Wahre Liebe

Sie ist nicht nur das naive Ideal der Romantik. Im Grunde ist sie die naive Romantik und alles andere bestenfalls Kulisse für die wahre Liebe. Und in all seinem rosa umwölkten Kitsch ist dieses juvenilen Wachträumen entsprungene Hirngespinst der harte Kern des menschlichen “Wir”. Ohne die wahre Liebe wären wir allein. Sind wir allein.

Jenseits der Romantik ist sie schnöder Kitt. Sie erlaubt uns, anderen zugeneigt zu sein, ohne unmittelbar etwas davon zu haben. Durch sie können wir andere lieben obwohl sie voller menschlicher Makel sind, uns nerven, zuweilen gar bekämpfen.

Am klarsten zeigt sie sich in der Liebe von Eltern zu ihren Kindern. Meist ist dieses Band so stark, dass selbst das unliebenswürdigste Kind es nicht zu zerreißen vermag. Auch Eltern, die nur Ärger mit ihren Kindern haben, lieben diese meist bedingungslos. Tun sie es nicht, zerbricht nicht selten das Kind. Denn das wichtigste, was ein Mensch fürs Leben lernt, ist die wahre Liebe. Ohne sie ist er verdammt allein zu leben.

Die Bedingungslosigkeit ist ein – vielleicht ihr wichtigstes – Merkmal. Das heißt nicht, dass es keine wahre Liebe war, wenn sie zerbricht.  Weil einer glaubt, das Leben mit dem anderen nicht mehr leben zu können. Wahre Liebe ist nicht Selbstaufgabe. Nicht immer, nicht meist. Nur manchmal zerstört sie die Liebenden.

Zerbricht sie doch, kann sie in Hass umschlagen. Doch kann sie auch bleiben, eine tiefe Verbundenheit zum anderen, mit dem zu leben man nicht mehr vermag.

Sie muss nicht die eine sein. Wahre Liebe gibt es in der Familie, zwischen Freunden und Paaren. So banal wie mythisch ist sie das, was uns zusammenführt und zusammenhält.

Ja Schatz!

Stell Dir vor, Du hättest die Wahl.

Du kannst klein bei geben. Wenn Du eine völlig andere Meinung hast, ist das nicht so ganz einfach. Aber mit ein zwei Tagen Kampf – gegen Dich selbst wie gegeneinander – geht das … so lange Du am Ende bedingungslos kapitulierst. Entschuldigung. Ich tus nie wieder.

Du kannst kämpfen. Wenn es gut läuft bist Du nach ein, zwei Wochen damit durch. Kämpfen ist natürlich zuweilen ein unappetitliches Gemetzel. Schön wirds bestimmt nicht. Danach müssen erst ein paar neue und viele alte Wunden heilen. Wenn es gut läuft. Wenn es schlecht läuft, dauert es ein zwei Monate und dann direkt in die Reha. Hoffen wir, dass es noch was zu heilen gibt.

Es gibt auch den Kompromiss. Ordentlich kämpfen und nach ein zwei Wochen klein bei geben. Als Verzweiflungstat OK, als Strategie nicht so.

Lieber klein bei geben. Doch Du bist ein Mensch. Du machst Fehler. Du tust Dinge, die sich als Fehler auslegen lassen. Ich tus nie wieder. Aber Du machst Fehler. Du tust es wieder. Oder machst was neues Falsch. Wie oft? Manche Kapitulationen sind leicht, manche gar nicht. Manche sind ein kleiner Schritt von Deinem alten ich, manche ein größerer. Wie weit kannst Du Dich von Dir entfernen, ohne Schaden zu nehmen? Ohne Schaden zuzufügen?

Vielleicht gar nicht kämpfen:

Die Bionade-Bourgeoisie bei Burger King

Zum Behufe eines Museumsbesuches ist die Familie 202Km im Hybridmobil gefahren (ein Weg, nach Hause gehts auch noch). Die Mutter durfte nach dem Museum noch kurz shoppen und zum Ausgleich werden jetzt die Kinder bespaßt. Der Wagen, designed um vorm Bioladen eine gute Figur zu machen, steht vor Burger King und fällt immerhin nicht auf.

Tochter: „Ich komme mir manchmal vor wie bei Greenpeace.“

Mutter: „Das ist kein bisschen wie bei Greenpeace.“

Tochter: „Bisschen schon.“

Vater: „Kein Stück, das ist was völlig anderes.“

Tochter: „Was denn?“

Vater: „Wir sind die Bionade-Bourgeoisie.“

Tochter: „Was ist das denn?“

Vater: „Das sind Menschen, die ihre finanziellen und Ausbildungs-Vorteile nutzen, sich auch den moralischen Vorteil zu sichern.“

Schrotie 2012

Kann sich jemand Autor nennen, der nur für sich ein Tagebuch schreibt? Eher nicht. Sie sind es, liebe Leser, denen ich eine ganze Dimension meiner Persönlichkeit verdanke. Danke. Vielen Dank dafür! Klar geworden ist mir das, nachdem ich die Zahlen, eines populären Blogs über Webdienste gesehen habe, das ich regelmäßig lese. Die hatten dieses Jahr knapp drei Millionen Zugriffe auf rund 930 Artikel. Der Hauptautor, Martin Weigert, betreibt das hauptberuflich.

Ich konnte die Zahlen von schrotie.de bisher nicht einordnen. 20.000 Leute haben 2012 in knapp 300.000 Zugriffen 100 Gigabyte von schrotie.de geladen. Ich habe dieses Jahr nur 15 Artikel veröffentlicht, insgesamt gibt es hier irgenetwas in den 40ern. Die meisten Daten (Bytes) werden in Form von Musik meiner Band heruntergeladen. Die populärsten Artikel sind die paar englischsprachigen. Aber dieses Blog bleibt überwiegend deutsch. Durch dieses Blog habe ich meine Muttersprache neu lieben gelernt. Am meisten freut mich, dass hier jeden Monat ein paar hundert Menschen länger verweilen und offenbar ernsthaft lesen.

Wenn ich in der Dusche singe, bin ich kein Musiker, sondern wenn ich gehört werde. Ein Fischer ernährt Menschen mit Fischen und ein Autor ist jemand, der gelesen wird. Ich bin bin natürlich nur ein winziges Licht, eine Kerze in den Weiten des Netzes. Aber dass ich immerhin soviel bin, verdanke ich Ihnen.

Glatzen!

Haare sind was schönes. Sie sind weich, sie können toll aussehen. Wenns Euch egal ist, ist gut. Aber wenn nicht, dann macht was draus. Haare wachsen langsam und Ihr habt weniger Zeit, als Ihr glaubt, zumindest Ihr Männer.

Als Mann auf der Mitte seiner Lebenserwartung kenne ich mich aus mit Glatzen. Da gibt es die etwas alberne Tonsur. Die Kahlheit breitet sich vom oberen Hinterkopf aus aus. Sieht zwar wie gesagt etwas albern aus, aber lässt sich dafür relativ lange mit Kopfbedeckungen verbergen. Und es wird ja auch kalt, wenn da ein Loch im Fell ist. Oder es gibt Sonnenbrand. Eine Baseballmütze ist völlig legitim.

Wenn aber die Stirn immer höher wird? Mit Mütze sieht man da schnell mal aus, wie ein Krebspatient, und ein Toupet würden heute höchstens noch entschlossene Selbstmörder tragen. Aber das schlimmste ist die gleichmäßig abnehmende Behaarung. Ist wohl nicht oft, habe ich sich erst einmal entwickeln sehen. Das Haar wird immer dünner. Hat ein paar Jahre gedauert, dann sah das ziemlich krank aus. Auf jedem Quadratmillimeter ein Haar gepflanzt, gleichmäßig überall, wo man Haare erwartet. Da bleibt nur noch der Babypopo. Kahlschlag, polieren.

Letztendlich landen wir da alle, mehr oder weniger, wenn nicht vorher die Pumpe aussetzt. Ich bin glaube ich bei der zweitglücklichsten Fraktion. Die glücklichsten sind die paar, die ihre Haare weitgehend behalten dürfen. Aber wir Geheimratseckenträger dürfen sie wenigstens halbwegs würdig abgeben.

Doch ich freu mich auf meine Glatze. Ich hatte drei mal im Leben eine Zeit lang lange Haare, als Kind, als Student, als alternder Mann, der noch ein letztes mal lange Haare haben will. Doch als es soweit weit war, war es zu spät. Als der Zopf endlich zuging, habe ich sie ziemlich schnell abgeschnitten. Sie waren schon zu dünn. Nichts ist peinlicher, als ein langhaariger Mann, der nicht bemerkt, dass seine Mähne gerupft aussieht.

Und dann ist da noch mein Familienfluch. Als Kind hatte ich wie gesagt eine zeitlang lange Haare. Wenn ich ernsthaft getobt hatte, waren meine Haare so nass, als hätte ich geduscht. Der Schweis tropfte aus meinen langen nassen Haaren. Ich schwitze mehr als die meisten. Immer noch … kommt von meiner Mama. Wenigstens bleiben mir die Wechseljahre erspart, die machen das nicht besser.

Jetzt habe ich also Geheimratsecken, und das Fell wird licht. Noch sind meine Haare zu dunkel. Es ginge nur Kahlschlag – schwarze Stoppeln überall, sehen aus nach Verbrecher. Aber wenn sie grauer und heller werden, geht das in Ordnung. Ich bin zu faul, mir ständig die Birne zu rasieren. Und etwas graue Stoppeln halten die Mütze auch besser. Und bis es soweit ist, bleibe ich bei 11 Millimeter plus Faulheit.

Die Kultur-Apokollapse

Hallo da draußen, Liebe Leser

Es tut mir leid. Ich habe eine ganz schlechte Nachricht. Aber dafür muss ich etwas ausholen.

Ich bin seit 40 Jahren auf dieser Welt. Ich bin nie ein großer Serienfan gewesen, aber ich hab doch seit gut dreißig dieser vierzig Jahre meist mitgekriegt, welche Serien gerade so angesagt sind. Das muss Sie gar nicht interessieren, Serien sind unwichtig. Nur eins ist interessant: es gibt immer schon einen Haufen Serien, meist aus den USA. Doch nur ganz wenige werden richtig erfolgreich. Das sind immer die Serien, bei denen es um Dinge geht, die die Menschen gerade besonders faszinieren. Die erfolgreichsten Serien haben in den vergangenen drei Jahrzehnten Leitbilder und Ängste der Gesellschaft gespiegelt.

Fangen wir doch mit einer guten Nachricht an. Was wie eine komische Kette zusammenhangloser Ausreißer aussieht, ist die einzige Konstante dieser Dekaden. Star Trek, Magnum, Ausgerechnet Alaska, Die Simpsons und immer wieder Star Trek, Big Bang Theory, Sherlock Holmes … unsere Gesellschaft verehrt Nerds! Nerds verändern unsere Welt schneller als wir uns anpassen könnten, natürlich verehren wir Sie! Nerds gehen immer.

Aber sonst? Hemmungslose Glorifizierung des obszönen Reichtums in Dallas und Denver, die Angst vor dem organisierten Verbrechen in Miami Vice. Titten in Baywatch. Sex in der Stadt, Terrorismus in 24, verzweifelte Hausfrauen in eben diesen. Geht alles irgendwie in Ordnung. Kann man sich für interessieren, kann man sich von faszinieren lassen.

Wissen Sie, welche zwei Serien gerade riesen Erfolg haben? Da geht es nicht darum, ob die Zivilisation zusammenbricht, sondern wie weit. Klar, den Zusammenbruch unserer Zivilisation würden die meisten von uns nur zur Hälfte mitkriegen. Aber wenn unsere Wirtschaft und Staatenordnung erst mal kollabiert ist, gibt es zwei plausible Szenarien.

In The Walking Dead ist die Gesellschaft bis auf die Ur-Clans zusammengebrochen. Von den Strukturen bleibt nur noch der Kreis, der einer größeren Familie entspricht, die Ur-Sippe. In Falling Skies bleiben noch größere Stämme übrig. Ein paar hundert Leute haben sich irgendwie eine kohärente Struktur erhalten und kämpfen zusammen ums Überleben. Sieger dieser beiden ist eindeutig The Walking Dead. Die Zombie Apokalypse ist running Gag und geflügeltes Wort in den sozialen Netzen geworden.

Aber eine Frage hätte ich an die Macher der Serie. Nach der Apokalypse ist es verdammt schwer und gefährlich, an genießbares Fleisch zu kommen. Es gibt nur eine einigermaßen verfügbare Fleischquelle. Sagt mal, wollte Bifi nicht zahlen, oder wie haben die es aus der Produktion raus geschafft?

Nachts im Neubaugebiet

Herrscherkaste

Guten Tag, mein Name ist Thorsten Roggendorf. Ich lebe so grob das Leben der Klasse, die uns beherrscht. Nicht die, die letztendlich entscheiden, wo’s lang geht. Das ist ein kleiner Club. Man kennt sich in der Gemeinde oder halt im Umfeld seines Einflussbereichs. Ich gehöre nicht zu den 0,1% oder den Top-Politikern.

Unterhalb von denen, die bei uns die Entscheidungen treffen, gibt es eine große Klasse von Leuten, die für die Umsetzung der Entscheidungen sorgen. Das sind Menschen, die über die Gesundheit anderer herrschen. Die Bauten und Projekte planen. Die die Auslegung des Rechts betreiben. Die andere bei der Umsetzung aller Pläne anleiten. Die Meinungen und Kaufwünsche beeinflussen. Die uns ausbilden.

Ich bin nur ein kleines Rädchen in dem Getriebe. Ich helfe Software zu entwickeln, die anderen hilft, Gebäude und Städte zu automatisieren. Jede Software erledigt Arbeit, oft Arbeit, die sonst von Menschen gemacht werden müsste. Man investiert ja nur in die Entwicklung von Software, weil man glaubt, dass sich die Investition lohnt. Lohnen kann sie nur, wenn sich anderswo durch die Software genug einsparen lässt, um die Investition – und mehr – wieder rauszuholen. Und einsparen tut man durch Software meist Arbeitskraft. Software-Entwickler bestimmen also Arbeitsabläufe, oft solche ohne oder mit geringer menschlicher Beteiligung.

Und Software – leider nicht meine – ist so gut, dass die Automatisierung jetzt diese Klasse selbst angreift. Diese Klasse, die ich kenne. Meine Bekannten und Verwandten sind Ärzte, Anwälte, Professoren, Manager und Lehrer. Ich wohne, wo sie wohnen. Und Software ersetzt jetzt Pharmazeuten, Ärzte, Anwälte und Wissenschaftler. Langsam wirds interessant.

Herrenhaltung

Ganz überwiegend wohnen hier junge Familien mit Kindern zwischen 5 und 15. Auch einige etwas Ältere haben sich ihren Traum vom eigenen Heim verwirklicht. Die Häuser sind um die 5 Jahre alt und gehören den Banken. In dieser halben Dekade sind noch nicht allzu viele Existenzen gescheitert und so stehen die meisten bürgerlichen Fassaden noch. Nur der Mann, dessen Frau in die Klapse gekommen ist, der hat dann eine Phillipina geheiratet. Aber der hat vorher auch schon niemanden gegrüßt – Vorsehung oder vorhergesehen? Die eine oder andere gescheiterte Ehe bleibt vorerst wegen der Kindern zusammen. Die ersten Herzanfälle schlagen ein, der Krebs eines Ernährers zerfrisst die ganze Familie.

Doch das sind nicht die Probleme, die man so in der Nachbarschaft bespricht. Neulich wurde eingebrochen. Das ist immer mal wieder Thema. Oder der Garten. Letzterer sollte Blick-dicht sein. Einbruch, Blick-dicht – die Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften in der Vorstadt sind auch Burgen, die die Einwohner vor der feindlichen Welt da draußen schützen sollen. Ein Einbruch ist für die Bewohner – besonders für die Bewohnerinnen – immer auch ein Trauma.

Das Leben auf der Straße und im Garten findet Tags statt. Nachts zieht man sich in den Schutz der Burg zurück. Man unterhält sich, spielt, sieht fern. Vielleicht geht man auch aus. Wenn man dann aber nach hause kommt, geht man meist schnell in Haus. Die Bewohner kennen ihr Viertel nachts wenig. Als ich unser Viertel das letzte mal nachts etwas intensiver erlebt habe – mitten in den Sommerferien, Hochsaison der Einbrecher – habe ich nach eben diesen Ausschau gehalten.

Nachts im Neubaugebiet

23:00 Uhr, Frau und Kinder schlafen. Keine Glotze, keine Musik. Das Haus ist jetzt sensorisch eine relativ simple Umgebung. Die Sinne halten nur den Körper auf Kurs, die Umwelt entspricht komplett dem mentalen Modell ihrer selbst. Wenn es doch mal Abweichungen gibt – unerwartete Geräusche, etwas ist nicht an seinem erwarteten Platz – wird sofort ein interner Alarm ausgelöst und die Konzentration richtet sich weitgehend auf die Modell-Abweichung.

Vorbei am Kamin, intensive Infrarot-Strahlung brandet an den Körper. Durch die Küche, das Geräusch der Lüftung wird deutlicher vernehmbar. Nach der Taschenlampe strecken, einstecken, in den Flur. Temperaturabfall um ein paar Grad, hier bin ich jenseits der Kaminzone. Tür zu. Jetzt leise sein, im Flur trennt mich – wenn überhaupt – nur je eine Tür von meiner schlafenden Familie. Hinsetzen, die Bank knarrt. In die Schuhe, Schnürsenkel binden.

Durch die Haustür. Die Luft ist erstaunlich warm für Ende Oktober. Ich trage nur ein Fleece-Hemd über dem T-Shirt. Es ist angenehm. Die Bewohner des Viertels haben sich in ihren Burgen verschanzt. Dennoch ist erstaunlich viel los. Geräusche werden durch die Stille der Nacht weit getragen.

Menschen lassen ihre Hunde ein letztes mal pinkeln und Tretminen verteilen. Sammeln die Besitzer auch im Schutz der Dunkelheit die stinkenden Hinterlassenschaften ihrer Tiere ein? Wahrscheinlich manche, die Heiligen unter den Hundehütern. Heilige Scheiße.

Im sensorischen Chaos des modernen Tages sind die Sinne voll damit beschäftigt, all das Zeug wegzuwerfen, das gerade nicht unbedingt wichtig erscheint, in der Beschaulichkeit der nächtlichen Wohnung reduzieren sie sich auf einen glorifizierten Kompass. Doch jetzt hier, wo man Menschen in zweihundert Metern Entfernung über den Kies laufen hört, erinnern sie sich ein bisschen an ihre urtümliche Funktion – alles aufsaugen, was geht, und aus den verfügbaren Fragmenten ein möglichst genaues Bild der Umwelt in den Kortex zeichnen.

Meine eigenen Schritte auf dem Kiesweg sind erstaunlich laut. Spielt das bei der Wahl des Belages eine Rolle? Dass man Passanten hört, auch wenn man sie nicht sieht? Jetzt ist es auf jeden Fall angenehm. Von hinten kommt ein Fahrrad. Ich schalte die Taschenlampe an und leuchte den Boden neben meinen Füßen an während ich weiter gehe. Ich höre das Rad noch, es fährt, aber kommt nicht mehr näher. Es dauert etwas, bis ich begreife, dass das Rad auf den Weg nach schräg links abgebogen ist. Lampe aus.

Wenn jemand in gleichem Tempo hinter mir geht – oder ich hinter jemandem – ändere ich meist das Tempo, weil ich es nicht mag, wenn ich jemanden kurz hinter mir höre, und ich glaube, dass auch andere das so empfinden. Auf dem Weg von Links gehen zwei in meine Richtung, die sich unterhalten. Ich höre nicht, worum es geht. Ich habe kein Ziel, ich biege links auf die Wiese ab, auf den Hügel, zu den Steinen über dem Spielplatz. Die zwei gehen hinter mir vorbei.

Vor mir ist der Neubau der Fachhochschule. Die graugrüne Fassade ist hell erleuchtet. In der milden, klaren Nacht wirkt sie seltsam nah, wie sie sich vor mir erhebt. Die Schritte sind jetzt genau hinter mir. Es muss ein seltsames Bild für die Passanten sein, wenn sie aus ihrem Gespräch auf, zu mir blicken. Ein einzelner Mann, nachts, auf einem Grashügel, auf ein paar Steinquadern, still, meine Silhouette zeichnet sich deutlich vor der hellen Fassade ab.

Vielleicht ist es auch gar nicht seltsam. Ich weiß nicht, was nachts normal ist, ich bin so selten nachts spazieren. Die Luft ist nicht normal. Die gehört einem Spätsommerabend und hat sich irgendwie hier hin verlaufen. Nächste Woche wird es Frost geben und dann November-Wetter, kalter Regen. Aber heute hat sich der Sommer noch mal aufgerafft und erinnert uns, dass wir gefährliche Spielchen mit der dünnen Lufthülle unseres Planeten spielen. Heute T-Shirt, nächste Woche Wintermantel.

Die Schritte entfernen sich langsam. Ich schaue immer noch unentwegt unbewegt auf die helle Fassade umgeben von dunkler Nacht. In meinem starren Blick beginnt die Perspektive zu wabern. Seltsam nah, nach oben seltsam näher. Eine graugrüne Betonwelle, erstarrt in dem Moment, als sie über das Neubauviertel brechen sollte.

Egotrip

Ankündigung der neuen Artikelkategorie „Egotrip“.

Fast alle Artikel, die ich bisher hier veröffentlicht habe waren reine Sachartikel oder Glossen. Ich werde in Kürze eine neue Kategorie von sehr persönlichen Artikeln eröffnen. Wer keinen Bock auf so einen personality show, human touch Quark hat, kann einfach rechts die Kategorie „Utopilotik“ wählen und bekommt das schrotie.de wie bisher. Die neue Kategorie wird „Egotrip“ heißen und unregelmäßig befüttert werden.