{"id":819,"date":"2015-07-05T08:42:43","date_gmt":"2015-07-05T07:42:43","guid":{"rendered":"http:\/\/schrotie.de\/?p=819"},"modified":"2015-07-05T08:42:43","modified_gmt":"2015-07-05T07:42:43","slug":"busch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schrotie.de\/index.php\/2015\/07\/busch\/","title":{"rendered":"Busch"},"content":{"rendered":"<p id=\"docs-internal-guid-00c53591-5d28-6f53-f82c-f93644805ad4\" dir=\"ltr\">Er hat sich zu uns verirrt. Und wir haben ihn einfach behalten und in die vorletzte Ecke gestellt. Da steht er noch und r\u00e4cht sich indem er alles in den Schatten stellt. Dabei haben wir eine Menge spektakul\u00e4res Geb\u00fcsch.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Die Geschichte beginnt an einem nassen M\u00e4rz-Tag. Kalter Wind weht um das Haus. Die Familie ist gerade ins neue Eigenheim gezogen und lebt sich ein. Der Neubau steht in einer 800m\u00b2 gro\u00dfen lehmigen Schlammw\u00fcste. Heftige Regenf\u00e4lle bergen noch die Gefahr, das Haus in seiner kleinen, sandigen Baugrube absaufen zu lassen, solange noch keine Vegetation &#8211; vulgus: Garten &#8211; das Haus wie ein gro\u00dfer Schwamm umgibt. Nur die Einfahrt ist durch Bauschutt-Aufsch\u00fcttung einigerma\u00dfen wasserfest.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Sie steht am Fenster, viele Stunden am Tag. Sie blickt auf die 800m\u00b2 und versucht sich den k\u00fcnftigen Garten vorzustellen. Die wichtigste Pr\u00e4misse ist: Au\u00dfen, zum Rest der Welt, der auf unseren 800m\u00b2 h\u00f6chstens zu Gast ist, gibt es eine gr\u00fcne Mauer. Diese sollte m\u00f6glichst das ganze Jahr Blick-dicht sein. Und nach innen soll es sch\u00f6n sein. Laut st\u00e4dtischem Bebauungsplan, d\u00fcrfen wir nach Au\u00dfen keine durchgehende Einfriedung haben, erlaubt ist lediglich eine \u201cBl\u00fctenhecke\u201d.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Einige Wochen sp\u00e4ter treffen die G\u00e4rtner ein und bringen die B\u00fcsche mit. Die werden heute gepflanzt. Sie l\u00e4uft kreuz und quer durch den den Garten und zeigt den G\u00e4rtnern, wo welcher Busch eingepflanzt werden soll. Die B\u00fcsche sind zarte Pflanzen, h\u00f6chstens 80cm durchmessendes Buschwerk, das sp\u00e4ter rund 3 Meter gro\u00df werden wird. Zwischen ihnen klaffen gro\u00dfe L\u00fccken, die sich f\u00fcr sie schmerzhaft langsam schlie\u00dfen werden.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Und bei diesen \u00fcber hundert Pflanzen &#8211; 30m Hainbuchenhecke s\u00e4umt die Einfahrt &#8211; ist er dabei, nicht bestellt und doch geliefert. Und weil er schon mit seinen 80cm eine h\u00fcbscher Bursche ist, darf er bleiben. R\u00fcckblickend glaube ich, das war geschicktes Marketing vom G\u00e4rtner und kein Zufall. Jedenfalls hatte sie sich diesen Busch nie in der Schlammw\u00fcste vor Augen gehalten und er hat deshalb keinen Platz in dem von ihr ertr\u00e4umten Garten.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Und so landet er in der vorletzten Ecke des Gartens. Es gibt noch abseitigere Winkel: beim Kompost und Abfall, und im toten Winkel neben der Einfahrt.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Bis heute steht er da: nahe der Nordost-Ecke des Gartens. Doch &#8211; Ironie des Schicksals &#8211; er steht stets im Blickbereich, den sie nach hinten von ihrem Schreibtisch aus hat. Und an diesem Schreibtisch sitzt sie viel. Er ist jetzt 3 Meter hoch und nicht m\u00fcde zu wachsen. Seine Sch\u00f6nheit sch\u00fctzt ihn vor der Schere. Man sieht deutlich, dass er da nicht geplant war. Seine zweite Etage von dreien kreuzt sich bereits mit der Krone des Apfelbaumes. Und beide werden noch sehr viel gr\u00f6\u00dfer. Das wird ein spannendes Durcheinander.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Das kann man von dem ganzen Garten sagen. Es ist eine florale Symphonie, die sich \u00fcber das ganze Jahr entfaltet. Sie hat darauf geachtet, dass es immer irgendwo bl\u00fcht und zwar in allen Ecken des Gartens.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Schon im Januar oder Februar geht es mit der Zaubernuss los. Die Bl\u00fcte ist spektakul\u00e4r nur wegen ihres Zeitpunktes. Doch schon einige Wochen sp\u00e4ter folgen Schneegl\u00f6ckchen, Tulpen und Narzissen deutlich expressionistischer. Das erste echte Feuerwerk er\u00f6ffnen zwei Forsythien, \u00f6kologisch nutzlos aber strahlend gelb, gefolgt von den elegant geschwungenen zarten Felsenbirnen. Es folgen eine Reihe B\u00fcsche die f\u00fcrs Auge m\u00e4\u00dfig attraktiv sind, f\u00fcr Nektar-sammelnde Insekten um so mehr. Ein drei Meter hoher auf Bl\u00fcte gez\u00fcchteter Busch hat eine Menge Bl\u00fcten, und viele dieser Bl\u00fcten produzieren eine Menge Nektar, das ist schon eine veritable Bienen- und Hummel-Weide.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Eine dieser Insekten-Weiden ist die Berberitze Julianae. Sie steht im Au\u00dfen-Wall und hat mittelgro\u00dfe l\u00e4ngliche immergr\u00fcne Bl\u00e4tter. Zur Bl\u00fcte treibt auch das hellgr\u00fcne frische Laub und setzt eigene Akzente. Die kleinen gelben Bl\u00fcten sitzen in den Achseln, 3cm langer Nadel-spitzer Dornen, die jeweils zu dritt im rechten Winkel beisammen stehen. Sie ist eine eigensinnige, waffenstarrende Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p dir=\"ltr\">Den n\u00e4chsten H\u00f6hepunkt setzt dann er im Mai zur gleichen Zeit mit dem roten Rhododendron. Der rote Rhododendron ist reiner Garten-Porno. 2,5m, \u00fcbers\u00e4t mit obsz\u00f6n gro\u00dfen, tief-roten, nutzlosen Bl\u00fcten. Doch gegen unseren zugelaufenen Pagoden-Hartriegel muss selbst er zur\u00fcckstecken. Drei Etagen hellgr\u00fcn geb\u00e4nderte Bl\u00e4tter, jeweils in horizontalen Ebenen, vertikal auf drei Meter verteilt. Die Bl\u00fcten &#8211; sehr viele &#8211; stehen alle in Dolden direkt nach oben. So stehen dort, nahe der Nordecke des Gartens, zur Bl\u00fctezeit schwebende Rabatten wei\u00dfer Dolden in drei Etagen im Garten und lassen selbst den edlen Porno-Rhododendron \u00a0etwas billig aussehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hat sich zu uns verirrt. Und wir haben ihn einfach behalten und in die vorletzte Ecke gestellt. Da steht er noch und r\u00e4cht sich indem er alles in den Schatten stellt. Dabei haben wir eine Menge spektakul\u00e4res Geb\u00fcsch. Die Geschichte beginnt an einem nassen M\u00e4rz-Tag. Kalter Wind weht um das Haus. 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