Soll ich meines Großen Bruders Hüter sein?

Die Öffentlichkeit macht sich seit langem große Sorgen um den Datenschutz. Die allgegenwärtige Angst vor dem großen Bruder könnte einer der Haupeinwände gegen dieses Manifest sein. In der hier vorgeschlagenen Gesellschaft kannst Du Datenschutz tatsächlich vergessen. Ich sehe das allerdings nicht als Hinderungsgrund.

1984, das Buch, das die Idee des großen Bruders in das öffentliche Bewusstsein brachte, war nicht vorrangig ein Buch über einen Polizeistaat der seine Bürger ausspioniert hat. 1984's Hauptthema war das Regieren mittels der Angst - etwas, was schon viel systematischer praktiziert wird, als das ausspionieren der Bürger. Die Informations-Asymmetrie, die in 1984 so hervorstechend dargelegt wird, ist mehr ein Mittel zur Angsteinflößung. Natürlich gab es nichtsdesdotrotz Polizeistaaten und diese sind offensichtlich nicht sehr erstrebenswert. Diese Polizeistaaten haben immer und müssen immer mit einer Informations-Asymmetrie zwischen Regierung und Bürgern arbeiten.

Die hier vorgeschlagene Gesellschaft hat keine Informations-Asymmetrie. Eher im Gegenteil, sie ist transparenter als alle Gesellschaftssysteme, die je in großem Umfang getestet wurden.

Um zu verhindern, dass sich diese Gesellschaft in einen Polizeistaat verwandelt, gibt es einen weiteren Schutzschirm, und der ist ebenso wichtig wie die Transparenz: es gibt keine kontinuierliche Legislative, die die Macht an sich reißen könnte.

Das System ist von Grund auf dagegen ausgerichtet, sich in einen Polizeistaat zu verwandeln, es ist nicht wie gegenwärtige Systeme, die solche Schutzmechanismen erst als zweiten Schritt nach schlechten Erfahrungen aufgebaut haben.

Was übrig bleibt sind große neugierige Unternehmen , freche Nachbarn und aufdringliche Paparazzi. Große neugierige Unternehmen können ihre Marketing Abteilungen in die Tonne treten. Übrig bleibt von der Marketing Strategie eines Unternehmens nur sein Ruf und offizielle Beachtung. Diese Firmen sind - wie alle Institutionen in der vorgeschlagenen Gesellschaft sehr viel transparenter als jedes momentane Unternehmen - und tun gut daran, ihre Kunden nicht dadurch zu verärgern, dass sie sie Bespitzeln. Momentan werden die gesammelten Daten vorgeblich für die Marktforschung verwendet - in diesem Fall wären anonyme Daten völlig ausreichend und würden dem Ruf des Unternehme nicht schaden - und für gezielte Werbung. Werbung ist als Propaganda verboten, also wäre das auch kein Problem.

Das Geschäftsmodell, das impertinente Paparazzi unterstützt, würde unter Extreme Governing nicht funktionieren. Die Aufnahmen der Paparazzi wären nicht durch Copyright geschützt. Und die Medien, die diese Aufnahmen veröffentlichen, haben keine Erlaubnis Platz für Werbung zu verkaufen. Der einzige Weg, wie es funktionieren könnte, wäre in den großen täglichen Ausgaben der Regenbogen-Presse, welche wie ich annehme eher früher als später das Schicksal der Dinosaurier teilen wird. Auch die Paparazzi haben ein Xin wie jeder andere auch. Und ihre Opfer werden richtig wütend auf sie sein. Ich glaube nicht, dass es viele Aufnahmen gibt, die es Wert sind ,sich seinen aktenkundigen Ruf zu ruinieren (also sein Xin).

Da sind immer noch die Nachbarn. Erinnerst Du dich, was ich über die Paranoia bezüglich Deiner autoerothischen Praktiken geschrieben habe? Da Du dies hier liest musst Du Dich entschieden haben weiterzulesen. Und hier ist es. Das ist der Preis den man für Extreme Governing bezahlen muss. Ich schätze die Konsequenzen sind eher schwach. Das Bespitzeln der Nachbarn wird für lange Zeit als eine schlechte Angewohnheit angesehen werden (und wenn nicht, haben die Menschen offensichtlich gelernt mit der Transparenz zu leben). Es zu tun, könnte Dich sozial isolieren, da es sich in Deinem Xin niederschlägt. Und es besteht immer die Möglichkeit der Revanche - indem man auch spioniert. Und es könnte auch positive Konsequenzen haben. Eine Tatsache, die immer in jetzigen westlichen Demokratien beweint wird ist die Atomisierung der Gesellschaft, der exzessive Individualismus. Etwas mehr über seine Nachbarn zu wissen, wirkt diesem Trend genauso entgegen wie das Klansystem und die gegenseitige Verantwortung.

Thorsten Roggendorf 2009-07-04