{"id":485,"date":"2012-11-04T19:20:13","date_gmt":"2012-11-04T18:20:13","guid":{"rendered":"http:\/\/schrotie.de\/?p=485"},"modified":"2012-11-04T19:20:13","modified_gmt":"2012-11-04T18:20:13","slug":"nachts-im-neubaugebiet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schrotie.de\/index.php\/2012\/11\/nachts-im-neubaugebiet\/","title":{"rendered":"Nachts im Neubaugebiet"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Herrscherkaste<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Guten Tag, mein Name ist Thorsten Roggendorf. Ich lebe so grob das Leben der Klasse, die uns beherrscht. Nicht die, die letztendlich entscheiden, wo&#8217;s lang geht. Das ist ein kleiner Club. Man kennt sich in der Gemeinde oder halt im Umfeld seines Einflussbereichs. Ich geh\u00f6re nicht zu den 0,1% oder den Top-Politikern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Unterhalb von denen, die bei uns die Entscheidungen treffen, gibt es eine gro\u00dfe Klasse von Leuten, die f\u00fcr die Umsetzung der Entscheidungen sorgen. Das sind Menschen, die \u00fcber die Gesundheit anderer herrschen. Die Bauten und Projekte planen. Die die Auslegung des Rechts betreiben. Die andere bei der Umsetzung aller Pl\u00e4ne anleiten. Die Meinungen und Kaufw\u00fcnsche beeinflussen. Die uns ausbilden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich bin nur ein kleines R\u00e4dchen in dem Getriebe. Ich helfe Software zu entwickeln, die anderen hilft, Geb\u00e4ude und St\u00e4dte zu automatisieren. Jede Software erledigt Arbeit, oft Arbeit, die sonst von Menschen gemacht werden m\u00fcsste. Man investiert ja nur in die Entwicklung von Software, weil man glaubt, dass sich die Investition lohnt. Lohnen kann sie nur, wenn sich anderswo durch die Software genug einsparen l\u00e4sst, um die Investition &#8211; und mehr &#8211; wieder rauszuholen. Und einsparen tut man durch Software meist Arbeitskraft. Software-Entwickler bestimmen also Arbeitsabl\u00e4ufe, oft solche ohne oder mit geringer menschlicher Beteiligung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und Software &#8211; leider nicht meine &#8211; ist so gut, dass die Automatisierung jetzt diese Klasse selbst angreift. Diese Klasse, die ich kenne. Meine Bekannten und Verwandten sind \u00c4rzte, Anw\u00e4lte, Professoren, Manager und Lehrer. Ich wohne, wo sie wohnen. Und Software ersetzt jetzt Pharmazeuten, \u00c4rzte, Anw\u00e4lte und Wissenschaftler. Langsam wirds interessant.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Herrenhaltung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong><\/strong>Ganz \u00fcberwiegend wohnen hier junge Familien mit Kindern zwischen 5 und 15. Auch einige etwas \u00c4ltere haben sich ihren Traum vom eigenen Heim verwirklicht. Die H\u00e4user sind um die 5 Jahre alt und geh\u00f6ren den Banken. In dieser halben Dekade sind noch nicht allzu viele Existenzen gescheitert und so stehen die meisten b\u00fcrgerlichen Fassaden noch. Nur der Mann, dessen Frau in die Klapse gekommen ist, der hat dann eine Phillipina geheiratet. Aber der hat vorher auch schon niemanden gegr\u00fc\u00dft &#8211; Vorsehung oder vorhergesehen? Die eine oder andere gescheiterte Ehe bleibt vorerst wegen der Kindern zusammen. Die ersten Herzanf\u00e4lle schlagen ein, der Krebs eines Ern\u00e4hrers zerfrisst die ganze Familie.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch das sind nicht die Probleme, die man so in der Nachbarschaft bespricht. Neulich wurde eingebrochen. Das ist immer mal wieder Thema. Oder der Garten. Letzterer sollte Blick-dicht sein. Einbruch, Blick-dicht &#8211; die Einfamilienh\u00e4user und Doppelhaush\u00e4lften in der Vorstadt sind auch Burgen, die die Einwohner vor der feindlichen Welt da drau\u00dfen sch\u00fctzen sollen. Ein Einbruch ist f\u00fcr die Bewohner &#8211; besonders f\u00fcr die Bewohnerinnen &#8211; immer auch ein Trauma.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Leben auf der Stra\u00dfe und im Garten findet Tags statt. Nachts zieht man sich in den Schutz der Burg zur\u00fcck. Man unterh\u00e4lt sich, spielt, sieht fern. Vielleicht geht man auch aus. Wenn man dann aber nach hause kommt, geht man meist schnell in Haus. Die Bewohner kennen ihr Viertel nachts wenig. Als ich unser Viertel das letzte mal nachts etwas intensiver erlebt habe &#8211; mitten in den Sommerferien, Hochsaison der Einbrecher &#8211; habe ich nach eben diesen Ausschau gehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Nachts im Neubaugebiet<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">23:00 Uhr, Frau und Kinder schlafen. Keine Glotze, keine Musik. Das Haus ist jetzt sensorisch eine relativ simple Umgebung. Die Sinne halten nur den K\u00f6rper auf Kurs, die Umwelt entspricht komplett dem mentalen Modell ihrer selbst. Wenn es doch mal Abweichungen gibt &#8211; unerwartete Ger\u00e4usche, etwas ist nicht an seinem erwarteten Platz &#8211; wird sofort ein interner Alarm ausgel\u00f6st und die Konzentration richtet sich weitgehend auf die Modell-Abweichung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vorbei am Kamin, intensive Infrarot-Strahlung brandet an den K\u00f6rper. Durch die K\u00fcche, das Ger\u00e4usch der L\u00fcftung wird deutlicher vernehmbar. Nach der Taschenlampe strecken, einstecken, in den Flur. Temperaturabfall um ein paar Grad, hier bin ich jenseits der Kaminzone. T\u00fcr zu. Jetzt leise sein, im Flur trennt mich &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur je eine T\u00fcr von meiner schlafenden Familie. Hinsetzen, die Bank knarrt. In die Schuhe, Schn\u00fcrsenkel binden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Durch die Haust\u00fcr. Die Luft ist erstaunlich warm f\u00fcr Ende Oktober. Ich trage nur ein Fleece-Hemd \u00fcber dem T-Shirt. Es ist angenehm. Die Bewohner des Viertels haben sich in ihren Burgen verschanzt. Dennoch ist erstaunlich viel los. Ger\u00e4usche werden durch die Stille der Nacht weit getragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Menschen lassen ihre Hunde ein letztes mal pinkeln und Tretminen verteilen. Sammeln die Besitzer auch im Schutz der Dunkelheit die stinkenden Hinterlassenschaften ihrer Tiere ein? Wahrscheinlich manche, die Heiligen unter den Hundeh\u00fctern. Heilige Schei\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im sensorischen Chaos des modernen Tages sind die Sinne voll damit besch\u00e4ftigt, all das Zeug wegzuwerfen, das gerade nicht unbedingt wichtig erscheint, in der Beschaulichkeit der n\u00e4chtlichen Wohnung reduzieren sie sich auf einen glorifizierten Kompass. Doch jetzt hier, wo man Menschen in zweihundert Metern Entfernung \u00fcber den Kies laufen h\u00f6rt, erinnern sie sich ein bisschen an ihre urt\u00fcmliche Funktion &#8211; alles aufsaugen, was geht, und aus den verf\u00fcgbaren Fragmenten ein m\u00f6glichst genaues Bild der Umwelt in den Kortex zeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Meine eigenen Schritte auf dem Kiesweg sind erstaunlich laut. Spielt das bei der Wahl des Belages eine Rolle? Dass man Passanten h\u00f6rt, auch wenn man sie nicht sieht? Jetzt ist es auf jeden Fall angenehm. Von hinten kommt ein Fahrrad. Ich schalte die Taschenlampe an und leuchte den Boden neben meinen F\u00fc\u00dfen an w\u00e4hrend ich weiter gehe. Ich h\u00f6re das Rad noch, es f\u00e4hrt, aber kommt nicht mehr n\u00e4her. Es dauert etwas, bis ich begreife, dass das Rad auf den Weg nach schr\u00e4g links abgebogen ist. Lampe aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn jemand in gleichem Tempo hinter mir geht &#8211; oder ich hinter jemandem &#8211; \u00e4ndere ich meist das Tempo, weil ich es nicht mag, wenn ich jemanden kurz hinter mir h\u00f6re, und ich glaube, dass auch andere das so empfinden. Auf dem Weg von Links gehen zwei in meine Richtung, die sich unterhalten. Ich h\u00f6re nicht, worum es geht. Ich habe kein Ziel, ich biege links auf die Wiese ab, auf den H\u00fcgel, zu den Steinen \u00fcber dem Spielplatz. Die zwei gehen hinter mir vorbei.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vor mir ist der Neubau der Fachhochschule. Die graugr\u00fcne Fassade ist hell erleuchtet. In der milden, klaren Nacht wirkt sie seltsam nah, wie sie sich vor mir erhebt. Die Schritte sind jetzt genau hinter mir. Es muss ein seltsames Bild f\u00fcr die Passanten sein, wenn sie aus ihrem Gespr\u00e4ch auf, zu mir blicken. Ein einzelner Mann, nachts, auf einem Grash\u00fcgel, auf ein paar Steinquadern, still, meine Silhouette zeichnet sich deutlich vor der hellen Fassade ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vielleicht ist es auch gar nicht seltsam. Ich wei\u00df nicht, was nachts normal ist, ich bin so selten nachts spazieren. Die Luft ist nicht normal. Die geh\u00f6rt einem Sp\u00e4tsommerabend und hat sich irgendwie hier hin verlaufen. N\u00e4chste Woche wird es Frost geben und dann November-Wetter, kalter Regen. Aber heute hat sich der Sommer noch mal aufgerafft und erinnert uns, dass wir gef\u00e4hrliche Spielchen mit der d\u00fcnnen Lufth\u00fclle unseres Planeten spielen. Heute T-Shirt, n\u00e4chste Woche Wintermantel.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Schritte entfernen sich langsam. Ich schaue immer noch unentwegt unbewegt auf die helle Fassade umgeben von dunkler Nacht. In meinem starren Blick beginnt die Perspektive zu wabern. Seltsam nah, nach oben seltsam n\u00e4her. Eine graugr\u00fcne Betonwelle, erstarrt in dem Moment, als sie \u00fcber das Neubauviertel brechen sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herrscherkaste Guten Tag, mein Name ist Thorsten Roggendorf. Ich lebe so grob das Leben der Klasse, die uns beherrscht. Nicht die, die letztendlich entscheiden, wo&#8217;s lang geht. Das ist ein kleiner Club. Man kennt sich in der Gemeinde oder halt im Umfeld seines Einflussbereichs. Ich geh\u00f6re nicht zu den 0,1% oder den Top-Politikern. 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