{"id":533,"date":"2012-12-31T17:10:29","date_gmt":"2012-12-31T16:10:29","guid":{"rendered":"http:\/\/schrotie.de\/?p=533"},"modified":"2015-07-21T13:18:47","modified_gmt":"2015-07-21T12:18:47","slug":"machtfragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schrotie.de\/index.php\/2012\/12\/machtfragen\/","title":{"rendered":"Machtfragen"},"content":{"rendered":"<p>Wie soll unsere Gesellschaft organisiert sein? Das l\u00e4uft auf die Fragen hinaus: Wie werden Entscheidungen getroffen, wie Macht verteilt? Es gibt zwei starke Fraktionen unter uns, die versuchen, ihre jeweilige Antwort auf diese Frage durchzusetzen. Die einen sind die aktuellen Machthaber in Staat und Wirtschaft. Die anderen sind der \u00fcberwiegende Teil der linken und progressiven Kr\u00e4fte. Dann gibt es noch libert\u00e4re und anarchistische Splittergruppen sowie Proponenten von (auch fl\u00fcssigen) Basis-Demokratien und R\u00e4te-Republiken. Meiner Ansicht nach liegen diese alle &#8222;falsch&#8220;. Keine der verbreiteten Antworten stellt mich auch nur ansatzweise zufrieden, weshalb ich mich vor vor gut zehn Jahren diesem Thema verschrieben habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wirtschaft versus Staat<\/strong><\/p>\n<p>Die aktuelle Machtelite m\u00f6chte die Steuerung unserer Gesellschaft im Gro\u00dfen wie im Kleinen der Geld-getriebenen Marktwirtschaft \u00fcberlassen. Der Staat soll lediglich einen rechtlichen Rahmen bieten, der marktwirtschaftliche Transaktionen rechtlich vorhersagbar macht und die so errungenen Vorteile gegen die Benachteiligten absichert. Dazu soll eine weitgehende \u00dcberwachung der Bev\u00f6lkerung und autorit\u00e4re Durchsetzung der Gesetze im Law &amp; Order Stil umgesetzt und andere &#8211; z.B. Sozial-Gesetzgebung &#8211; zur\u00fcckgefahren werden. Gro\u00dfe Kapital- und somit Macht-Akkumulation wird als segenbringend begr\u00fc\u00dft. Macht wird vor allem an wirtschaftlich Erfolgreiche und ihre Erben verteilt. Entscheidungen werden nach der Maxime der Maximierung des Profits getroffen. Diese Position l\u00e4sst sich zusammenfassen als &#8222;Alle Macht den Kapitalisten&#8220;.<\/p>\n<p>Die popul\u00e4rste Replik darauf lautet heute wie vor hundert Jahren: &#8222;Alle Macht dem Staat&#8220;. Die Extremposition dieser Fraktion ist der Sozialismus. Diese Position hat mit dem Zusammenbruch des Ostblocks stark an Einfluss verloren. Doch Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen setzen letztendlich schon darauf, dass der Staat Geld und somit Macht einsammelt und wieder verteilt. Mindesteinkommen, Bankenaufsicht, politische Europ\u00e4ische Einheit und Solidarit\u00e4t &#8211; all dies sind Forderungen nach einem starken Staat, der uns vor den Kapitalisten besch\u00fctzt. Die Macht wird auf gew\u00e4hlte Repr\u00e4sentanten konzentriert. Da Repr\u00e4sentanten i.d.R. alleine nichts entscheiden k\u00f6nnen, m\u00fcssen Mehrheiten organisiert werden. Entscheidungen werden also nach der Maxime des politischen Kuhhandels und der Wiederwahl in sp\u00e4testens vier Jahren &#8211; also kurzfristiger Popularit\u00e4t &#8211; getroffen. Letzteres bedeutet, dass Entscheidungen vor allem bei jenen gut ankommen m\u00fcssen, die nichts von der Materie verstehen &#8211; denn von den allermeisten Themen verstehen auch ausgesprochene Experten von Einzeldisziplinen nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ferner liefen<\/strong><\/p>\n<p>Anarchisten lehnen eine formale Regelung der Gesellschaft g\u00e4nzlich ab. Meist stehen dahinter linke Ideologien und die Hoffnung, dass Menschen sich &#8222;von allein&#8220; vern\u00fcnftig verhalten. Diese Ideale finden sich schon in der j\u00fcdischen Heilsversprechung (Schalom) und (sehr viel sp\u00e4ter) im Kommunismus. Libert\u00e4re w\u00fcnschen eine Form von Anarcho-Kapitalismus.<\/p>\n<p>Basisdemokraten aller Couleur fordern die Verteilung von Macht gleichm\u00e4\u00dfig auf alle. Die Extremposition dieser Richtung ist die R\u00e4te-Republik (&#8222;Rat&#8220; in diesem Sinn hei\u00dft auf russisch &#8222;Sowjet&#8220;, die Sowjet-Union war allerdings eine Diktatur). Ich kann nicht sagen, welche die Entscheidungsprinzipien einer reinen Basisdemokratie w\u00e4ren, da das Prinzip nicht auf gr\u00f6\u00dfere Gruppen von Menschen skaliert &#8211; sprich Basisdemokratie funktioniert nur in sehr kleinem Rahmen und ist dort schon recht anstrengend.<\/p>\n<p>Die von den Piraten favorisierte liquid (= fl\u00fcssige) Demokratie ist eine Mischform aus Basis-Demokratie und repr\u00e4sentativer Demokratie (das aktuelle deutsche politische System). Es gibt noch keine hinreichenden Erfahrungswerte mit fl\u00fcssiger Demokratie um Aussagen \u00fcber die Entscheidungsprinzipien zu treffen.<\/p>\n<p>Die deutsche und skandinavische Praxis der sogenannten sozialen Marktwirtschaft ist eine Kompromissposition aus Kapitalismus und (repr\u00e4sentativ-demokratischem) Sozialismus. Tats\u00e4chlich ist das deutsche System in dieser Hinsicht auff\u00e4llig ausgewogen. Etwa die H\u00e4lfte des Geldes, also die H\u00e4lfte der Macht, wird wirtschaftlich gesteuert, die H\u00e4lfte politisch. Allerdings hat die Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten massiv Einfluss auf die Politik erlangt und gro\u00dfe Teile der politisch verwalteten Macht werden nach wirtschaftlichen und teils entsprechend unmenschlichen Gesichtspunkten angewendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Summa Summarum<\/strong><\/p>\n<p>Hier noch einmal eine kompakte Zugsamenfassung aller hier besprochenen Extrem-Positionen:<\/p>\n<ul>\n<li dir=\"ltr\">Alle Macht den Kapitalisten; Entscheidung nach Profitmaximierung;<\/li>\n<li dir=\"ltr\">Alle Macht dem Staat; Entscheidung nach Popularit\u00e4t;<\/li>\n<li dir=\"ltr\">Keine formelle Macht-Verteilung;<\/li>\n<li dir=\"ltr\">Macht gleichm\u00e4\u00dfig an alle verteilen;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bez\u00fcglich der Verteilung der Macht gibt es offenbar nur zwei Positionen: Starke Konzentration oder maximale Verteilung. Konzentriert wird entweder auf Superreiche oder Regierungsoberh\u00e4upter und ihr Kabinett. Verteilt wird auf alle oder gar nicht &#8211; wobei Letzteres eine informelle Verteilung impliziert. Mir ist nur ein einziges Konzept bekannt, das wenigstens versucht, die Verteilung der Macht etwas intelligenter zu gestalten &#8211; die fl\u00fcssige (liquid) Demokratie. Doch ich vermute, das Konzept scheitert daran, wie Entscheidungen letztendlich zustande kommen, da es die meisten Fehler g\u00e4ngiger Demokratie-Konzepte wiederholt und teils verschlimmert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Staattdessen<\/strong><\/p>\n<p>Mein Ideal ist eine Verteilung der Macht, die so breit wie m\u00f6glich und eine Konzentration, die so stark wie n\u00f6tig ist. Wir brauchen keinen F\u00fchrer eines ganzen Volkes &#8211; h\u00f6chstens als pr\u00e4sidiale Identifikationsfigur. Wir brauchen keine unantastbaren Wirtschaftslenker. Aber nat\u00fcrlich sollten Entscheidungen von denen getroffen werden, die etwas von den anstehenden Problemen verstehen. Doch es gibt sehr viel mehr <em>kompetente<\/em> Entscheider als <em>m\u00e4chtige<\/em>. Wir k\u00f6nnten und sollten Macht viel st\u00e4rker verteilen. Wo starke Machtkonzentration n\u00f6tig ist &#8211; z.B. wenn Gesetze f\u00fcr ein ganzes Volk gemacht werden &#8211; muss diese z.B. zeitlich begrenzt werden (auf die Verabschiedung eines einzigen Gesetzes), so dass die Macht nicht so leicht korrumpierbar ist und ein bewegliches Ziel bleibt. Macht sollte auch nicht &#8211; z.B. in Form von Verm\u00f6gen &#8211; vererbbar sein.<\/p>\n<p>Geld und W\u00e4hlerstimmen sind nicht die schlechtesten Ratgeber. Aber es sind auch nicht die besten. Den Entscheidungen, die wir als Gesellschaft treffen fehlt eine langfristige Motivation. Und Menschlichkeit. Menschen streben nicht direkt nach Macht und Geld. Sie streben nach gegenseitiger Anerkennung. Und diese Anerkennung sollte direkten Einfluss auf unsere Entscheidungen haben. Mit Geld belohnen wir Menschen teils f\u00fcr Unmenschlichkeit. Doch unsere ehrliche und direkte Anerkennung vergeben wir f\u00fcr Integrit\u00e4t, Kompetenz, langfristigen Erfolg. Wenn es um den Ruf eines Menschen geht, geht es um eine Lebenspanne, nicht um eine Legislaturperiode. Es geht um unsere gesamte Urteilskraft, nicht &#8222;blo\u00df&#8220; um Geld. Achtung kann ich auch Entscheidungen entgegenbringen, die nicht in meinem unmittelbaren Interesse sind.<\/p>\n<p>Verteilung der Macht so breit wie m\u00f6glich und so eng wie n\u00f6tig; Entscheidungen nach Kompetenz, pers\u00f6nlicher Verantwortung und gegenseitiger Anerkennung &#8211; diese zwei Prinzipien ergeben ein v\u00f6llig neues System. Doch sieht es oberfl\u00e4chlich betrachtet nicht unbedingt so anders aus wie unser derzeitiges. Marktwirtschaft enth\u00e4lt beispielsweise bereits viele Elemente zur breiten Verteilung von Macht nach Kompetenz. Auch ist das alles nicht neu. Noch vor hundert Jahren war &#8222;Ehre&#8220; ein enorm wichtiges Konzept.<\/p>\n<p>Doch eine freiheitliche Gesellschaft, mit individualistisch liberaler Kultur, mit \u00fcberall flachen bis nicht-existenten Hierarchien, mit \u00fcber soziale Netzwerke vermittelter pers\u00f6nlicher Verantwortung und Anerkennung: das w\u00e4re eine beispiellose (R)Evolution, meine Vision f\u00fcr die Gesellschaft, in der ich leben m\u00f6chte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche verbreiteten Vorstellung gibt es dar\u00fcber, wie unsere Gesellschaft organisiert sein sollte? 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