Die Angst ist das Böse

Ich habe dem Bösen ins Auge gesehen. Und hinter dem Hass, der Verachtung sah ich ein alles durchdringendes Gefühl: Angst.

Seit Jahren, Jahrzehnten treibt mich eine Frage um, die auch immer mal wieder hier im Blog aufgetaucht ist: Das Rätsel der fehlenden Arschlöcher. Es geschieht so viel Böses in der Welt. Wie kommt es, dass ich persönlich das Böse nur flüchtig kenne? Wo versteckt es sich? Ein Teil der Antwort ist, dass wir ein Gesellschaftssystem geschaffen haben, das teils als sehr effektiver Arschlochselektor wirk. Daher braucht es nicht viele um viel Böses zu erreichen.

Die Angst geht um

Doch das ist nur ein Teil der Antwort. Wenn man das Böse persönlich kennen lernt und sich vielleicht mit ihm anfreundet, ist es meist unsichtbar. Es ist allzu menschlich. Ich habe auch Böses kennen gelernt, bin wahrscheinlich Opfer von Bösem geworden, das andere Antriebskräfte hatte. Doch sein mit Abstand wichtigster Treibstoff ist die Angst. Und je existentieller sie ist, desto maßloser ist sein Vernichtungswille.

Wir neigen generell dazu, unsere Rationalität zu überschätzen. Doch es gibt einen Punkt, an dem Rationalität völlig irrelevant wird, höchstens noch ein Hilfsmittel im Krieg Ich gegen die Welt. Wir sind das Ergebnis von mindestens 4 Milliarden Jahren Evolution, die Ahnen einer Reihe so alt wie die Erde selbst. Jede einzelne dieser schier endlosen Reihe von Ahnen teilt eine Gemeinsamkeit: Sie überlebte und pflanzte sich fort. Wenn es ums nackte Überleben geht, schalten wir in den Kampfmodus und Kämpfen um unsere Existenz.

ICH

“Ich” ist ein winziger Homunculus in einem Ozean von Unterbewusstem. “Ich” ordnet die Tropfen dieses Ozeans, ignoriert das meiste und baut aus einer Tasse von Tropfen ein mehr oder weniger konsistentes Selbstbild. Wir sehen nicht die Welt sondern eine stark “verarbeitete” Projektion der Welt in unserem Geist. Und “Ich” ist nicht mein Körper, mein Geist oder gar meine Seele sondern ein winziges immer wieder an die jetzt vorliegende Situation angepasstes Konstrukt, dessen Bauteile von meinem Körper und Geist abgeleitet sind.

Um “Ich” existentiell zu bedrohen bedarf es nicht unbedingt physischer Gewalt. Der Körper ist nur ein Aspekt – seine Bedrohung wird auf jeden Fall den Überlebensinstinkt wecken. Doch eine Bedrohung des Selbstbildes kann dies – abhängigen vom konkreten Ich – ebenfalls tun.

Und das Selbstbild kann alles mögliche beinhalten: “Ich” als Individuum, meine wirtschaftliche Existenz, mein gefühltes Lebenswerk, meine Familie, Kultur, Nation. Und vieles mehr.

Wie leicht “Ich” sich bedroht fühlt hängt von der Stabilität seines Selbstbildes ab. Ist es gesättigt von Urvertrauen, das Mama zwei Jahrzehnte lang beständig injiziert hat? Ist es durch stetig wiederholte erfolgreiche Selbstbehauptung überzeugt von der eigenen Beständigkeit? Ist es durch Jahrzehnte währende Meditation und Übung von Demut/Askese in religiösem Gebet oder säkularer Meditation geschult, die Bedeutung des Selbstbildes nicht als absolut anzunehmen?

Oder ist sein Selbstbild gebaut auf dem Fundament wirtschaftlichen Erfolges, einer völkischen Identität oder sonst einer angenommen Rolle im Schauspiel des modernen Lebens?

Was Angst macht

Ist letzteres der Fall, sieht “Ich” sich ganz schnell mal in die Ecke getrieben und reagiert radikal. Im gesellschaftlichen Maßstab ist die ökonomische Existenz der wichtigste Faktor. Durch fortwährende alles durchdringende Propaganda gedrillt neigt der moderne Mensch dazu, seinen ökonomischen Erfolg zum elementaren Bestandteil des Weltbildes zu machen. Doch durch was “Ich” sich konkret bedroht sieht, ist so komplex, vielfältig und variable wie die bald sieben Milliarden Bewohner dieses Planeten.

Es kann auch das Kind sein, das die kompetente Ausübung der Rolle der Mutter in Frage stellt, es kann die Mutter sein, die die sexuelle, emotionale oder intellektuelle Kompetenz des Vaters in Frage stellt, es kann der Kanacke sein, der die konstruierte Reinheit der völkischen Seele bedroht. Es kann eine Fantastillion unscheinbarer Umstände sein, die unsichtbar irgendeinen Aspekt eines Selbstbildes ins wanken bringt. Und “Ich” bekommt es mit der Angst zu tun, der Autopilot übernimmt und zeigt “Ich” den Weg. Je existentieller die Bedrohung, desto blutiger der Weg.

Die Erkenntnis dieses Wirkmechanismus hat zahlreiche Konsequenzen. Leider ergeben sich keine einfachen Lösungen. Dennoch wird es sicher nicht schaden und vielleicht sogar helfen, sich dies in diversen Umständen bewusst zu machen und zu versuchen, entsprechend gegen zu wirken.

Liebe

Liebe bedeutet auch Selbstaufgabe. “Ich” lässt sich zu 100% auf ein anderes “Ich” ein, akzeptiert alle “Fehler” und “Unzulänglichkeiten” des anderen. Fehler und Unzulänglichkeiten sind subjektiv und stellen zu einem guten Teil einfach Inkompatibilitäten mit dem eigenen Selbst- und Weltbild dar. In einer langfristigen Zweier-Beziehung erweitern die Partner jeweils ihr Selbstbild und integrieren den anderen.

Kommt es nun zu Konflikten, stellt allein die Existenz des Konflikts schon eine Bedrohung der Selbstbilder dar. Das ist der Grund, aus dem Liebe relativ leicht in sein diametrales Gegenteil, den Hass, umschlägt.

Es gibt fast immer mindestens die Tendenz, sich in Konflikten zu rechtfertigen. Eine Rechtfertigung kann den Konflikt verschärfen oder zur Lösung beitragen, abhängig davon ob sie hilft Inkonsistenzen zwischen den Selbstbildern zu unterstreichen oder zu kitten.

Das soziale Tier

Der Mensch ist ein soziales Tier. Ein Mensch allein kann in der Natur bestenfalls gerade so eine Zeit lang überleben. Eine Gruppe von Menschen dagegen ist eine Macht, die ihr lokales Ökosystem bestimmt und formt.

Sehr wahrscheinlich verdanken wir einen Großteil der Merkmale, die uns als Menschen ausmachen, einem ganz spezifischen Evolutionsdruck: Eine größere Gruppe hat zahlreiche Vorteile gegenüber einen kleineren. Der Mensch ist das Tier mit den größten Gruppen, die aus individuellen Beziehungen geschmiedet sind. Bei anderen Primaten funktioniert das bis rund 20 Individuen, bei Menschen bis über 100.

Diesem Umstand verdanken wir wahrscheinlich unsere Sprache, ausgeprägte soziale Intelligenz, unser soziales – und damit auch anderes – Gedächtnis, und mit all dem letztlich was uns zum Despoten dieses Planeten gemacht hat: unsere ausgeprägte kulturelle Überlieferung.

Dass wir uns – auch – über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe und unserer Rolle in dieser definieren, liegt tief in unserer Natur, in der Conditio Humana. Menschen können zwar fast alle Aspekte ihrer Natur überwinden, aber die wenigsten tun dies.

Facebook & Co.

Viele, insbesondere jüngere, verbringen heute einen großen Teil ihrer Zeit in sozialen Netzwerken. Diese adressieren direkt unser Grundbedürfnis der Gruppenzugehörigkeit. Das Selbst- und Gruppenbild wird dort definiert durch das Teilen von Inhalten und oft Botschaften.

Widersprechende Botschaften sind damit direkte Kriegserklärungen, Angriffe auf das Selbstbild, und die Reaktionen entsprechend heftig. Eine unablässige Folge eskalierender Shitstorms sind die Konsequenz dieses Mechanismus.

Die sozialen Netzwerke haben sich so zu einem zivilisatorischen Gift erster Güte entwickelt. Aber das ist nicht die “Schuld” von Mark Zuckerberg oder sonst einem Macher von sozialen Netzwerken. Es gilt als latent unhöflich auf Parties über Politik, Religion und andere Selbstbild-kritische Themen zu reden. Aus gutem Grund.

Aus Netzkultur wird Leitkultur

Mit dem kometenhaften Aufstieg der sozialen Netzwerke hat eine jungen und somit tendenziell ideologisch engagierte Generation in kurzer Zeit eine gigantische Parallel-Kultur errichtet. Das begann in den 1980er Jahren zaghaft mit den Usenet Foren, hat ab 2004 mit Facebook massenhafte Verbreitung gefunden und innerhalb von rund 10 Jahren von praktisch null auf fast 100% der Bevölkerung der westlichen Nationen einbezogen.

Die Kommunikationsform in sozialen Netzen ist eine andere als auf Parties. Es gelten andere Regeln und diese wurden von der jungen – ideologisch engagierten – Generation neu gemacht. Unsere Kultur braucht Zeit, den Umgang mit sozialen Netzen zu lernen.

Ich bin mitschuldig an der aktuellen kulturellen Misere. Ich werde lernen müssen zu akzeptieren, dass Katzenbilder im sozialen Kontext gut sind und ideologische Statements unanständig.

Das heißt nicht, dass es keine Ideologie in sozialen Netzwerken geben darf. Im Gegenteil. Wir müssen lernen, die neue Technologie für den demokratischen Diskurs zu nutzen. Aber damit das möglich wird – heute ist es das kaum – müssen wir lernen, unsere soziale Interaktion strikt vom ideologischen Diskurs zu trennen. Und wer es nicht schafft, seine Selbstdefinition von der Ideologie zu trennen, ist für Teilnahme am Diskurs nicht qualifiziert.

Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe

Diverse Studien haben einen deutlichen Zusammenhang zwischen Angst und Konservativismus aufgedeckt. Das heißt nicht, dass jeder Rechte ängstlich ist oder jeder Ängstliche rechts. Aber Angst ist offenbar auch eine wichtiger Treibstoff für konservative Überzeugungen und Brandbeschleuniger rechtsextremer Ideologien.

Ich habe den Zusammenhang mit dem erweiterten Selbstbild des Ich als Teil eines/einer hypothetischen Volkes/Kultur/Nation oben bereits angedeutet. Aus dieser Erkenntnis lässt sich nicht ableiten, wie rechtsextremem Gedankengut zu begegnegnen ist.

Es lässt sich aber vermuten, wie es nicht geht. Alles was die Ideologie abwertet, sie minderwertig darstellt, abtut, die Ängste der Betroffenen nährt (ja, die “Betroffenen” sind in diesem Kontext die Rechten) wird nur die Konfrontation verschärfen, die Gräben im ideologischen Stellungskrieg vertiefen. Keine neue Erkenntnis, aber vielleicht eine andere Sicht auf Bekanntes.

Liebe und Leistung

Das beste Gegenmittel gegen die ubiquitäre Angst vor der Vernichtung des Selbst ist das Urvertrauen. Diese Impfung kann nur – in der Regel von den Eltern – in der Kindheit verabreicht werden. Sie besteht aus bedingungsloser Liebe. Das heißt nicht, dass man Fehlverhalten seiner Kinder ignorieren soll. Kritik und (auch negative) Konsequenzen sind für Lernen und Erziehung so wichtig wie Liebe und Förderung. Doch niemals sollte Fehlverhalten zum Liebesentzug oder mangelndem Respekt führen.

Sehr wichtig ist auch, Liebe nicht leistungsabhängig zu vergeben. Wer seinen Kindern Achtung, Respekt, Liebe abhängig davon schenkt, wie gut die Noten, sportliche oder sonstige Leistungen sind, erzieht Menschen, die tendenziell bereit sein werden, für beruflichen oder sonstigen Erfolg auch über Leichen zu gehen, wenn es eng – beängstigend – wird.

Ich wollte die Leichen zunächst in Anführungsstriche stellen. Doch wirtschaftliche Entscheidung fordern leider leicht Menschenleben – auch wenn sich diese Entscheidungen wie abstrakte bürokratische Akte anfühlen.

Die Macht der Algorithmen

Um der fatalen Bellifizierung des demokratischen Diskurses in sozialen Netzwerken Herr zu werden, wird es einer grundsätzlichen Änderung unserer Kultur bedürfen und das wird viel Zeit brauchen. Doch die Macher dieser Netzwerke könnten durchaus zur positiven Veränderung des Diskurses – und der Kultur – beitragen.

Die Macht der Ranking-Algorithmen dieser Netzwerke ist enorm. Diverse Studien haben gezeigt, dass Youtube und Facebook im Dienste der Aufmerksamkeits-Vermarktung eine dramatische Radikalisierung der dargebotenen Inhalte in Kauf nehmen. Wer auf diesen Plattformen surft und auf einer gemäßigt linken oder rechten Welle einsteigt und dann den Empfehlungen folgt, landet schnell bei zunehmend radikalen Beiträgen der entsprechenden Richtung.

Dass das für die Gesellschaft schädlich ist, braucht nicht diskutiert zu werden. Abhilfe kann hier wahrscheinlich nur ein Kampf gegen die Aufmerksamkeits-Ökonomie schaffen.

Doch wie oben angedeutet, sollten die Netzwerke bei der Trennung von sozialem und ideologischem helfen. Ideologische Inhalte sollten jenseits von spezialisierten Foren/Gruppen/Kanälen/… , die explizit dem demokratischen Diskurs dienen, im Ranking stark abgewertet werden.

Der demokratische Diskurs kann nur gelingen, wenn wir uns nicht mit seinen Inhalten identifizieren. Da wir uns fast immer auch über unsere Zugehörigkeit zu unserem sozialen Umfeld definieren, darf unser soziales Netz nicht aus ideologischen Botschaften geknüpft sein, wenn unsere Auseinandersetzung mit diesen Botschaften eine Chance haben soll.

Kulturelle Erneuerung

Letztlich müssen wir alle stetig daran arbeiten, wieder eine de-ideologisierte Gesellschaft zu werden, die von gegenseitiger Achtung, Respekt und Wertschätzung geprägt ist. Die Revolution der sozialen Netze hat mit ihrer Geschwindigkeit unsere Kulturbildung massiv überfordert. Wir werden Jahrzehnte brauchen, die aktuelle Zerrüttung zu überwinden – wenn es überhaupt gelingen kann.

Ich hoffe, dass dabei hilft, wenn wir uns stets vergegenwärtigen, dass sich die Äußerung unserer Überzeugung für unser Gegenüber wie der Lauf einer Pistole an der Schläfe anfühlen kann – ohne, dass Ich oder Du sich dessen bewusst sind.

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