ich, das war geschicktes Marketing vom Gärtner und kein Zufall. Jedenfalls hatte sie sich diesen Busch nie in der Schlammwüste vor Augen gehalten und er hat deshalb keinen Platz in dem von ihr erträumten Garten.

Und so landet er in der vorletzten Ecke des Gartens. Es gibt noch abseitigere Winkel: beim Kompost und Abfall, und im toten Winkel neben der Einfahrt.

Bis heute steht er da: nahe der Nordost-Ecke des Gartens. Doch – Ironie des Schicksals – er steht stets im Blickbereich, den sie nach hinten von ihrem Schreibtisch aus hat. Und an diesem Schreibtisch sitzt sie viel. Er ist jetzt 3 Meter hoch und nicht müde zu wachsen. Seine Schönheit schützt ihn vor der Schere. Man sieht deutlich, dass er da nicht geplant war. Seine zweite Etage von dreien kreuzt sich bereits mit der Krone des Apfelbaumes. Und beide werden noch sehr viel größer. Das wird ein spannendes Durcheinander.

Das kann man von dem ganzen Garten sagen. Es ist eine florale Symphonie, die sich über das ganze Jahr entfaltet. Sie hat darauf geachtet, dass es immer irgendwo blüht und zwar in allen Ecken des Gartens.

Schon im Januar oder Februar geht es mit der Zaubernuss los. Die Blüte ist spektakulär nur wegen ihres Zeitpunktes. Doch schon einige Wochen später folgen Schneeglöckchen, Tulpen und Narzissen deutlich expressionistischer. Das erste echte Feuerwerk eröffnen zwei Forsythien, ökologisch nutzlos aber strahlend gelb, gefolgt von den elegant geschwungenen zarten Felsenbirnen. Es folgen eine Reihe Büsche die fürs Auge mäßig attraktiv sind, für Nektar-sammelnde Insekten um so mehr. Ein drei Meter hoher auf Blüte gezüchteter Busch hat eine Menge Blüten, und viele dieser Blüten produzieren eine Menge Nektar, das ist schon eine veritable Bienen- und Hummel-Weide.

Eine dieser Insekten-Weiden ist die Berberitze Julianae. Sie steht im Außen-Wall und hat mittelgroße längliche immergrüne Blätter. Zur Blüte treibt auch das hellgrüne frische Laub und setzt eigene Akzente. Die kleinen gelben Blüten sitzen in den Achseln, 3cm langer Nadel-spitzer Dornen, die jeweils zu dritt im rechten Winkel beisammen stehen. Sie ist eine eigensinnige, waffenstarrende Schönheit.

Den nächsten Höhepunkt setzt dann er im Mai zur gleichen Zeit mit dem roten Rhododendron. Der rote Rhododendron ist reiner Garten-Porno. 2,5m, übersät mit obszön großen, tief-roten, nutzlosen Blüten. Doch gegen unseren zugelaufenen Pagoden-Hartriegel muss selbst er zurückstecken. Drei Etagen hellgrün gebänderte Blätter, jeweils in horizontalen Ebenen, vertikal auf drei Meter verteilt. Die Blüten – sehr viele – stehen alle in Dolden direkt nach oben. So stehen dort, nahe der Nordecke des Gartens, zur Blütezeit schwebende Rabatten weißer Dolden in drei Etagen im Garten und lassen selbst den edlen Porno-Rhododendron  etwas billig aussehen.

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