Vielleicht ist es einfach eine Besonderheit meines Lebens. Glaube ich aber nicht. Ich glaube da steckt mehr dahinter: Ich kenne erstaunlich wenig Arschlöcher. Von den wenigen, von denen ich das zweifelhafte Vergnügen habe sie zu kennen, sind einige von denen ich glaube zu wissen warum sie Arschlöcher sind. Diese Menschen sind nicht innerlich schlecht, sie leben ihr Leben in der einzigen Weise, die ihnen erträglich erscheint, und ich beneide keinen von Ihnen. Das gleiche gilt für Heilige in meiner Bekanntschaft: ich kenne keine. Aber ich sorge mich nicht um Heilige, ich bin besorgt über die Arschlöcher, weil sie der Gesellschaft Ärger machen. Ich kenne Menschen, die den Staat betrügen oder ihre Versicherung- tatsächlich scheint das jeder in einigen Fällen zu machen. Ich kann ihnen nicht wirklich die Schuld geben. Dies sind auch keine schlechten Menschen. Wo also kommt all das Schlechte, das in der Welt passiert, dann her? Wer ist es der die Menschen hungern lässt, Kriege führt, Waffen verkauft, Drogen produziert ...? Das Mysterium der fehlenden Arschlöcher hat mir lange Rätsel aufgegeben. Die beunruhigende Antwort ist-- oder eher ein Teil davon ist-- Ich bin es. Ich lasse tatsächlich Menschen verhungern, die ich leicht retten könnte.
Das Blut in meinen Adern, die Kultur in meinem Kopf: beides Nachfahren der Nazis. Vor nur zwei Generationen haben diese Menschen die fürchterlichsten Verbrechen der Menschheit begangen. Viele meiner Leute haben diese Verbrechen begangen und die meisten anderen ließen es geschehen. Zumindest haben sie ihre Augen gegen das Übel um sie herum verschlossen. Meine Großväter sind beide gestorben bevor sie mir ihre Gedanken zu dieser Zeit mitteilen konnten. Nicht so meine Großmütter. Aber Du möchtest sie nicht von den dunklen Tagen des groß-deutschen Reiches erzählen hören. Lass es ausreichen, dass sie etwas hässliches in ihrer Seele offenbart haben. Trotzdem sehe ich sie nicht als schlechte Menschen, ebenso wie ich mich weigere, mich, ihren Enkel, als schlechten Menschen zu sehen. Selbst wenn es so was wie schlechte Menschen gäbe, ist es statistisch unmöglich, dass - unabhängig von genetischer Propagierung, oder Deutschland wäre heute nicht das Land das ich kenne - so eine enorme Konzentration von schlechten Menschen sich plötzlich in Deutschland aufhäuft und wieder verschwindet als wenn sie nie exisistiert hätte.
Ich glaube nicht, dass die Menschen schlecht sind - oder gut, wie auch immer. Ich glaube, dass Menschen Menschen sind. Aber warum ist das so wichtig, dass ich Seiten damit fülle?
Regeln sind der Kern einer modernen Gesellschaft. Genau genommen dreht sich der gesamte Text ausschließlich um Regeln und wie sie festzulegen sind. Ein zentraler Punkt der sozialen Organisation ist, wie die Gesellschaft mit Leuten verfährt, die die Regeln brechen. Sollte es die Gesellschaft nicht kümmern, oder wenn die Grundannahme ist, dass einige Menschen immer die Regeln missachten, weil sie schlecht sind oder was auch immer, dann kann die Gesellschaft frohen Mutes jeden bestrafen, der die Mehrheitsentscheidung (den Erlass des Diktators oder der Partei oder was auch immer) nicht respektiert. Aber wenn man nicht daran glaubt, dass Menschen schlecht sind, hat die Gesellschaft ein Problem - jeder Gesetzesbruch impliziert eine unausgesprochene Erklärung: der Deliquent akzeptiert die von der Gesellschaft diktierten Regeln nicht. Sicher, eine Gesellschaft kann solche Erklärungen einfach ignorieren, wie wir es schon seit historischen Zeiten tun. Ich finde das die Gesellschaft diese Erklärungen nicht ignorieren sollte. Sie sollte immer fragen warum das Verbrechen begangen wurde, ob etwas mit der Art wie die Gesellschaft organisiert ist verkehrt ist.
Die Gründe Verbrechen zu begehen können in zwei Kategorien aufgeteilt werden: Versuchung und hoffnungslose soziale Umstände. Es sei bemerkt, dass in meiner Gesellschaft diejenigen mit höherem sozialem Status, die der Versuchung erliegen, durchschnittlich viel besser behandelt werden, als die sozial schlechter Gestellten, die teilweise aus Verzweiflung handeln.
Die Versuchung ist groß, wenn potentieller Gewinn durch eine illegale Handlung groß ist im Vergleich zu der Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden. Demnach gibt es zwei Wege wie man die Versuchung bekämpfen kann: Verschärfung der Strafe (Ich bin dagegen) oder Erhöhung der Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden.
Das andere Problem ist schwerer zu behandeln. Lass mich ein Beispiel geben.: Ein Heroin Abhängiger ist in einer komplett hoffnungslosen Situation. Er braucht sein Gift. Heroin ist weltweit verboten, demnach ist er ein Straftäter. Und die Schwarzmarktpreise für Heroin sind sehr hoch. Seine einzige Chance - abgesehen davon seine Sucht aufzugeben, was sehr schwierig ist, besonders in verzweifelten sozialen Verhältnissen - ist das Gesetz zu brechen um sich das Geld zu beschaffen um illegal seine Droge zu kaufen. Man könnte annehmen diese Situation ist seine eigene Schuld. Aber was bringt jemanden dazu durch Drogen ausgelöstes Glück der Wirklichkeit vorzuziehen? Ich denke da ist schon im Vorfeld etwas schrecklich schief gelaufen bevor der Süchtige sein erstes Verbrechen begeht, um sich noch einen Schuss zu kaufen.
Diejenigen, denen es in einer Gesellschaft am schlechtesten geht, sind diejenigen, bei denen die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass sie Verbrechen begehen, die das Resultat ihres fehlenden Vertrauens in die Gesellschaft sind. Wenn eine Gesellschaft wegen verzweifelter sozialer Umstände begangene Verbrechen verhindern will, muss sie John Rawls Prinzip des philosophischen Liberalismus anwenden. Dieses Prinzip sagt, dass eine Gesellschaft so organisiert werden sollte, dass diejenigen, denen es am schlechtesten geht, am meisten in ihr profitieren.
Eine moderne Gesellschaft ist - in jedem Sinne mit dem dieser Text sich beschäftigt - nichts als ein Regelsystem. Das macht keinen Sinn wenn die Regeln nicht akzeptiert werden. Demnach kann eine Gesellschaft es nicht dulden, dass ihre Regeln gebrochen werden, ohne Glaubwürdigkeit und logische Konsistenz zu verlieren. Sie muss auf Verbrechen reagieren und sich Fragen, welcher Anteil des Verbrechens auf das Versagen der sozialen Organisation zurückzuführen ist.
Nebenbei bemerkt, ich denke das Leben wäre noch besser, wenn man die in modernen Gesellschaften erlittenen drastischen sozialen Ungerechtigkeiten nicht ignorieren müsste.
Thorsten Roggendorf 2009-07-04