Kalorien-Flash

Ich habe vier Monate auf 500 Kalorien verbracht. Das ist schon eine bemerkenswert hirnrissige  Brutal-Diät. Wenn man so einen par force Ritt machen möchte, gibt es einen limitierenden Faktor. Nicht den, dass man Vitamin-Pillen nehmen muss, vier Monate lang. Das ist nicht gut, aber normaler Weise hat man Glück, und das macht keine gesundheitlichen, gustatorischen oder psychologischen Probleme. Aber man braucht Protein. Proteinmangel ist überhaupt gar nicht gut.

Ich musste so rund 80g Protein zu mir nehmen (jetzt sind es weniger, weil ich weniger bin). 80g sind gut 400 Kilokalorien. Long Story short: 4 Monate lang pro Tag eineinhalb Hühnerbrüste, nett verpackt mit ein bisschen Sauce und etwas knackigem Gemüse.

30 Kilo später: Heute ist meine Diät zu Ende. Heute ist mein Geburtstag. Rückblickend eine interessante Kombination.

7 Uhr 15, ich werde mit einem Geburtstags-Kuchen geweckt. Mein erstes Frühstück nach vier Monaten ist ein Stück Nuss-Nougat-Kuchen – Zucker geht direkt ins Blut, die Stärke des Mehls hält den Blutzucker-Spiegel mittelfristig oben, Fett gibt dem Stoffwechsel Gehalt und Manövrierraum. Ich nehme das in dem Moment nicht bewusst wahr: Kalorien durchfließen den Körper als ein unfassbarer Strom aus reiner Energie.

Vorgestern war ich einkaufen. Durch das bisschen Sport, das ich jetzt zweimal die Woche mache, habe ich verblüffend viel mehr Kraft und Ausdauer. Ich habe mal zwei Kisten Wasser gleichzeitig aus dem Auto getragen. Das ist schon schwer. Noch vier Monate früher habe ich ständig zwei einhalb Kisten Wasser (genau-genommen: Fett) durch die Gegend getragen. Weil ich mit fortschreitender Auszehrung meines Körpers kontinuierlich diesen Ballast abgeworfen habe, habe ich nicht gemerkt, wie die Diät mich schwächt. Es ging ja trotzdem sanft bergauf.

Ich habe den ganzen Vormittag keinen Hunger, das erste Mal seit vier Monaten. Mein Körper kann noch nicht recht glauben, dass die Dürre nun zu Ende gehen könne. Entschuldigt diese mindestens dubiose Aberration: in der Firma gebe ich zum Mittag-Essen Mett-Brötchen für alle aus. Selbst meine automatische Rechtschreibprüfung findet “Mett” anrüchig und unterkringelt es rot.

12 Uhr, mit dem Näher-Rücken des Mittags hellt sich meine Laune auf. Schon kurz vor dem Mittag ist meine Laune so gut wie schon lange nicht mehr. Ich esse viereinhalb halbe Mett-Brötchen. So viel wie fünf meiner Kollegen. Einer isst weniger.

Halb eins, bis fünf Uhr Freitagnachmittag arbeiten: kurz aufräumen, nach dem Essen, noch schnell ein paar Programm-Fehler beheben, damit nächste Woche, wenn ich im Urlaub bin, nichts anbrennt, zwischendurch mit einem Kollegen diskutieren, wie er ein bestimmtest Feature implementieren soll, unter Zeitdruck noch zwei letzte dringend benötigte Features vor dem Urlaub implementieren, öfter unterbrochen von den Fragen anderer Kollegen, selbst einen Fehler bei der Implementierung gemacht, den glücklicher Weise ein Kollege noch schnell gefunden hat, den beheben.

15 Uhr. Aus dem Gedächtnis und mit Hilfe einiger Notizen aus der Diskussion mit dem ganzen Team gestern muss vor dem Urlaub noch eine Spezifikation fertig geschrieben werden, damit die Kollegen wissen, wie das umgesetzt werden soll. Es kommt auf jedes Wort an, Fehler im Text führen zu Fehlern im Programm und somit zu teurer Zeit-Verschwendung. Immer wieder Unterbrechungen von Kollegen. Ein ganz normaler Tag im Büro, Stress leicht überdurchschnittlich, kaum mentale Atempausen. Normaler Weise baue ich Freitagnachmittag merklich ab. Heute nicht.

17 Uhr, “Tschüss”, “Schönes Wochenende”, “Schönen Urlaub!”. Direkt zum Einkaufen fahren, noch ein paar Sachen für das Geburtstags-Essen besorgen. In der Reihenfolge: Getränkemarkt, Supermarkt, Weinhandlung. Nach Hause, meiner Frau bei den letzten Vorbereitungen helfen. 10 vor acht, 7 Minuten Pause, bevor die ersten Gäste kommen, dann noch aller-allerletzte Vorbereitungen.

20 Uhr, Ding Dong, “Hallo!”, “Herzlichen Glückwunsch”, 5 Stunden Party. Viel Essen, wie früher (Fehler, ich weiß, aber hey: Geburtstag, Party, Ausnahme): zwei selbst gemachte Hamburger, einen kleinen Wrap mit Lachs, zum Nachtisch Apple-Crumble mit Vanille-Sauce, etwas Süßigkeiten, ein Bier, drei Gin Tonic, etwas Käse. “Tschüss”, “Danke für die Einladung”, “Schön, dass Ihr hier wart”.  Nahtlos weiter mit Aufräumen. Kurze Pause.

Viertel nach eins, 18 Stunden fast völlig ohne Abschalten, immer Arbeit oder engagierte Konversation, dabei immer besser gelaunt, nicht ein Fitzel von Ermüdung. Jetzt erst mal einen Text über diese ungewöhnliche Erfahrung schreiben:

Kalorien sind ein ziemlich coole Droge. Guten Appetit!

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